Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 49 (1892) · p. Seite 192

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
49 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 192 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6492351-8722847-5962177--2035-5375481
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

»Aus Grund der soeben seitens des Herrn Siadtraths Friedhcim gegen Sie erhobenen Beschuldigung verhafte ich Eie in, Namen des Gesetze-!" Er winkte einem in seiner Nähe befindlichen Polizisten, welchen er beauftragte, den Arrestanten, der ohne jeden Widerspruch Alles über sich ergehen ließ, abzuführen. — Jetzt erst war es im Saale laut geworden Die Anhänger Hauswald's tobten jetzt und ergingen sich in noch maßloseren Schmähungen. Sie redeten von Verläumdungen, falschen Beschuldigungen, die gewiß auf ihren Urheber zurückfallen würden. Sic erreichten hierdurch aber nur, daß man ihnen Schweigen gebot. Die Zterhandlungen wurden wieder ausgenommen, und es wurden die seitens der liberalen Parteien vorgeschlagencn Männer unter denen sich in erster Reihe Friedheim befand, als Candidaten der bevorstehenden Stadtverordnctenwahlen proklamirt. Sodann wurde die Versammlung geschlossen. XII. Wochen waren vergangen. Im Salden'schen Hause herrschte Kummer und Schmerz. Als die Schwester von Friedheim die Kunde erhalten hatte, daß seine Vermittlungsversuche ohne güns:igen Erfolg geblieben waren, ja, daß sic sogar eine räumliche Trennung der Liebenden herbeigeführt hatten, da erfaßte sie ein bitteres Gefühl der Enttäuschung und Recl a namentlich war verzweifelt. Sie hatte imHerzeu die Hoffnung genährt, daß sie durch ihre Schmeichelworte, durch ihre lieber redungskünste, die bisher nie resultatlos geblieben waren, ihren Vater günstiger für ihren Zukunftsträum würde stimmen können. Dies aber hatte außer dem Bereiche ihrer Erwägungen gelegen, daß der Geliebte ihr auSweiche, sie fliehen würde. Einerseits erfüllte es sie wohl mit Genugthuung, daß sie der Liebe Löwen'S gewiß sei, andererseits schmerzte sie es um so tiefer, daß der Geliebte einem Flüchtlinge gleich von dannen gegang:n war, ohne irgend ein Hoffnungszeichen für die Zukunft zurückgelassen zu haben. Recha Salden war tief unglücklich, und der Gram, der an ihrem jungen Herzen nagte, zeigte sich allmählich in unvri kennbaren Spuren in ihrer ganzen äußeren Erscheinung. Ein Wurm zehrt» an ihrem Lcbensmarke und untergrub ihr» Gesundheit Meta suchte sie zu beruhigen und sprach ihr unausgesetzt Trost za, Sie drang in sie, in Geduld auszuharren, und ihre Hoffnungen nicht aufzugeben. — Vergebens hatten die Schwestern nach den Gründen geforscht, die Löwen zu einer Abreise gedrängt haben konnten. Meta selbst hatte den Stadtrath Friedhcim befragt, aber vergebens. Dieser hatte aus unerklärlichen Gründen eine volle Aufklärung abgelebnl und nur andeutungsweise von .einem »schwarzen Punkte im Leben Löwen's" gesprochen. Er hatte aber zu neuen Hoffnungen aufgemuntert, da die Zeit «wiß da» aufdecken werde, was vielleicht noch in ein tiefes Dunkel gehüllt erscheine. Diese räthsrlhafren Worte waren aber wenig dazu geeignet gewesen, ttüstend und ermunternd iu wirken. Recha Salden schl'ch bald, rin verkörpertes Bild des Grains, durch die Räume des Salden'schen Hauses. — Am unglücklichsten war Leo Salden selbst. Er sah sein geliedteS Kind dahinsiechen, sah es verkümmern in Leid und Pein, und er konnte nicht helfen! — Konnte er nicht helfen?