Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 39 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 154 — .$>flrot Sie junger Mann! Ich habe Sie kürzlich in Arbeit genommen, weil Sie mich so flehentlich darum gebeten haben. Ich habe nicht nach Ihrer Gesinnung gefragt. Ich sehe, ti war dies ein Fehler. Doch bezweifle ,ch auch, daß Sie mir Ihre wahre Gesinnung offenbart hätten, di« Sie jetzt aus so schändliche Weise bethätigt haben. Ihreferneren Bleibens kann in meiner Fabrik nicht mehr sein Sie bedauere ich als das Opfer der Verführung. Aber auch Ihre arme Mutter bedauere ich. daß sie nun weiter darben muß. Ich selbst will von einer Anklage absrhen. Die sonstigen Folgen Ihrer leichtfertigen Tbat kan» ich von Ihnen nicht abwenden. Aber eins merken sie sich: daß rin Unrecht gegen einen Juden begangen, immer rin Unrecht bleibt. Der Jude ist nicht vogrlfrri; auch er genießt den Schutz der Gesetze. Diese Lehre nehmen Sie sich zu Herzen. Und nun eilen Sie, daß Sie Herrenhof verlassen." G« lenkten Hauptes verließ Burghardt den Fabrikhof. Auch der Geschäftsführer Hauewaldt war bisher nicht sichtbar geworden. Jedenfalls quälten ihn Gewissensbisse und beschlich ihn eine Ahnung, daß auch ihn jetzt das Verhängnis erreichen werde. Während Friedheim mit Burghadt gesprochen hatte, hatte Zcmber sich in das Fabrikkontor begeben. Er traf dort Hauswald damit beschäftigt, die Leiche des Verunglückten in eine gehörige Lage zu bringen. Im Flur vor dem Kontorraume tiatte Zomber mehrere Waarencolli's bemerkt, die ein ganz anderes Signum trugen, wie cs sonst auf Herrenhos üblich uvr. Neben den Colli an der Erde lag eine Decke, die augeascheinlich über dieselbe gedeckt war, um sie dem Blicke der Vorübergehenden zu entziehen, die aber herabgeglitten war. Als Zomber an die Leiche herangetreten war, wandte sich HauSwald ihm zu. und erstattete Bericht. Sodann fragte Zomber nach dem im Flur stehenden Maaren mit dem fremden Signum. Der Geschäftsführer erblaßte, und war ausser Stande, Rede zu stehen. »So ist es also wahr, was ich vermuthet habe," versetzte der Prokurist, »Sie betreiben Geschäfte auf eigene Faust und schädigeit unsere Fabrik in unerhörter Weise." Run ttat auch Friedheim herein, der zunächst ebenfalls an die Leiche herantrat und sein lebhaftes Bedauern über das traurige End« eines alten, treuen Dieners aussprach. Die Tr:ue des Verstorbenen betonte Friedheim ganz besonders indem er einen fttengeu und forschenden Blick auf Hauswald warf. — „Herr Hauswald," wandte sich nunmehr der Fabrikherr im strengen Tone an den Geschäftsführer, „soeben habe ich den Arbeiter Burghardt entlassen, weil er das entsetzliche Unglück hervorgerufen hat, Er behauptet, von Ihnen dazu verleite: worden zu sein. Was haben Sie darauf zu erwidern?" „3$ bestreite es, daß ich ihn dirett dazu verleitet habe," versetzt« Hauswald in trotzigem Tone. „Sie bestreiten es? Bestreiten Sie auch, jüngst in einer Versammlung anwesend gewesen zu sein, wo man weidlich auf di« Juden geschimpft hat und wo auch Sie das Wort ergriffen und zu Bergewalttgungen der Juden aufforderteu; bestreiten Sie ferner, gestern unttr denjenigen gewesen zu sein, «elche den in der Packgaffe wohnenden Händler Löwen in so unerhörter Weise belästigten; haben nicht gerade Sie „Jude heran-!" gerufen?" HauSwoldt stand schuldbewußt da, er vermochte auf diese Anklage nichts zu erwiedern. „Und dahalten Sir vereinbar mst Ihrer Stellung bei einem Angehörigen derjenigen Genoffenschast, gegen dir Eie mir Haß und Verachtung predigen? UebrigrnS muß ich Sii: fragen, wie Sie dazu kamen, um jene Zeit in der Stadt sich