Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 52 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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so ist er doch nachsichtig Andern gegenüber. Er ist I ein seltener Charakter “ .Run, dann hoffen wir, daß sich Alles zum Guten wende.' .Hoffen wir es," stimm« Friedheim der Sprechenden zu. „Es ist nun erforderlich, daß ich Lüwen ersuche, ungesäumt heimzukehren. Er kann, wenn ich jetzt ein dirsbezügliches Telegramm abgehen lasse, im Laufe des heutigen Abends hier eintreffen." „Bitte, thun Sie es. Ich werde nun zu meiner Schwester eilen, die wegen meines langen Fortbleibens gewiß beunruhigt sein wird. .Weiß Ihre Schwester, zu welchem Zwecke Sie da» Haus verließen? Weiß sie überhaupt, vaß Ihr Vater sich entfernt?' .Sic weiß weder das Eine, noch daS Andere. Sie glaubt nur, der Vater sei für eine Weile ausgegangen.' .Das ist gut so, lassen wir sie vorläufig in Unkenntniß über den wahren Sachverhalt und suchen Sie sie betreffs des Vaters möglichst zu beruhigen.' Meta reichte Friedheim unter dem Ausdrucke herzlichsten Tankes die Hand und entfernte sich.- * * * Als Frirdheim am Abend desselben Tages das Tageblatt zur Hand nahm, fiel sein Blick auf ein mit fetten Lettern gedrucktes Telegramm, das lau'ete: .Heute Vormittag stieß rin Schnellzug der Paris» timburger Bahn auf einen irrthümlich auf einer Keinen tatior haltenden Personenzug. Die Wagen des SchnellzugeS sind zum grüßten Theile zerschellt. Der Katastrophe ynd viele Menschenleben zum Opfer gefallen." Unter diesem Telegramm stand ein anderes folgenden Inhalts: .Durch die Eisenbahnkataftroph« ist auch eine angesehene Familie unserer Stadt schwer betroffen worden. Unter den Todten, welche in entsetzlichem Zustande unter dem Trümmerhaufen hervocgezogen wurden, befand sich auch Herr Leo Salden." Ein jäher Schreck durchfuhr Friedheim beim Lesen dieser Unglücksuachricht. Dann sprach er leite vor sich hin: „So ist er seinem Schicksale nicht entgangen. — Es ist auch gut so." Dann saß er noch lange sinnend da. — * * Rach drei Tagen fand die Beerdigang Leo Salden-, dessen Leiche nach H. geschafft worden war, unter großer Bethriligung der Einwohnerschaft H.'S statt. Joseph Löwen hatte, unterstützt von Zomber, mit größtem Eifer die Vorbereitungen dazu getroffen. War er doch dem verunglückten, dem Vater seiner von ihm über Alles geliebten Recha, durch sein Verhältniß zu der Letzten» viel näher gerückt. — Ja, Recha Salden war nunmehr sein Eigen; er hatte das Geständniß Selbenwohl nicht ohne Bitterkeit vernommen, doch war plötzlich eine schwere, drückende Last von seinem Herzen gewälzt worden. Er schaute nun freier in die Welt hinein, und seltsam, obwohl niemand außer den direct Beiheiligtrn, von dem wahren Sachverhalt unterrichtet war, sah er nirgends mehr die anklagenden Blicke der Mitwelt. Sr war allerdings mit bangen Gefühlen im Herzen nach H. geellt; sein Herz hatte, schmerzlich gezuckt bei dem Lesen des Salden'schen Briefes. Auf die Frage Friedheims aber: .Was er zu thun gedenke,' war er sofort zur Geliebten geeilt, hatte ihre Hand ergriffen, und sie gefragt, ob sie sein theures Weib werden wolle,— trotzdem daS Unglück über sie hereingrtn ochen, das ihr noch verschwiegen worden war. Er wollte ihr Herz erst aufrichlen, wollte ihr Stab und Stütze kein, damit sie sich an ihm wieder aufrichten könne, wenn dir Nachricht von dem jähen, entsetzlichen Tode des t?sie tief niederbeugen sollte. So kam es