Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 39 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6492351-8722847-5962166--1986-5375440- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
iljt Blick auf »ie vor ihr gehend« Mä«!tevzestalt fiel, zuckte sie heftig zusammen und ein Zittern ergriff sie. .Beruhigm Sie sich, lie« Front J>h bitte um Entschuldigung. wenn ich so ohne Weitere« in Ihre Behausung -eiudringe.' Die Aug«n der Frau Löwen hastetm aber noch immer an dem Gefickte Friedheim«. Immer mehr nahm ihr Ge» {icht den Ausdruck höchsten Erstaunen« an. Dann flüsterte kaum vernehmbar: .Mein tziott, ist e« möglichI Emil Friedheim!?' Bei diesen Worten drückte sie ihre zitternden Hände »lvr ihr Gefickt. und ein Schluchzen erschütl.nfte ihren Körper. Friedheim trat näher und ergriff eine ihrer Hände, die sie ihm willig überließ. .Ja, Martha, Emil Friedheim ist e t, der hier vor Ihnen sieht, und der Ihnen rin gütige« Geschick zugeführt hat, aus «aß alle« Ungemach abgewendrt werde/ Fragend blickt« die Frau mit ihren naffen Augen zu dem Sprechenden empor. Friedheim verstand sofort diesen Ultd, und er fuhr fort: .Gestern schon erinnerten mich zwei Augen, die mich 1«ll Unschuld und Treue so lieb und süß anschauten, an die Ihrigen, und sie schwebten seitdem unausgesetzt vor meinem Geiste. Ja, Ihr Söhnchen war es, da« mir von Ihnen »»zählte und e« zog mich init unwieterstehlicher Kraft zu Ihnen hin/ .So sind Sie der Wohtthüter, dem wir so Vieles verdanken? O, Friedheim, haben Sie tausend Dank!' .Danken Sie nicht für das, wa« Sie empfingen. ES tvar für mich eine Freude, Ihnen helfen zu können. Ich!seh«, daß Sie mit de« Leben« Noth zu kämpfen haben. Aber alle Noth soll jetzt ein Ende haben. »Fortsetzung folgt.) Aikdcheu aus der Aeiiemappt. Die diesjährigen Ferien begannen unter so mißlichen Umständen, daß da« Reisefieber bis unter den Grsrierpunkt herabgedrückt zu werden Gefahr lief. Die übermäßige Hitze und die mit jedem Tage abschreckender rinlaufcnden Seucheberichte ließe:, den Aufenthalt in der Fremde mit dem häu- «figen Wechsel in der gewohnten LebenSiveise weder angenehm >««h zuträglich erscheinen. Jndeß kann man ja auch die f Eholerabe richte in den Zeitungen übersehen, und sich bei Trsche oder!xm Frühschoppen Watte in die Ohren stopfen, wenn «in Anwesender das Gespräch auf den Bacillu« lenkt. ^, — Hilft nichts! — Ist e» nicht derselbe Fall, wie mit der fäi Antifemitcnscuche? .Man wird bi» zum Ekel damit über- T “ füttert' — .machten wir nur nicht so viel Gerede davon, £v. der Antisemit wäre längst mausttodt.' — Weit gefehlt! — solch Gift laßt sich nicht totschweigen, und da« verschämte "ischeln und ängstliche Vertuschen ist eben der rechte Nähr, für die. Bacillen physischer wie geistiger Seuchen. Nach dem langen und erschlaffenden Sommersemester tft eine Ferienreise so verlockend und nothwendig, daß ein Schulmeister sich über alle Bedenken leicht hinwegsetzt, über die Höllenhiz« im Eoupä, die Ansteckungsfurcht, da» melancholische Fragezeichen auf der Geldbörse, und über noch viele andere Fragqeicheu. Er will und muß einmal dem Schuldunste und dem Schulstaub« den Rüchen kehren, will und muß sich erfrischen und gesunden, um da« kommend«, dunkle uud arveitSooüe Wintersemester pflichtgemäß auShalten und auStmtzen zu können. Denn der Winter ist die eigentliche sLehr-, Lern- und Saatzeit. — I« den. westlichen Provinzen bezanneu die Ferien am ~ ,u W^oSwwche a» 19. Mit de» Ackchzug Nach 2'/, ständiger Schnellzagfahtt gelangten wir an eine Haaptstativn. wo «ln Austnthalt genommen wurde, um