aufzuhaltea, da Sie Ihre Pflicht an diese Stelle fesselte? Jedenfalls mußten Sie Ihren sauberen Privatgeschäfte» »achgelse», di« sie betreiben." — r_ (auiawlb wußte noch immer kein Wort zu finden Nur eine unsägliche Wuth erfüllte ihu, daß er sich hier s» gedemüthigt sah. Nun nahm Zamber da- Wort. „Herr Friedheim, wenn sie hier in den Flur trete», werden Sie meine Bermuthungen vollauf bestätigt finden. Der Httr Geschäftsführer war wieder in Begriff, ein« Sendung unfererWaare für seine Rechnung an seine Kunden abgehen zu lassen." Friedheim hatte von dem fremden Signum Kenntniß genommen. „Nun, diese betrügerischen Manipulationen halten Sie, mein guttr Herr Hauswald, mir gegenüber aldem Juden, wohl auch für erlaubt? Was Sie hier thun. ist wohl kem Betrug: nur wenn es ein Jude thut, ist cs ein Betrug. Es ist doch teuflisch, andere Betrüger zu nennen, wo man selbst ei« abgefeimter Spitzub« ist. Run sagen Sie mir noch eins. Wie viel Quittungen haben Sie im Ganzen gefälscht?" „Ich soll Quittungen gefälscht haben?" fragte Hau-wald mit erheucheltem Erstaunen. „Es ist eigenthümlich, daß nicht allein der Lügner, sondern auch der Betrüger stetein schlechtes Gcdächtniß hat. Ich erinnere Sie an Müller * Co., welche Firma Ihnen im Februar auf Ihre Quittung h«n, die Sie unbefugter Weise mit unserer Firma vollzogen haben, eine namhafte Summe zahlte. So werden noch mehrere Zahlungen an Sie geganM» sein. Sie sehen, der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Sie haben mein Vertrauen auf .das Schnödeste mißbraucht. Sie, der Sie mir so» vielen Dank schulden. Doch will ich hieran nicht denken. Ich werde Sie dem Staatsanwalt übergeben, mögen Sie die Folgen Ihrer Heldenthaten tragen." Alder Geschäftsführer diese Worte vernahm, erblaßte er, ein heftige- Zittern durchfuhr seine Glieder, mit schlotternde» Knieen stand er vor seinem Herrn. Da faltete er seine Hände, sank in dir Kniee und preßte das Wort hervor: „Erbarmen!" „Sie wagen enoch, von mir Erbarmen zu erbitte»? j Den durch Sie verführten jungen und unerfahrenen Arbeiter ' ließ ich ziehen, denn er war nur ein Spielball m Ihren Händen. Den Verführten mochte ich nicht meine ganze Strenge fühlen taffen, den Verführer aber treffe sie in vollem Maoße. Sie bleiben so lange hier, biihre Verhaftung erfolgt ist." Mit diesen Worten verließ Friedheim da« Comtor.. Er fuhr nach der Stadt zurück, während Zomber in der Fabrik zurückblieb, um einstweilen die Geschäfte HauSwald's zu übernehmen. — ch Es war um die Mittagstunde. Friedheim befahl de» Kutscher, in der Ostcrgaffe zu halten, dort, wo die schmal« Packgasse münde, denn er wollte di« aufsuchen, welchen er gestern feine Hülfe batte angedeihen lassen. An der Ecke der Packgasse hielt der Wagen und Friedheim stieg aus, dem Kutscher mitthcilend, daß er nach kurzer Zeit zurückkehren werde. Er schritt demjenigen Häuschen zu, das die NumMer trug, welche ihm gestern der Knabe angegeben hatte. Nachdem er die HauSthür geöffnet hatte, bettat er den Wohn» raum der Löwen'sche« Familie. Eine Todtenstille herrsche in diesem Raume, der heute wohnlicher aussay als gestern, da wir ihn zum ersten Mal« betteten hatten. Friedheim schaute sich um, da fiel sein prüfender Blick auf eine schlummernde Fraueagestalt, die» auf einem Stuhle sitzend, gegen die Wand sich lehnte. Er schaute prüfend » das Gesicht der Schlummernden und ein Schmerzgefühl durchzuckte chn plötzlich. Denn er erkannte sie, die einst fnnem Herzen so nahe gestanden. Und in solche« «ochs fand er sie wieder. Wie schwer mußte sie das« rrud der Zeit; da sie fern mm «murnci I hübe»! v» schräg gj— flOwcn.