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Israelitische Wochenschrift · 1893-01-01 · 1 (1.1.1893) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
24 (1893)
Issue
1 (1.1.1893)
Date
1893-01-01
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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zur höchste» ausgestachett wiri, wenn chm die Bente, die e» schon Zwischen den Zähnen hakte, «n tristen wird, so Hit die SffentlicheErNärung daß diese beiden chwer verläumxten Männer tknschuldig si nd. die Gluth nur um so heftiger entfacht. Dieser Laß scheint uns fast unbegreiflich. Denn wir sind unS bei ernstster;Prüfung keiner so schweren Schuld ׳ bewußt, die nur annähernd diesen leidenschaftlichen AuSdruch rechtfertigen könnte. . iVrr wagen gettost die Behauptung, daß die halbe Million Sjttben, die in Deutschland lebt, der Gesammtheit so nützlich v ist, wie irgend eine andere gleich große Bolksmaffe im Baterlande, wir wollen unsere Fehler.nicht verberger, aber Fehler sind keine Frevel. Es giebt keine andere Erklärung für diesen Haß als tie, daß wie das Feuer sich an sich selbst heftiger entfacht rmd steigert, so auch der Haß sich durch sich selbst nührt «nd vermehrt. Wir erleben eS täglich, daß sich Jemand in eine Wuth hineinredet und die Alten haben unS.die Regel gegeben: ILM אל תרצה אחד׳בי־ך ב-7ת .besänftige Keinen im Moment seines Zornes", denn der Zorn wird dann nur um so stürmischer. So ergeht es auch unjern Gegnern; sie lerauschen sich in ihrem eigenen Ingrimm. Aber wir dürfen darüber nicht allzusehr erstaunen, denn die heilige Schrift erzählt, daß solch ein schrankenloser Haß sogar unter Brüdern möglich ist, bei den Brüdern des Joseph wirklich vorgekommen rsr. Bon den Brüdern des Joseph heißt eS: «וישנאו אותו ולא יכלו דברו לשל .So sehr hißten sie ihn, :daß sie nicht fteundlich mit chm zu rede» vermrchten." Wer! erst diesem bösen Feinde seine Seele öffnet, der läuft Gefahr, daß er sich ganz der Seele bemächtigt. W:n» Brüder sich soweit fortreihen lasten, daß sie den Bruder׳, der ihnen nichts zu leid gethan, tödtlich verfolgen, dann kann eS uns nicht Wunder nehmen, daß die Lust zu Haffen und sich auszuregen gewaltig ausschreitet, wie wir eS gegenwärtig in 'Deutschland wahrnehmen Freilich, wenn auch die Gründe klein und kleinlich waren, aanz grundlos war׳ der Haß der Brüder gegen Joseph nicht. Jaseph trug einen bunten Roek und führte prahlerische Reden, das sind an sich harmlose Dinge; dennoch waren sie der Funk, der die große Gluth entzündete. DaS .bunte Kleid" erregt auch in der Gegenwart gegen Juden Neid und Mißauust; sind eS Ueberreste des altorientalischen Geschmackes? Ast eS die den slavischen Stämmen eigene Freude am Grellen r!ud Bunten, die viele in slavischen Ländern wohnende oder 'von dorther stammende Juden übernommen haben? Diebunte Kleid fällt auf. regt auf, ärgert und erweckt Abrieigung gegen uns. Der Jude sollte in dieser argen Zeit auch den geringfügigsten Anlaß den Haß zu mehren, vermelden, und den Prunk und den LuruS in der Kleidung möglichst einschränken. Und Joseph führte prahlerische Reden, dadurch wird ein Mensch gewöhnlich mehr lächerlich als gefährlich. Aber wenn erst einmal die Abneigung vorhanden ist. so lietrachtet sie jede Schuld des Gegners mit dem BergrößerungSglase; da» tzierede des Joseph, an sich ohne besondere Bedeutung, goß, da die Gemüther der Brüder erhitzt waren. Oel irr» Feuer und brachte dem Hause Jakob's Schand- und Zxhaden. Wir leben jetzt in einer Zerr, wo betrefft deS Juden« thu«S der Satz deS Dichters gilt. »Du» Umxrnünsiige zu verbreiten bemüht man sich nach allen Seiten". Bald sollen wir nach Weltherrschaft streben, bald junge Kinder tödten, bald das Vaterland verrathen, wobei denn die Judensei »de in Frankreich behaupten, die Juden seien dort Freunde der Deutschen, »ihnend w» wieder auf deutschem Boden der Freundschaft für Frankreich beschuldigt werden. Gegenüber dieser stän» digen