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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 51 (1892) · p. Seite 200

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
51 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 200 (sequence 2)
Language
German
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eine Besorgung zu machen gehabt. Hanna schaltete emsig im Hanse. Ihre Gedanke» wellten jedoch wenig bei ihrer Arbert, vielmehr beschäftigten sie sich mit einem ganz anderen Gegenstände. Da vffnete sich die Thüre, und im Eingänge stand Simon Ehrberg. Erschrocken hatte Hanna auf den Eingrtretenrn geblickt. Sie preßte ihre zitternden Hände auf die wogende Brust, in der da» Herz gewaltig pochte. .Guten Tag. Fräulein Hanna," hatte Ehrberg ihr zugerufen. Sie aber sprach: .Herr Ehrberg, meine Eltern sind nicht zu Hause. Bitte, kommen Sie später wieder." Dann wollte sie in ihre Kammer fliehen. Aber ihre Füße versagten ihr den Dienst. Mit abgewandtcm Gesichte stand sie, wie festgebannt, da. WoS nun folgte, o. es war ein Unrecht, ein Berrath an den guten, theuien Eltern, und doch war diese eine Stunde die einzige, reine Glückesstunde ihres Lebens. Heute noch denkt sie mit Wehmuth wohl, aber auch mit süßem Schauer daran. Er gestand ihr seine heiße Liebe, versicherte ihr, daß er ohne sie nicht leben könne. Sie muffe sein Weib werden. Er wisie, daß er heute noch nicht die Einwilligung ihrer Eltern erlangen werde. Er wolle sich aber nach einer lohnenderen Stellung umsehen und dann vor ihre Eltern treten und diese um ihre Hand bitten Am ersten Chanuka - Abend sei er Wieder hier, dann wolle er sein Glück als theures, köstliches Ehanukageswenk aus den Händen der Eltern entgegcnnehmen. Mit Entzücken hatte sie den Worten des Geliebten gelauscht. und als er näher gelitten, ihre Hand ergriffen und sie in seine Arme geschlossen hatte, da hatte sie der Liebestaumel übermannt. Sie entzog sich ihm nicht.- f i Dann waren sie unter den Versicherungen treuester, unwandelbarer Liebe geschieden. Die nun folgenden Tage verlebte sie unter bangen Gefühlen des Zweifels, ob ihr Herzenswunsch erfüllt werde Den Eltern gegenüber bewahrte sie ein tiefes Schweigen. Die Entfernung Ebrberg's war für diese eine Beruhigung; sie freuten sich sogar darüber, denn nun glaubten sie ihren Hausfrieden gesichert und den Herzensfrirden ihres Kindes unbedroht. Hanna aber hatte eine auffallende Veränderung ihrer Gemüthsstimmung gezeigt. Einer eben gezttgtrn. fast für ihr Wesen unnatürlichen Ausgelassenheit, folgte öfter eine tiefe Niedergeschlagenheit, und dann war sie unter einem krampfhaften Auffchluchzen der nichtsahnenden Mutter um den Hals gefallen, der das Benehmen ihrer Tochter räthselhaft erschien. Endlich war der erste Ehauuka-Abend herangenaht. Mit höchster Ungeduld hatte Hanna dem hereinbrechenden Abend entgegengrharrt. Der aufgehende Abeadstern sollte ihr ein Wahrzeichen für ihr künftiges Lebensglück sein, und sie begrüßte ihn hoffnungsfreudig als ihren Glücksstern. Die Alsfeld'sche Wohnung prangte an diesem Abende in seltenem Festesschmucke. Hanna und ihre Mutter hatten in dem Schmücken derselben gewetteifert. Der Ehanukaleuchter war blank geputzt. Der Vater hatte früher wie sonst seine geschäftliche khätigkeit beendet. Alles war gerüstet und bereit, daS liebliche Freudenfest zu empfangen. Hier im ttauten Heim hatten die Unlnlden des Lebens heute keinen Raum. David Ahlfeld ergriff nun den .Schammes" und begann mit frohbewegter Stimme dir SegruSfprüche über das Chanukalichr za sprechen. Welche Innigkeit drückte sich in diesen schlichten Worten au»? AlSftld war ein strrngfrommer Jude, und mit peinlichster Gewissenhaftigkrst kam er seinen religionsgesetzlichen Obliegenheiten nach. Hanna war von gleichen Gesinnungen erfüllt, aber heute lmtte sie nicht dieselbe Aufmerksamkeit für das ftomme Thun des Vaters, wie sonst. Mft halben