Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 40 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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.Derselbe Friedheim, der vor Jahren Kommis im Geschäfte de» Produkten Händler« Mart»« Forbach gewesen?" »Derselbe ist eS," entgrgnete Fried heim lächelnd. .Und Sie waren r«, der un« gestern au« der Bedräng» niß befreite nnd un« mit so köstlichen Gaben so reich bedachte? Und Sie wollen auch de« Weiteren sich unser annehmen? Haben Sie denn wirklich alles vergessen, was die Vergangenheit birgt?" .Reden Sie nicht mehr davon," entgegncte Friedheim, .ich will nur Ihr Wohlergehen. Ich möchte Sir alle von deS Lebens bitteren Sorgen befreien, und ich spreche die Erwartung aus, daß Sie von meinem Anerbieten Gebrauch machen werden. Aber ein ernstes Wort will ich doch zu Ihnen reden. Ich habe von einer anderen Seite vernoaimen, daß Sie sich von einer bösen Leidenschaft zuweilen Umrißen lassen, und sich in ungebührlichem Zustande auf der Straße zeigen und so der Gegenstand des Hohns und Spottes werden, namentlich denen gegenüber, die gegen uns Juden einen unverlkfchlichen Haß im Herzen tragen und jede Gelegenheit mit herzlicher Freude wahrnehmen, ihren Haß auszudrücken und zu bethätigen. Gestern noch soll es wieder zu einer argen Szene gekommen sein. Dies darf in Zukunft nicht mehr Vorkommen, wenn Sie sich mein Wohlwollen erhalten wollen, da in Ihrer demnächstigen Stellung Aufmerksamkeit und Nüchternheit unbedingt von Ihnen gefordert wird. Aber auch nach einer anderen Seite hin richte ich diese Mahnung an Sie. Sie wissen, wie sehr verbreitet der Groll gegen unsere Glaubensgenossenschaft in dieser Zeit ist, wie sehr man jede Gelegenheit gern ergreift, diesen Groll an den Gliedern dieser Genosienschaft auszulasftn und gleich die Gesamnitheit anklagt, wenn der Einzelne Grund zur Anklage giebt. Jeder Einzelne lebe daher so. daß er keinen Grund , ir Anklage giebt, dann müssen die Beschuldigungen der Gesummtheit verstummen wenigstrnS da, wo die Böswilligkeit sich nicht festgesetzt hat, die auch verketzert, wenn kein Grund vorliegt. Hüten Sie sich also, jenen Leuten allen, die Sie zu hänseln und zu necken trachten, Grund und Ursache zu geben. Beherrschen Sie Ihre Leidenschaft, unter der auch die Ihrigen zu leiden haben." .Ich verspreche Ihnen, eia anderer Mensch zu werden," betheuerie Löwen. „Es soll für mich, wie für die Meinigen ein neues Leben beginnen." .'LS freut mich, daß Sie gewillt sind, meine Worte zu beherzigen. Nach den langen Jahren so bitteren Leiden« chvt es wirklich Noch, und nur ttn Ihrer Hand llegt das Wohl und Wehe der Ihrigen. Seien Sie mir treu, und Sie erhalten sich st«ts meme Gunst. Sehen Sie, Ihr bedauert swerthes Weib bedarf der Erbolung, der Kräftigung und Stärkung, auf daß sie noch einmal erblühe und ihres Lebens wieder froh werde." Dann näherte sich Friedheim der Frau Löwen, die jetzt mü vwklärtem Antlitz« zu ihrem edlen Retter aufichaute, und reichte ihr seine Rechte. „Leben Sie wohl, Frau Löwen. Haben Sie irgend eia Tedürfniß. so wenden Sie sich direkt an mich. Mein Komtrr befindet sich Osterstraße 19." ' Nachdem er auch Hirsch Löwen und dem Knaben die Hand zum Abschied gereicht hatte, entfernte er sich. VII. Im Salden'schen Hause herrschte an diesem Nachmittag e eine gedrückte Stimmung. Namentlich war e« Salden selbst, der durch Geberden und Aeußerungen seiner Stimmung Worte lieh. Vater und Töchter saßen am Familientisch«. Meta Salten war mit einer Handarbeit beschäftigt, die aber nicht sond.