Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1893)
- Issue
- 1 (1.1.1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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wie der Herr Dr. Müller »»nimmt. Geistlichkeit, Adel, Hof« gesellschaft habe« von jeher die ״Eindringlinge" mit scheelen Augen angesrhen, ungefähr wie der Adel den Bürger; bei aller Liebe die von d-m tänzeln gepredigt wird, Laßt und verachtet man sich gern in deutschen Lande»; das Lwil wird vom Militär gering geschätzt, die Herren von der Regierung jei^ » aus den Juristen abschätzig nieder, den Juristen erscheinen die Gymnasiallehrer nicht vollgiltig, die Gymnasiallehrer glauben ein Recht zu haben, etwa die Männer vom Baufach über die Achsel onzusehen. Jeder Registrator betrachtet einen Kaufmann als rin Wesen niederer Gattung und jeder Krämer dünkt sich erhaben über den Handwerker, also einige Anlage zum Judenhaß war schon im Vatrrlande vorhanden. Ader einzig und allein Fürst Bismarck hat da« schlasende Ungeheuer wachgerufen, und jeder vornehme Dummersahn, der sich auf der Universität über seinen fleißigen jüdischen Kollegen ärgert, empfindet jetzt ,,rrligiSS und national." Wir wollen uns diesen geschichtlichen Zusammenhang , nicht verwirren lassen; Fürst Bismarck hat die Meute loSgelasscn. U.d noch heute ist der Antisemitismus die Form der Sozialdemokratie, ,durch die der Neine Beamte sich bei seinen Vorgesetzten nicht mißliebig!״acht. Die antisemitischen Spektakelmacher haben ihren verschwiegenen An- Hang in hohen Kreisen; das ist ihre Stärke, im Volke Helden sie kein« tiefen Wurzeln. Bon dem..grauen HumanitätSdusel" denken wir nicht so verächtlich, wie Dr. Johannes Müller. Aber r« verdient Beachtung, wenn Dr. Müller vom Antisemitismus sagt: ״Ein Geist der Verblendung und Verstockung ist über di« Lhristrn-Gemeinden gekommen, daß sie nicht erkennen, wie sichtbar diese neue Bewegung den klaren Worten unsere« Herrn und dem heiligen Geist des lebendigen Gotte« spottet, ein Faustschlag in Jesu« Angesicht re." ״ES giebt keine gräßlichere Satire auf das Ehristenthum als den christlichen Antisemitismus." Und nun sollen wirun« verständigen! mit wem? etwa mit den Geistlichen, die Herrn Ahlwardt auf den Schild haben? oder auch nur mit der offiziellen Kirche, die neuerding« erklärt H it, daß sie kein. Jota von dem tradirten Be» krnntniß aufgiebt? Es hieße Oel in'« Feuer gietzen, wenn wir darüber weitläufig redeten; aber Herr Dr. Johannes Müller sieht wohl ein, daß da« Judenthum sich selbst ausgiebt, wenn es auf den Boden dieses auf tausenden Kanzeln verkündeten offiziellen BrkeuutnlffeS tritt. Herr Dr. Müller meint indessen, die Kirche sei nicht da« Ehristenthum; daist zuzugeben, und der verständige Jude achtet auf jedes Zeichen, das darauf hindeutet, daß der Geist der Propheten de« alten Bundes wieder volle Macht gewinnt unter den Bekrnnern des ״neuen Bundes". Wir aber verhalten uns nicht ablehnend oder gar feindselig zum Ehristenthum; nächst der Gesetzgebung am Sinai ist uns di« Stiftung des Ehristenthum« da« größte und seMAsreichste geschichtliche Ereigaiß; wir beklagen tief den üd eine« Jeden, der um seiner Ueberzeugung willen leidet; dir vkruadzwanzig Bücher der heiligen Schrrst sind der ge- «einsame Boden, selbst da« möchten manche christliche Theologen nicht gern wahr haben. Mit aller Vorsicht und in aller Bescheidenheit wagen wir dte Behauptung, daß Christus unserem Blanden näher steht, als dem Ehristenthum. Die beste Verständigung zwischen Juden und Umisten, zwischr, Judenthum und Ehristenthum dünkt uns, wmmtvir alle dogmatischen, religiösen Fragen bei Seite lasten, und «S zusamwenfillden in Werken der Nächstenliebe, im ״grauen HumaaitätSdusel", in freudiger Hingebung an den Dienst für» Vaterland. Wir Juden weiden un»zusammenuehmen, und un« vom Judenhaß nicht verbittern lasten. - B. RJU Berichte md» L»rreH»»r>de«ze»? DoittscklawH.' Magd«tz»rg. Der