Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 44 (1892) · p. Seite 172

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
44 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 172 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/6492351-8722847-5962172--2010-5375459
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Salden hatte die letzte« Watt« »fr unsicherer, nAfUIch tttrnder Stimme gesprochen and urcheimliche, lauernd« ttlicke abwechselnd auf Friedheim »nd die Leich« in seiner Mfft geworfen. »Wie da« Berbrechen begangen." entgegnetr Friedheim, indem er au« dem Zimmer trat und, naAem auch Salden dasselbe verlassen, die Thüre sorgfältig abschloß und de« Schlüssel an sich nah»., »daß muß eben durch die Untersuchung klargestrllt werden. Und nun, Herr Salden, werde« Sie mich entschuldigen, ich habe liner traurigen Pflicht zu geuügeu. Ich will die arme, unglückliche Frau Löwen'« von dem schweren Unglücke, von welchem sie heimgesucht nwrden, in schonendster Weise in Kenntniß sehen." »Sie haben recht, lieber Freund," erwiderte Salden, erleichtert aufathmend. al« er bemerkte, daß Friedheim auf da« ihm so lästige Thema nicht weiter einqing. »Ich möchte nur noch wenige Augenblicke in einer Privatangelegenheit mit ihnen verhandeln. Sie hatten die Freundlichkeit, mir durch Lüwen ein <9efäUtgleu«accept zu übersenden, dasselbe Echrifstück, da« wir in einer seiner Rocktaschen vorfanden. Jtd möchte nicht gerne, daß dieses Schriftstück bei der Untersuchung irgend welche Rolle spiele. Ich teoarf dessen auch nicht, da ich vor einer halben Stunde unerwartet «ine größere Geldsendung empfing. Empfangen Sie meinen Dank für ihren Freundschaftsdienst. Das Accept zerreißen Sie wohl." Salden überreichte das Schriftstück Friedheim, der eS ft fort zerriß, und entftrnte sich mit kurzem Gruße. Friedheim begab sich sodann iu das Komtor und traf die Anordnung, daß Jemand die Polizeiverwaltung von dem Borgefallenen verständig«. Er hatte im ersten Augenblicke noch geschcXlnkt, ob er den Verlust de« Geld«« an di« Oeffrntlichkeit bringen sollte. Er wollte auf die ohnehin unglücklichen Angehörigen Löwen'« nicht auch noch den Schandfleck eines niederen Verbrechens werfen. Aber rhu erfüllte noch immer der Gedanke, daß Löwen wohl gar nicht der Thäter sein möge und daß nur mit Hllft der Polizei da« Dunkel, das in der Sach« herrschte, zu verscheuchen war. Ihn selbst traf der Verlust eine« so bedeutenden Kapital« allerdings schwer; er versetzte ihm wohl einen argen Stoß, brachte ihn jedoch noch lange nicht in« Wanken. War doch das Vertrauen, da» er genoß, unerschütterlich und die Mittel, die er noch besaß; waren wohl dazu angethan, chn in kurzer Zett den heutigen Verlust verschmerzen zu lasten. E« war in erster Reihe, bevor er das Äeschäftslokol verließ, seine Aufgabe, für den verlorenen Betrag einen andere« flüssig zu machen, daß die zur Deckung der schwebenden Ber- Kindlichkeiten er^ordettichen Summen zur rechten Zeft der Bankfirma Karl Morrell übermittelt werden konnten, da gerade augesicht« der heutigen Affaire jede« da« Ansehen der Firma Emil Friedheim ftgendwie verletzende Borkvmmniß vermieden werden mußte. Der Ehef beauftragte daher den «astenbeamten, auf irgend eine Weift die nöthigen Gelder flüssig zu machen und sie heute noch abzusenden. T»nn fuhr er nach der Packgasft. Im Löwen'schen Hause hatte sich inzwischen eine tragisch« Szene abgespielt. Frau Löwen hatte unmittelbar nach dem Fortgänge ihres Manne« ihrem Sohne gegenüber ihre Freude über die plötzliche Wendung ihres Geschickes geäußert. Dann hatte sie hinzugefügt; »Wenn der liebe Vater nur Alle« sorgfältig auSsührt, was ihm ausgrtragen wird, damtt Herr Friedheim