Aufteilung müffen wir besonders vorsicktig sein und «icht durch unüberlegte Worte da» Feuer schüren. Wir sollten überhaupt nicht vergessen, biß wir eine Minderheit sind, und daß eine Minderheit mmer eineu en Staad hat; sie wird schärfer beobachtet und schärfer beurthellt und man läßt sie nur «st Widerstreben gelten. Auch hierfür ist eine Episode auS de« Leben de» Joseph lehrreich. Höflinge sind sonst darauf eingerichtet die Warte des Fürsten nur mit stärken» Accenten zu wiederholen. Nun steht Joseph vor Pharao, verkündet erst die sieben Segensjahre, sodann die sieben Hungerjahre und giebt dem Könige unter dem Beifall der ägyptischen Höflinge weisen Rath; und Pharao wendet sich an seine Diener mit den Worten: .fände sich wohl wie dieser ein Mann, in dem der Geist Gottes ist?" Was antworten die Diener des Pharao? Unfähig dem König »u widersprechen, aber ebenso unfähig den Haß gegen Joseph den sie für einen Eindringling hielten, zu verbergen, antworteten sie — nicht»; sie können sich, trotzdem die Grüße Joseph'» offenkundig ist, zu keinem Worte der Anerkennung für Joseph verstehen, als sie merkten, daß Josepb zu einem hohen Amte ooo Pharao auSersehen sei; da» hat den Joseph nicht' abgehalten dem Pharao und Aegypten treu zu dienen. So dürftn wir uns nicht verwundern, daß Juden für das Gute, da» sie thun, schwerer Lob und Anerkennung sinden; wie Joseph allein ktand am Hofe deS Pharao, so sind wir Juden durch unser religiöieS Bekenntniß getrennt. unterschieden; man entschließt sich leicht, uns zu tadeln und schwer, unS zu lobe». Wir müffen uns schärftr de obachten, weil wir schärfer beobachtet werden. Unsere Alten sagen: die Geschi hte wiederholt sich; was den Vätern begegnet ist. begegnet den Söhnen; wir lesen die Kapitel von Joseph und finden so manchen Anklaug an die Noth und Prüfung dieser Zeiten. Die heilige Schrift ist nicht überwunden, nicht veraltet; eS giebt in einem wasserreichen Gefilde Brunnen, die eine Zeitlang versiegen, um dann nur best,׳ kräftiger zu fluthen; so gibt es in der beiligea Schrift einzelne Kapitel, die einem bestimmten Zeitalter׳ weniger lehrreich dünken; aber wie übereilt ist eS, deswegen da» ganze Quellengebiel gering zu schätzen; vielmehr sollte gerade unser Geschlecht mit freiem Geist die Bibel leftn; .auf all ihr Durstenden eilet zum Quell. B. E. ,Zer Weg zur Verständigung zwischen Iuderrtstum »nd Kstristentynm". So lautet der Titel eine» Bächleins. daSDr. Jo banne» Müller jüngst in Leipzig veröffentlicht hat, und da» un» wie eine Oase in der Wüste anmuthet. Aber gerade gegenüber solch' freundlichem Zuruf, an den wir nicht gewöhnt sind, wächst nur die Schwierigkeit, standhaft zu bleiben, bei der Fahne zu verharren, dcn heiligen Gedanken, die wir vertreten, nichts zu vergeben. Wienern würden wir mit der christlichen Gemeinschaft, in deren Mitte wir leben, gesanNiche Gemeinschaft pflegen; wir wiffen sehr gut, daß die Brücken zahlreich sind, die unS verbinden. Aber der Antisemitismus, au den wir sonst oft genug denken, scheidet au» aus unseren Gedanken, ^»enn wir solche Erwägungen anstellen. DaS fthlte noch gerade, daß wir um dieser Lügenbrut willen einen Schritt von der Wahrheit wichen. Mögen sie uns zu Grunde richten, wenn sie eS können; unverbefferliche Optimisten, wie wir Juden sind, glauben wir vsrläufig nicht an die» Können; aber selbst wenn sie eS vermöchten, wir wären wahrlich nicht die ersten Märtyrer, die für unseren Glauben leiden. Herr Dr. Johanne» Müller vetsällt in den Fehler, daß er sich die Geschichte konstruirt, statt einfach die Thaisachm zu erkennen. Zuerst die politische Emanzipation der Juden, da hat die Kirche, da hat das Ehristenthu« sich kein besondere» Verdienst um »ns erworben; wäre nicht ein von der Kirche unabhängiger Geist in Europa erwacht, so wären wir wahrscheinlich nicht vorwärts gekommen. Auch ist der Antisemitismus nicht eine solche Urkraft,

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