November-Vericht der Alliance JSr. Univ. enthält unter der Ueberschrist: ״Eine Verleumdung" ' folgende Vermahnung de« Eentral-Eomit-'S: .Ein berliner Blatt, dir .Staatsbürger Zeitung", bekannt durch ihre gehässige» nnd heftigen Angriffe gegen die Juden, bringt ne ihrer Nummer vom 21. Oktober 1892 einen Artikel, überschrieben: Der Nihilismus und die Alliance JSraelite, in welchem als Thatsachc erklärt wird, daß die Alliance Verbmdungen mit den russisch?» Nihilisten unterhielte, daß sie dieselben unterstützt und oas Entkommen mehrerer unter ihnen, die Verbrechen begangen hatten, beförderte. Behauptungen dieser Art verdienten nicht di« Ehre eine« Dementi-, wenn nicht erwiesen wäre, daß dir fantastischste» Anklagen, die unsinnigsten Verleumdungen in gewissen Kreisen Glauben finden. Da« Eeritral-Eomitö erklärt folglich, daß obiger Artikel ein Gewebe von Unwahrheit und Berläumdüngen ist, daß die Alliance mit den Nihilisten niemals, weder direkt noch indirekt Verbindungen gehabt hat, und daß sie niemals weder ihren materiellen noch ihren moralischen Beistand irgend einer politischen Agitation geliehen hak. W«gSeS»rß. Aus Berlin wird der ,Magd. Zeit." telrgraphirt: .An den höchsten Stellen, wie in den leitenden Kreisen herrscht tiefe Verstimmung über das Treibe» der Antisemiten und noch mehr darüber, daß die couservativ«' Partei sich von den Antisemiten hat in das Schlepptau nehmen lassen. Da» Gebahrrn der konservative« Blättet; denen diese Thatsache sehr genau bekannt ist, darf darüber nicht täuschen. Die Heftigkeit ihrer Sprache ist im Segentheil nur eine Bestätigung dafür. Der jetzt so vielfach erörterte ,Fall Löwe" wird, wie! wir mit Bestimmtheit melden können, im Reichstage erneut - zur Erörterung kommen. In welcher Form da« geschehe» > soll, ist augenblicklich noch Gegenstand der Verhaadttutg. Augenscheinlich will die Regierung auch in dieser Beziehung, über ihre Stellung zu der Frage sich aussprechen und heit schaffen. Ob der AuSgang dieser nur wünschenSwerthe» Klärung den Bestrebungen der Antisemiten entsprechen wird, scheint, nach bisher vorliegenden Anzeichen wenigsten«, sehr fraglich. Aerli». 29. December. Hier ist das Gerücht verbreitet, daß in letzter geheimer Sitzung unserer Gemeinde- Vertreter ein Antrag oe« Vorstandes berathen und a ngenommen wurde, sich mit einer Petition an de» Kaiser zu wenden, um Namen« der deutsche» Jude» dessen Schutz anzuflehen gegen die AuSschrestungen de« A»- tisemitiSmn«. Al« die Urheber diese« Plane« werde» die. HH. Vorsteher Justizrath Meyer, Commerzienrach Bold-' berger und Geh. Lommerzienrath Herz genannt. Die^ eminente Tragweite diese« waghalsigen Schritte« leuchtet.' jedem auf den ersten Blick ein. Die heuttgr,BoikSzeituu»' beleuchtet bereits in einem Leitartikel die ganze Gefährlichkeit dieses Borhaben» und warnt vor der Ausführung, sie sorixrt dir jüd. Gemeinden Deutschlands aeradez« auf, dagegen m\ tcstiren, daß der Berliner Vorstand in ihrem Name» da« Wort führe. Wir theilen einige ihrer schwerenviezttü«, Gründe hier mit. Da« echt-liberale und un« wohlgesinnte Blatt schreibt in dem ,Reichs-Schutzjuden'' berstelt» Artikel wie folgt: .50 wenig wir » nun irgend Zemandem verwehren sich mit irgend einem Gesuch an den Monarchen zu wende«, so w» «tg vergehen wir den Schritt, den der Vorstand der jüdische« Gemeitch» vorhat. L» scheint, di« Herren haben sich di« Tragweite Schritte» " de.l de» Übrigen Staat» bür gern. erbitten,׳ Ddrr wollen st« überhaupt at» kaiseriich« Gnade »va» ihnen «nd ihren Glaubensgenosse« von 8echt»wegen »t» m» jngestanden istwollen st« sich nnd ihr« SlaadensgenoDen . ssnlich »nter den Schntz de» Kaiser» stellen, der ihnen ohnedies nicht hat. L» scheint, die Herren haben ya» ott Lragwen« יוייס■ ritte» nicht genügend klar gemacht. Di* verfassnng gewährtelpet jüdischen MÜdürgern gleich« Freiheit, gleichen Schatz ■אי Übrigen Staatsbürgern. Wa» sollen di« Herren darüber hman»