auch. Mit seltener Ruhe hatte Recha die Trauerbotschaft ' ^'gen genommen. Sie war ganz wie umgrwandelt und der Gedanke an ihr künftiges Glück ließ sie das Tiefschmerzli^ der Gegenwart nicht gar so schwer empfinden. Die Trauerftierlichkeit war beendet. Das Gefolge Haltes den Friedhof verlaffen und den eben frisch aufgeworfen GrabrShügel umstanden Meta und Recha Salden, Stadtra Friedheim, Joseph Lüwen und Felix Zomber. St»" standen sie nebeneinander, ihre sinnenden Blicke auf Grab richtend. Da unterbrach Friedheim die feierliche Stille und spracht mit gedänlpftcr Stimme: 1 „Möge er seinen ewigen Frieden finden, und möge'.derH Herr ihm verzeihen, wie wir Alle ihm verziehen haben. Und<* nun lassen Sie uns noch einer Pflicht der Pietät genüg Sihreittn wir nach jenem Doppelgrabe. Sir wiffen, wes sterbliche Ueberrcste dort gebeitet wurden." Und Alle schritten dem bezeichnetrn Doppelgrobe zu, überl welchem sich ein ansehnlicher Leichenstein erhob. s Hier ruhte Hirsch Lüivcn und dessen unglückliche- Weib^ die Eltern Joseph LüivcnS. Als dieser an daS Doppel grab herantrat, vermocht« er J ein leises Schluchzen nicht zurückzuhalten. Jetzt nahm Friedheim wieder daS Wort und sprach: .AuchIhr, Ihr hartgcprüsten Menschenkinder, habt nun' wohl vollends Euren Seelenfrieden gründen. Verzeiht, wenn! Ihr durch unserer Kurzsichtigkeit so schwer gelitten. Diel Schuld ist gesühnt, und Ihr seid gerechtfertigt." Dann ergriff er die Hand Joseph Löwen- und Rech» Salden- und sprach, sie liebevoll anschauend: „Hier, wo wir unS den Verklärten am nächsten fühler^l möge Ihr Herzensbund besiegelt und geweiht werden, damit! vor Gott die Sühne voll werde, und Ihr Lebensbund nun«' mehr zu einem reinen sich gestalte, das bedroht war durch „Die Schuld der Väter."; An Kahida Aemy. | Bre-lau, den 15. Dezember 1802. j Hochverehrte Frau! Wenn man Ihr herrliches Buch über .Da» jüdische^ Weib" liest, und sich während des Lesen» wohl auch mit \ der Verfasserin desselben beschäftigt, fühlt man sich unwillkürlich in die Lage Jehuda Halevi'S versetzt, als er in de«' scheinbar einfachen Fremden den berühmten Iben Esra ent»' deckte. Man ftagt sich, wer ist wohl unter diese« fremd» llingenden Namen .Nahida Rrmy' ^verborgen? und sehnt sich danach, die Trägerin desselben von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Christlich dingt dieser Name nicht und auch jüdisch nicht, aber die Worte, die er vcrküudtth. schlagen die schönsten Akkord« im jüdischen Herzen an, und wen»^ wir eS nicht aus bewährtem Munde ander» wüßten, würde« wir'' die Verfasserin für eine begeifterte und musterhaftcJüdi«^ halten, die ihre GlanbeaSschwestern mit beredten schildert. Denn so spricht nur eine liebevo lle Schwester eine treue aufrichttge Freundin; so kann keine Fremd« in! die heiligen Gebräuche eine» alttn Bolksstammes eindrinan^Z und di« Empfindungen nachfühlen, welche die Ausübung MC-j selben hervorzaubern. Wie groß, wir unendlich groß muß Ihre Srbc für schwierige Ausgabe gewesen sein, die Sie sich gestellt hatt««^ da» jüdische Weib durch alle Zeiten und alle Länder, so»«M durch alle Lagen de» Leben» zu verfolgen; wieviel Fieißj müffen Sie aus diese mit soviel Unparteilichkeit bis in' kleinsten Details aii-geflihrte Schilderungen verwendet habe« ll Die beste Antwort auf diese Frage aiebt wohl Ihr vereh ' “ Freund und Gönner, Herr Professor Luzarus, in Worte«: „Es will mir scheinen, al» hätte sich die BersasI in die Kulturgeschichte des jüdische« Weibes ein