Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 52 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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38*MAt§ 1898. MUkn-K/^^ Hera^ö^tzebev von Dr. «. R«t«uv in Magdeburg. m s(j\ Hera^ö^gebev von Dr. «. »atz««r ia Magdeburg. Zur Unterhaltung nni» Belehrung für die israelitische Fami lie. t il Die Schuld der Silier. Line Erzählung vni J.Herzberg-Bromberg. (Schluß.) — An Nahida Rrmy Von M. Silbirftein» ^rNÜllill Breslau. — Ei« «Uderungögrund — «u« dem Lprucbs-ta» de» Talmud Poetisch übertragen lon Max Weinberg — O / RSthsek-Ausgaben. — Rälhsrl» Lösung. Rälhsel-Lösung. (U«*thi»tiT «ackdruct »»« diele» Blatte llt „terlagt.) Pie Schuld der $ättr. drlne Erzählung von I. Herzberg. <Schluß.) Stadtrath Friedheim hatte längst das Schreiben mit feinem s o bedeutungsschwerem Inhalte durchgeleser. aber noch immer haftete sein sinnender Blick auf dem Papiere. Lr konnte es im ersten Moment nicht fassen, daß die Asfaire. die vor einem Jahrzehnt sich abgespielt und bezüglich deren volle Klarheit dis zur Stunde nicht zu erlangen gewesen, einen solchen Abschluß sinde» sollte. Wenn es hier auf diesen Blättern nicht geschrieben stände, er würde es für eine Mystifikation gehalten haben, wenn Jemand seinen Verdacht aus den für einen Ehrenmann gehalttnen Salden hätte lenken wollen. Und nun schrirb dieser selbst in einem entscheidenden Momente eine Selbstbezichtigung nieder, in der er ganz die Schuld auf sich nahm * Ja er mußte sich gestehen, die Selbstbezick tigung war eine begründete, denn nur der Thäter selbst konnte die Ausklärungen geben, die hier verzeichnet standen, und nach welchen die eingehendste Untersuchung vergebengeforscht. So war denn Hirsch Löwen unschuldig, und der, welcher am eifrigstcn bemüht gnvrsen, dessen Schuld al* feststehend hingestellt zu sehen, war selbst der Verbrecher gewesen. Wohl schmerzte ihn diese Erkenntniß tief. wohl bekümmerte es ihn schwer, daß eine Familie, deren Lebensstern nach langer, grausiger Nacht eben erst im Aufgel>en begriffen gewesen, plötzlich wieder in T>ie ewige Nacht des Verderbens sinken wußte ohne eigene Schuld. Doch beruhigte ihn wieder das Bewußtsein, nach Möglichkeit zur Aufklärung alles Dunklen beigetragen zu lvben, wenn auch ohne ein positive- Resultat. — Nun schweifte plötzlich sein Blick zu der ihm gegenüberfitzenden Tochter Leo Salden» hinüber, die voll höchster Spannung seinen Enthüllungen rntgegenharrte, und die unausgesetzt ihr,: Augen auf ihn gerichtet hielt. »Run, na» schreibt der Batxr?" diese Frage vermochte sie nicht zurtickzuhalten und wiederholt stteß sie dieselbe hervor. Friedheim hatte jedoch nichrmals diese Frage überhört. Er wollte fei ae Lektüre beenden. Als er jetzt aber wieder dieselbe in dringendem Tone ge» (prochene Frage vernahm, üderkam ihn eine Unruhe. Wat ollte er aus die gewiß berechtigte Frage antworten? Sollte er den Kindern von der Schuld des Vaters Kunde geben. Sollt« er ihr Gemüth mit dem Bewußtsein belasten, »aß ihr Vater ein Verbrecher sei und als solcher sie und di« Heimath verlasse? Konnte er aber ganz den Inhalt des Schreiben», auf den Salden selbst in seinem Briefe an seine Kinder hindeutrte, Prrhkimlichen? Der vor ihm sitzenden Tochter wenigstens inußte er das Weständniß des Vaters offeubaren, damit er i« Bunde mit .. ,<„0-.... . .- ihr jene beiden Menschenkinder, die iri heißer Liebe e »ander zugethan, einander zuführen könne, —die Schwester d.'rselben konnte vorläufig in Unkenntniß von xmselben bleib.m, bis sie grnestn. Wie aber sollte er die Mitthcilung machen? Sollte er selbst schonend den Inhalt wiedergcden? Nein, das wollte er nicht! Sel ist sollte sie die Worte des Vater» vernehmen. Daher sprach er, ihr das Schreiben überreichend: .Lesen Sie selbst, was Ihr Vater hier geschrieben!" — Und Meta von Wiedenhof las das Gesiändniß ihres Vaters. Ihre Augen füllten sich imincr mehr mit Thräuen je weiter sie beim Lesen kam, und ein unausgesetzte» Schluchzen unterbrach die bedrückende Stille, die im Zimmer herrschte. Meta war mit dem Lesen fertig, und nur das eine Wort vcrmochte sie hervorzustvßen: „Entsetzlich!" „Keine Aufregung, meine Liede/ ersuchte Friedheim sie zu beruhige«, „wohl ist an der Sache selbst nichts zu lindern, jedoch erscheint sie mir heute nicht mehr so entsetzlich, da doch das Vergehen zum Theil gesühnt ist/' „©, ist e» nicht entsetzlich, sich sagen zu müssen: Du bist die Tochter eines Bcrbrechers?" klagte Mcta in bitterem Tone. .Sie handeln unrecht! Dieses Wort erwiderte ich auch eines Tages meinem Prokuristen Joseph Löwen auf dieselbe Frage, die er damals an mich richtete, wie Sie solche jetzt an mich richten " Verwundert, fragend blickte Meta aus den Sprrcl-enden - Dieser fuhr fort: ____ .Sie erstaunen über meine Worte? Nun so hören Sie, und Sie werden über manches Räthselhastc, deren Lösung ich Ihnen bisher veriveigerre, Aufklärung erhalten. Sie fragten sich, warum Löwen sich von Ihrer Schwester fern hielt? Nun, ihn bedrückte das Bewu ßtsein, der Sohn eines Verbrechers zu sein. Man beschuldigte seinen Vatec eines Vergehens, das I h r Vater begangen, und belastet mit jenem Bewußtsein, wollte er sein Geschick nicht an das derjenigen knüpfen, die er so innig liebte. Infolge dieses Briefes haben sich die Verhältnisse aber ander» gestaltet. Löwen's Vater ist unschuldig, gerechtfertigt, und sein Sohn kann nun sein Haupt, das von einem vermeintlichen Schuldbewußtsein niedergebeugt war. der Welt gegenüber fr:i wieder erhebe». Er kann nun, ohne sein Gewissen zu beunruhigen und ohne von Borwürfen gequält zu werden, vor ihre Schwester treten und sprechen: Komm Geliebte, sei mein Bleib!" — .Aber wird er dieauch unter den jetzigen veränderten Umständen lhun?" entgegnet«: Meta zweifelnd. .VZird er nicht vielmehr erst recht von der sich fern halten, deren Vater aus seine Eltern erne Schuld gcwälzt, und ihn selbst unglücklich gemacht?" „Er wirb da».nicht thun!" rnstegnete Friedheim. „Ist er auch aus da«Peinlichste gewissenhaft betreffs seiner selbst»