Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 52 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 205 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ifc; aber nicht mit jener Art von Liebe, nelche blind dicht, sondern mit der wahre» Liebe, welche hellsehemd zunächst tr di« Vorzüge, aber auch für die Fehler de» geliebten Gegengabe» macht." — Mit dieser Antwort begnüge ich mich ern, zumal ich nur die Absicht habe, Ihnen zu sagen, dag Ihr schöne» Werk mit der größten Bewunderung gelesen ^-hosie, und daß ich Ihnen von ganzem Herzen für die an- Prnehuie.r Stunden danke, welche mir die Lektüre desselben Bereitet Hot." Ich bin kein Neuling auf diesem Gebiete; seit Jahren habe ich ihm mein ungetheiltes Interesse zugewendet, und e» dürste Sie" nicht wundern, wenn ich Ihnen sag:, daß mir "da» Meiste, «x>» Sie sagen, eigentlich nicht neu ist, aber die Klarheit'der Auffassung, wie die herzgewinnend« Art und .Weise, mit der Sie Ihr Thema behandeln, sind mir neu, so daß ich den Wunsch nicht unterdrücken kann, daß Ihre belehrenden und friedlichen Worte die Ohren derer erreichen möchten, für die sie bestimmt sind. — Ich weiß in der That nicht, ob ich Sie in der Darstellung der Frau im Allgemeinen, oder des jüdißhen Weibes im Besonderen, mehr bewundern soll, aber Sie werde«. eS natürlich finden, wenn ich, dem Zuge meine- Herzen» folgrnd, mich für das Letztere entscheid«, und ra t dem englischen Dichter au»rust: with all thy taolts. I love thee still.- Nachdrin Sie nunmehr die Stellung der jütischen Frau nicht nur durch Jahrhunderte, sondern durch Jahrtausende J, betrachtet haben, fühlen Sie zum ersten Mal be Ihrer Arbeit eine Beklommenheit, al» Sie an die Besprechung über die heutige Jüdin anlangen. Sie sagen, daß sie zu viel sjauf Aeußrrlichkeiten giebt und den inneren Werth vctnachlässigt, der ihre Vorgängerin so vortheilhast auszeichnet. . Das ist ein harter Borwurf, aber so sehr ich auch mein Volk liebe, könnte ich sie zu meinem Bedauern nicht ganz frei davon «prechen. Obgleich AehnlicheS schon zn Jesaia's und andere Zeiten vorgekommen, möchte ich doch sagen, daß * sie di« Schuld nicht allein trifft, und es auch nur eia kleiner Bruchtheil der Jüdinnen ist, gegen die sich dieser Vorwurf richten kann. Die Sucht zu prunken ist in allen Lagern anzvtresfen: denn ao»i fon tntte und der Mangel an Pietät und Religiosität, über den Sie mit Recht klagen, ist ebenfalls hüben und drüben gleich. ES ist ein Zeichen der Zeit, in der wir leben, und dir Frucht de» JndifferentiSmuS, dieses üppig wuchernden Giftbaumes der Großstädte. Sir selbst führen den aufmerksamen Leser nach Rußlond, Polen, Galizien, auch nach Rumänien und Holland, und liefern neue Beweise, daß das jüdische Weib trotz alledem seine alte Tugenden nicht ganz eingebüßt hat. Und ich möchte mir erlauben. Ihnen aus meiner eigenen Erfahrung einige Beispiele anzuführen, daß auch die schöne alte Sitte des Freitagabend», dessen Zauber Sie in so schöne Worte kleiden, noch nicht ganz geschwunden ist. Aber ich will Sie nicht in die Wohnungen der Armen und Unglücklichen führen, wo die Religion ihre sicherste Heimstätte hat, sondern in die Hloser der Reichen und Aufgeklärten, die darüber hinweg sind, und sich gewöhnlich um solcheDinge gar nicht küm- »ern. — Doch eh« ich damit fortfahre, kann ich nicht umhlg, wiederum meiner Bewunderung Ausdruck zu geben, «eso es Ihnen, det Fremden, gelungen ist, so tief in die geheimsten Gefühle — ich möchte sag,n: in dir Mysterien —'■ der,religiösen Verklärung Andersgläubiger einzudringen. Da« muß man mit erlebt haben, und muß einem von der I rthesten Kindheit an anerzogen sein, um von seiner Heiliaj St tmrchdrungen zu sein. Gerade der Beginn der Sabj tthseier hat sich so fest gesctzt bei der jüdischen Frau, daß! hr sogar dort, wo dieser Gebrauch nur noch eine Gewöhn- | eit ist', oder nur aus gewissen Rücksichten geübt