-rlich gefördert wurde, da ihre Gedanken sich mft ganz And.irm beschäftigten und nur ab und zu erinnerte sie sich ihr« Arbeit, die dann für wenige Augenblick« wieder aufzenrmmen wurde. Der gestern angeregt« Gedanke ihre« Vaters, zu de» Lieutenant von Wiedenhof i» nähere Beziehungen g» treten, - hatte sie unausgesetzt beschäftigt. So ungeheuerlich dieser Gedanke ihr im ersten Augenblicke auch erschienen war, je mehr sie ihn nach den verschiedeasten Seiten hin tmoa, desto mehr schwand da« Ungeheuerliche und immer mtfyc stieg in ihr der weitere Gedanke auf, daß eine Verwirklichung dessen, was der Vater plante, nicht so ganz unmöglich sei. Sie hatte sich nach der gestrigen Unterredung mit dem Vater die bittersten Vorwürfe gemacht, daß sie so bald, ohne sich irgend welche Bedenkzeit erbeten zu haben, dem Plane ihre« Vaters ihre Zustimmung erlheilt hatte. Heute aber erschien ihr Alle« in einem ganz anderen Lichte, und kein Vorwurf, kein Bedenken machte sich mehr geltend. Freilich, nicht da« Herz war hier bei ihr bestimmend, sondern lediglich der Verstand. .Sie befreundete sich immer mehr mit dem Gedanke», einst in die groß»' Welt cingeführt werden zu können. Gestern hatte ihr Herz noch gesprochen, in dem noch tief verborgen, ein Fünklein für Volt und Glaube glühte, und dies batte, sie zu dem Einwurfe gedrängt. Der Verstand aber hatte jetzt völlig den Sieg über da» Herz errungen und da» einzige Fünklein war schon erloschen. Meta Salden hatte nur noch den einzigen Wunsch, daß da» Projekt d«S Vaters nur recht bald eine feste Gestalt annehmen möge. Aber auch Salden wünschte nichts sehnlicher als die Verwirklichung seiner Pläne. Bei ihm waren cS aber noch ganz andere Dinge, die eine Beschleunigung al» besonder« wünschenswerth erscheinen ließen. Denn heute wäre er, wen» alle Hebel in Bewegung gesetzt würden, noch im Staude gewesen, der Tochter eine angemessene Mitgift zukommea zu lassen; freilich die jüngere Tochter Recha, ein gar liebliche« Mädchen, mußte dann aber auch in ihrem Interesse dabei beeinträchtigt weroen. Seine bedeutende Kapitalien lagen wohl ftst, doch genoß er noch so viel Vertrauen, daß e« ihm «m Leichtes gewesen wäre, sich andere zu beschaffen, da er uoch immer genügende Sicherheit bieten konnte. Er durfte daher nicht zögern, denn ein plötzlicher Schicksalsschlag könnte ihmjäh sein stolze« Phantasiegebäude zertrümmern. < ( Aus der anderen Seite war e« wieder der grenzenloses Leichtsinn de« Lieutenants, der hier bestimmend auf ihn; wirke. Je länger die Angelegenheit sich hinzögerte, desto größere Opfer mußte er bringen, wodurch er an seinem Ött».. mögen immer mehr geschädigt wurde. Denn all da«, wa« vt\ heute noch dem jungen Mann zukommen ließ, mußte er all unwiederbringlich verloren betrachten. Später würde e« ganz anders sich gestalten, denn die Mitgift seiner Tochter^ würde er ja sicher stellen, der Leichtsinn würde schwiadenZ und zu ferneren Opfern würde er dann wohl auch mis ' gedrängt werden, da denn gewiß die Anläffe hierzu fthl« werden. Seltsam, wie doch vorgefaßte Meinungen selbst denjenigen mit größter Zähigkeft cultivirt werden, mit reiflichster Erwägung und erst nach eingehendster zu handeln pflegen. Salden sah nicht, oder er wollte nicht da« Tolljü seine« Unterfangen« erkennen. Er war hier zu jeder s« fälligen Prüfung unfähig. Sein Auge war nur offen das. wa» er wünschte und hoffte; wa« jedoch eiutretm * dafür war er blind. Und bei reiflicher Ueberlegung mußte er doch Ueberzeugung kommen, daß er gerade darauf hiaar seinem eigenen Kinde ein Leben voll de» Elend« zu bt Allerdings de« Leben« Roth würde voraussichtlich nie herontreten, an Mstteln, da« Lebe» zu genießen, würde, ihr wohl nicht mangeln. Genügte aber all diese«, Leben in der Folge zu einem wahrhaft glückliche« zu ges Was eben da« Ehelebeu zu einem glücklichen machen das gerade würde ihr fehlen, und würde vergeben« ,1