mü seinen Leistungen zuftieden ist." »Warum sollte daS der liebe Vater nicht?" entgegurte Joseph, von seiner Schularbeit ausblickend, mit welcher er beschäftigt war. . .Ja« weiß nicht, lieber Joseph." fuhr die Mutter fort, .mich beschleicht mit einem Male eine so entsetzlich« Unruh«, da« Herz pocht gewaltig in mir, als sollte un« etwa« Schweres zustoßen." WW»"#-. liebe Mutter." sprach der Knabe aufstehmtz z» i tretend «nd Ihre Hand erfasteud. .Sieh', der HdO hat nun geholfen und darum laß un« froh nnd heiter .3$ kann e« aber nichh so sehr ich r« auch «ö «ntgegnete die Mutter. Da« Glück kam zu plötzlich , :xmim kann ich an ein« Dauer destelbeu nicht glanl Mein Lebensschicksal ist nun einmal so. Tage de« «M waren mir bi« heutt nur sehr wenig« beschieden und war iollte gerade jetzt da« Glück mir hold sein. Möge der $ un« vor einem barte« Schicksalsschlage lnwahrenl" So sprach die von bangen Ahnungen erfaßte Frau einem schweren Seufzer. Da pochte e« ungestüm an Thüre und herein ttat der HauSwirth. der ohne C begann: »Ich muß doch r >bst hören, ob e« wirklich wahr Iva« mir die Leutt da draußen eben millheilten. Hat i Ihnen noch nicht« darüber mitgetheilt, Frau Löwen? Diese verstaub die Frage nicht. .Ich weiß nicht, wa« Sie meinen. Herr Schulze," aegnett tneFrau, einen angsterfüllten Blick auf de« vor stehenden Mann werfend. »Sagen Sie. wa« erzähle»!xnn di« Leutt?" »Mein Gott. Sie wiflen e» noch nicht?" entgqsl Herr Schulze mit höchstem Erstaunen. SBenn e* wahr t»! wa« man sich erzählt, hätte man Sie längst davon ba»! richtigen müffrn." Frau Lüwen war immer unruhiger gewordeu; ei««, etträgliche Angst überkam sie; sie zitttrte an allen GMfet' und nur mit äußerster Mühe stieß sie die Wortt hervor .Mein Mann, o Gott, wa« ist ihm zugestohm?! O, mein« Ahnung!" — »Ja, liebe Frau." sprach Herr Schulze theilnah««» »es ist Ihr Mann, von dem man sich erzählt." »So-erzählen — Sie — doch; martern -wich nicht weittr!" stieß Frau Lüwen hervor. Arme wie flehend ausstreckend und mit einem Ausdruck unsäglicher Verzweiflung in« Leere starrend »Run, so höre» Eie denn in Gotte« Name«, stl erzählt mir eben, Ihr Mann fti auf der Post plötzlich ij Schlage gerühtt. Er"- Plötzlich hielt der Sprechende inne, den« er nah« >j welch' schreckliche Wirkung diese wenigm Wortt auf di« ihm sitzend« Frau au-geübt hatte«. Kaum tzattt dieft erste« Wortt ftine« Berichte« vernommen, durch welche!' Kunde von dem entsetzlichen Ereigntffe ward, als sie konvulsivisches Zucken befiel. Schwer ging der Attzem, wild rollten die unheimlich starr blickenden Augen in i» ungewöhnlich großen Höhlen. Entsetzt war der Mann hinausgeeilt, um der fttß Leidende» Halft zu sende». Aber auch der Knabe, der Spannung der Unterredung der Mutter mit tan Hau««ijl zugehört hatte, erhob sich plötzlich mft einem lauten AMI »Mutter, o Mutter, wa« ,st Dir?" rief er in «I angst. Di« Mutter aber schien ihr Kind utcht zu Hjjj '.Ihre Auge» richttttn sich nicht dem Sohne zu. »Sieh mich doch einmal au. liebe Mutter," ricjl Knabe austchluchzend und die heftig zuckende, fieberglüss ipand derselben erfastend und sie an Lippen und »| pressend. Aber die Mutter hörte uoch immer nicht. $a«_; 1«doch ließ jetzt allmählich nach. Der Fiebergluth, ganzen Körper jäh erfaßt hatte, war nun plötzlich starrend« Kälte gefolgt. Auch daS Auge blieb starrAkl vor und starr wurden nach und nach Gleicht und Ein Gefühl bei Grauen« überkam den Knaben/fril jetzt in das Antlitz der Mutter schautt. 5da« war nichtsI daS Bild des Leben«, das war da« Bill» des TodeSI .Mutter, Mutter, so schaue mich doch ani" rief. Thränen eulSdrechend, »kennst Dn mich denn nicht »

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.