eine Tasse erfrischenden Kaffee ernzunehmen. — Ein alter Bekannter fand sich zufällig ein, der den Aufenthalt kürzte und den Morgentrant mit Folgenden würzte: .Ist Ihnen da» Dorf P/). etwa 6 Stunden von hier nicht weit von der holländischen Grenz«, bekannt?' .Vor vielen, vielen Jahren lernte ich e« kennen, — ein hübsche« Dorf, — eine einzige israelitische Doppelfamilie, die mit der biederen, toleranten Bevölkerung in schönster Harmonie lebte.' — .Allerdings. Da« schöne Verhültniß wurde vor kaum einem Jahre schrecklich getrübt. In kurzer Zeit war e« so weit gekommen, daß das einzige große Geschäft des Orte« von krinem Kunden wehr besucht wurde, den Leuten wurden auf der Straße Kinderschlachtenbilder, Hetzschriften, di« von den Machern in Xanten massenweise hinübergeichickt waren, entgegengehalten. — Der Familienvater hielt ti für nüthig in einer Nacht sich mit Knüttel und Revolver vor'« Hau« zu postiren. um Eigenthum und Familie zu schützen.' .Da« ist nm so trauriger, da die Leute, wie ich sie vordem kennen gelernt, sehr fleißig, streng rechtlich, und gutmüthiger Natur waren/ .Und wohlthätig dazu. — Wie gesagt, mit dem Geschäfte war es auS. Die Leute sind sehr wohlhabend, und hätten den Bann wohl lange auShalten können. Jndeß zogen sie den Abzug in «ine große Stadt bereit» in Erwägung. — Da änderte sich im Handumdrehen die Stimmung; und die Frau de» Hause« schrieb an eine zum Besuihe bei Berwandten weilende Tochter, sie müsse schleunigst nach Hause kommen, weil seit mehreren Tagen vom frühen Morgen bi» zum Abende die Leute auS- und eingingen, wie ein Bienenschwarm, manche entschuldigten sich, andere bäten um Berzeihung, wieder Andere suchten die Schuld non sich auf Andere zu wälzen. Da« Geschäft ging so gut, wie noch nie zuvor.' .Ei, das ist seltsam, — die Ursache der -Sendung zum Guten jedenfalls interessant.' .Die Ursache? nicht« weiter als «in Brief von einem so ziemlich ergrauten Manne, der in den Vierzigern als blutjunger Mensch dort Hauslehrer war. Seme ehemalige Prinzipalität lebt nicht mehr, er selbst ist, wie gesagt ergraut, und stand über 40 Jahre in keiner Verbindung mehr mit dem Hause. Al« er aber von den Vorgängen in P. hörte, da durchzog rS ihn schmerzlich. Das Dorf mit der braven israelitischen Familie (jetzt wohnen mehirre dort), die biedern, treuherzigen Einwohner (nur protestantisch), die zwei herrlichen Lehrer, vou denen einer, ein Schüler DiesterwegS, ihn am Tage nach dem Einzuge in P begrüßte, ihn an sich zog und ihm geistiger Wegweiser wurde. — Er gedachte des anderen Lehrers, eines liebreichen und humanen Manne«, mit dessen Sohn, der nun Hauptlehrer des Orte« ist, er viel umherlief, er erinnerte sich des toleranten Geistlichen, dessen Sohn jetzt OrtSgristlicher ist. — Die damaligen Lehr-r und der Geistliche haben längst das Zeitliche gesegnet. — .Diese Gestalten traten lebhaft vor die Seele des ehemaligen LehramtSajpiranlen, und er sah im Geiste auch seinen ehemaligen Schüler, jetzt Familienvater. mit Knüttel und Revolver vor dem Hause stehen. Die Frage: .Wa« kann da geschehen?' drückte chm die Fede» in die Hand, und er schrieb an den Haupttehrer. — In dem Briefe ward au die vor 40 Jahren zusammen verlebte Jugendzeit angeknüpft — gestagt:! Welcher Schmerz müßte die ehemaligen, Herrlichen Lehrer, den humanen Geistliche«, erfüllen, wem» sie ihrem Grabe entstiege», und die Verwilderung de« wackeru •) Der Ho« th»t ntchw ,,r wahrheitsgetreue» Sach«. «» »0» in sehr viele» F tlie» aerathe», i» JutevHe »er «act» «mb Pees«« 9U«x tra» Hoi—»n ts kafjcin: »» ttawaannaid I» «fert^u.