wird, i »Hier noch ihren poetischen Hauch bewahrt hat, wenn sie | | schon triel von ihrer ursprüngliä«n Sinrühtung derj it hat. > Ich «verde nie die «oeihevollen Stunden in meinem | Elternhause — und da« ist schon sehr, sehr lange her — I vergessen, die den Sadbath einleiteten; wie nach und nach! jede Beschäftigung ruhte, und alle» sich schmückte zum Em-! pfang „der Braut?; wie sich so verschiedene Kleinigkeiten zu einem schönen Bilde gestalteten, und wie der Bater^nach der ‘ ' aus dem Gottes Hause da» hohe Lied vom „Biedern ibe"*) anstimmtt. — Nach einer Reih« von Jahren kam ich nach England al« Hauslehrer zu einer der reichsten Familien in M. . . . Ungefähr eine viertel Meile von der stadt steht auf einer Anhöhe, in der Mitte eine» prachtvollen Garten», ihre schöne Billa, und schon das Aeußere zeigte, daß ihre Bewohner zu den Günstlingen des Glücks gehörten. Alles war so ruhig, so heilig da draußcn, und aus der Stille und dem Frieden draußen tonnte inan schließen, daß eS drinnen ebenso war. ES war Freitag gegen Abend. Die Sonne näherte sich ihrem Untergange. Nach einmal warf sie ihre scheidenden Strahlen durch die hohen Fenster de« wie von einem Zauber umgebenen Hauses und verschivand hinter den nahen Bergen. In einem Zimmer, von wo au» man das blendende Abendroth sehen konnte, sah eine schöne Frau, umgeben von ihren Kindern, die einen Halbkreis um den gemüthllcheu Herd bilderen Auf der einen Seite faß die glückliche Mutter, .zurückgeworfen in ihren Lehnsessel; ihr gegenüber ihr ältesttr Sohn, zwischen Beiden eine jüngere Tochter, und drei noch jüngere Kinder hielten vor ihnen auf dem weichen Teppich. Die Uhr in der Halle hatte eben 7 geschlagen, und tritt Freud« und fast einstimmig riefen alle aus — „eS ist ZZabbat!" Die Gebetbücher wurden herbeigeholt, und nachdem ein Theil der Gebete verrichtet «var, erhob sich die gotteSsürchtige Frau, zündete zwei aus dem Tische stehende Lichter an, sagte den üblichen Segensspruch und setzte dann mit der alten Allegorie von Scllomo Alkabez: „Komm mein Freund, der Braut entgegen," die angefangenen Gebete fort. — Während die Kleinen in stummer Bewunderung aufblickten und mit Freude und kindlicher Andacht auf die Lobgesänge horchten, öffnete sich leise >ie Thür. Der Vater, den Geschäft,! zurückgehalten hatten, trat rin, und mit wonnestrahlendem Antlitz schloß er sich d«!r andächtigen Gruppe an. — Nach vollendetem Gebete erhob sich jedes Kind, ging zum Bater und zur Mutter, neige in Demuth sein Haupt, um nach pratriarchalischem Brauch den Segen der geliebten Eltern zu empfangen. Die Jüngsten zogen sich, nachdem der Bater den SegenSspruch über einen Becher Wein gemacht, zur Ruhe zurück, mit der Saat unv:rgänglichrr Freude in ihren kleinen Herzen, während die größeren zurückblieben und nach einer leichten Mahlzeit den Rest des Abends mit den Eltern zubrachten.* Dieser und ähnlichen Scenen habe ich oft beigewohnt und sie bewundert, und diese Scenen stehen nicht vereinzelt da, sie sind in allen Welttheilen anzutreffen. Nur in Deutschland, und besonders in den großen Städten, hat dieser schöne Brauch am meisten gelitten, aber ttotz mancher Fahnenflüchtiger bleibt er doch. Als ich nach längerer Abwesenheit wieder in die Hrimath zurückkehrte, erhielt ich einst einen Brief von einer lieben Verwandten, einer hochgebildeten Frau, die mit Glücksgüter« reich gesegnet, sehr wohlthätig ist und ein fromme» Gemüth besitzt, eS aber mit den Ceremonialgesetzen nicht besonder» genau nimmt, doch de« Freitagabend würde sie sich nicht nehmen lassen. Es war am Freitag gegen Abends al» sie mir jenen Brief schrieb, sie brach plötzlich mit dem Schreiben ab und schloß mit den Worten: „Es ist bald Sabbath, und ich muß schließen, um mein« Lichter anzuzündcn." Nach dieser Kategorie kommen erst die ganz Indifferenten, die aber jedenfalls am fchwächsttn vertreten sind. ’.i öpr Sfllomoni« 3t, 10.