Ohren kuschte sie nur den Worten desftlben. Wiederholt hatte sie schon verstohlen nach der Thür geschaut, ob nicht dmcjenige eintrtten werde, der zu kommen versprochen. — Dal erste Ehamckalicht flackerte auf, und sein Lni war ein freundlicher Gruß und eia Ausdruck der darüber, dich es die Bewohner so wohlgemuth angetroffrn,! wie im vorigen Jahre. — Aber sonderbar, in dem unstäten Steigen de» Flämmchens, sah Hanna heute nichts Erfreuende», nein, es war ihr, als winkte das Flämmchen, welche» heute gar nicht so hell ausleuchtrn wollte wie sonst, ihr mitleidsvoll zu. Und «ine peinigend« Unruhe ergriff ihr Herz plötzlich. Der Vater hatte schon daS rMoatis *ur jesobaooi“ beendet und inan hatte sich auch bereitzur Abendmahlzeit zu Tische gesetzt. So oft aber Hanna nach der Thüre spähte,! stets empfand sie eine bittere Täuschung. — — Er kam noch immer nicht — — | Das Flämmchen de» Ehanukalichtes war schon seine« j Ende nahe. Bald mußte es verlöschen. Da — flammte es > noch einmal hell aus. so hell, wie es heute noch gar nii ' geschienen. Starr blickte Hanna in den Flammrnschein uni l nun war es, als ob ihr au« demselben Worte de» Trostes'! zugerufen würden ob des Verrathe», dm der an ihr begangen,! auf den sie so felsenfest gebaut. Und als bald darauf an! die Stelle des jäh ausblinkendcn Scheine« tieft Finsteimiß > getreten war, da war es auch finster geworden in Hanna's | Herz-der glänzende Hoffnungsschimmer in ihr war i verblichen. — i Simon Ehrberg war wortbrüchig geworden. Er hatte! sein Wort nicht eingelöst. Hanna hatte ihm ihre Liebe be- | wahrt. Rur ihm galt trotz seiner Untreue, seines Verraths; ihre erste und einzige Liebe. ' Alle Bewerbungen war sie sottan au» dem Wege ge- | gangen So sehr lie Eltern auch drängte», sie lehnte es > ab. ihrem Verlangen zu entsprechen. Sie wollte mit der Lieb«! zu einem Andern im Herzen nicht vor den Traualtar treten. Di- Eltern erfaßte darob Gram und Kummer, der sie tief niederbeugte und sie nach kurzer Zeit dahinrafftr. So stand denn Hanna allein aus der Welt, entsagungsvoll hatte sie sich von Allem zurückgezogen und in ihrem kleinen, aber ttauten Dachstübchen mit sttner einfachen Ausstattung fristete sie ihr Dasein. Bei ihren bescheidenen Ansprüchen war es ihr möglich, durch ihrer Hände Arbeit die Mstttl zum Lebe« sich zu beschaffen. So lebte sie denn in ihrer Zurückgezogenheit acht Jahre lang, als plötzlich durch einen Brief ihre HerzenSwunde wieder aufgeriffen ward. Er, deffe» Andenken in ihrem Herzen durch dft Jahre nicht erloschen war, wandtt sich mit einer Bittt an sie, der ersttn und letzten. Es war da» Bermächtniß eine» Sttrbenden gewesen. Welch bitteres Weh hatte ihr Herz erfaßt, al» sie die Worte Simon Ehrberg's gelesen. Sie glaubte sich gestählt und nun. da er in sttner letzten Stunde zu ihr sprach, erfaßte sie wieder der ganze Schmerz von ehedem. „Schwer hatte ich meinen Treubruch zu büßen," so schrieb er; „ich war nach F. gekommm und fand dort lohnende Stellurm in ttnem nichtjüdischen Hause. Das Geschäft gehsGei einer Wittwe, welche gemeinschaftlich mit ihrer Tochter in demselben thätig war. Da die energisch« Leitung einer Männerhand fehlte, so ttug mir die Frau die Hand ihrer Tochter an. Sie wußte nicht, daß ich ein Jude sei. Aussicht, der Eigenchümer eine« augenschttnlich gut sundirWtz Geschäfte» zu werden, war zu sehr verlockend für mich gewesen; ich wurde Dir, liebe Hanna, untteu und willigte unter der Bedingung ei», daß ich Jude bleiben könne. Ich überließ e» auch mttner Bra. ob sie ihren Glauben beibrhaülG^! wolle oder nicht. Die erste Zttt meiner Ehe war ttne ziemlich:! glückliche. < Bald aber erkannt« ich, wir arg ich mich verrechnet hatte.-! Da» Geschäft stand auf schwachen Füßen und war de» Bankerott nahe. Dazu verfiel meine Frau nach wtnigM Jahren in ttne schwer« Krankheit, die mtt ihrem Tode endeG

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