- Ja, er konnte e«! Er kannte das schreckliche Zauberwort, da» sofort seiner Tochter Eilösung bringe» konnte aus allem Leid, aller Pein. Die>es Zauberwort wäre aber ein Verdammungsurtheil für ihn selbst, wie auch für die, die er glücklich wissen wollte, gewesen. Sich selbst mußte er die Schuld on dem verzchienden Gram der so heißgeliebten Tochter bnmessen, denn er allein war in der Lage, diesen Gram zu bannen. Dieses schreckliche Bewußtsein drückte ihn tief nieder und es bildete allmählich die.trennende Scheidewand zwischen ihm und seinem Kinde. O. könnte er sich der Feffeln rulledigen, die ih» umllammcrt hielten, könnte er das Schweigen brechen, zu de» er verdammt war! Wie glücklich könnte er mit den Geliebt» seine» Herzen» sein! Aber er selbst hatte sich den Weg, der zu solchem Glücke.' führt, in seiner Berblendung versperrt. Da», mittel» deffe« er da» Lcbensglück seiner ältesten Tochter zu begründen wähnt«! und das dieser im Kegenibeil zum Unheil geworden war, esollte nun auch zerstürrnd wirken auf das Lebrnsglück de» jüngsten Kindes, das er nun durch seine Schuld in Schmer-. S vergehen sah. Seine Hcrzrnsruhe war vollend» dahin. Am Tage schaute sein Auge die immermehr zur Jammergestalt gewordene Tochter, die ihn als eine lebende Anklage erschien, und in den Nächten veisolgten ihn schaurige Traumgestaltcn au» einer nicht allzufcrnen Vergangenheit. Recha Salden lag seit zwei Tagen auf dem Siechenlager; an ihrer Seite ivachte treu ihre Schwester Meta, die sie pflegte. Der Arzt hatte, als er die Kranke zum ersten Male gesehen, die Schultern gezuckt und erklärt, daß gegen ei« Leiden, da» Recha aus'« Krankenlager geworfen, jede ärztliche Kunst vergebens sei. Die» wußten freilich alle. Aber wer vermochte das einzige wirksame Heilmittel darzubieten? Salden wagte eS selten während de» Tages, das Krankenzimmer aufzusuchcn. Er wollte seine Scclenqual durch den Anblick der leidenden Tochter nicht noch verdoppeln. Diejenige, welche bisher durch ihr heiteres Wesen, durch ihre jugendliche Munterkeit stets seine Stirne, die des Leben- Ernst ihm tief gefallet hatte, geglättet, ließ durch ihren eigenen Seelenschmerz seine Stirnfalten sich nun noch vermehren und vertiefen. Sie, die ihm bi'her seine» Leben- Trost gewesen und durch freundliches Zureden die ernst» Bilder aus vergangenen Tagen verscheucht, bedurfte jetztseines Zuspruchs. — Wie aber konnte er ihr Trost zusprechen, da er selbst die Ursache ihre« Leiden» mar? Diese tf-edanken erfüllten ihn auch heute, da er sich seinem Kinde nicht länger entziehen konnte. Leise war er an das Krankenlager getreten. Seine »itternde Rechte erfaßte die zarte, wachsbleiche Hand der Kranb» die de» Vaters Eintritt nicht bemerkt hatte, und daher jäh. zusammenschauerte. .. Wie erschrak der Vater, als er jetzt seinen Blick auf,-! da» Antlitz seines Kinxs warf, auf dem eine geisterhafte ‘ Bläffe lag. Die tief in ihre Höhlen zurückgeircteneu Aug» starrten unheimlich ins Leere. Salden fühlte einen stechenden Schmerz seine Brust durchziehen und seine Augen füllten Thränen, — Thräne» des Schmerzes ivaren es nicht allein, — es waren auch. Thränen bitterster Reue. — — O, hätte er doch nicht selbst seinem eigenen Kinde da- Hinderniß aufgethürml, das den Weg zu dessen Glücke versperrte I Hätte er damals sri'ie Leidenschaft beherrscht, waltet»? heute der goldige Schein süßen Glückes da, wo allerort» ihm da» Schreckensgespenst de» Jammers höhnend entgegen-- grinste. Mit zitternder Stimme sprach Salden: »Wie geht es Dir, lieb« Recha?" Langsam wandte Recha ihr Angesicht ihrem Vater zu; dann lispelte sie leise, kaum vernehmbar: »Du bist hier, lieber Vater? — Warum sehe ich Dich so selten an meiner Seite?-“ Den Vater setzte dieie Frage in Verlegenheit. Wasollle er seinem Kinde darauf antworten? War diese Fräste nicht eine berechtigte, und lag nicht ein leiser Vorwurf m ihr? — Er antwortete stotternd: ° »Ich, liebes Kino, — ach, — ich bin in letzter -selbst leidend. Du weißt ja, daß der Schmerz Dich mir tief zu Herzen geht."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.