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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 36 (1892) · p. Seite 143

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
36 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 143 (sequence 3)
Language
German
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— 148 — lr>- tk Situation mit einem Schlage. Der Grenze entlang steht «in Kordon Kvsackeu, welche das Gepäck de» Reisenden Offnen und jedes Buch, welches etwas von der sozialen Bewegung der Völker im Westen erzählt, als sKontrebande in Beschlag nehmen. Kommt man in's Lind hinein, so erstaunt man über die Ruhe, welche überall herrscht. Nirgend« eine Ansammlung von Bolksgruppen, um über Nothstände zu berathen, nirgend» wird das industrielle Leben durch Strike» unterbrochen*), nirgends wird der Bürger gestört durch da» Geräusch von Parlamentstebatten, von sozialistischen Reden oder auch nur von Diskussionen der Mitglieder der Friedensliga. Will man da« Zauberwort wissen, durch welches da» Russenvolk in diese Lethcrgie, in dieses Scheinleben versenkt wurde, so darf man sich nur an einen russischen Dichter erinnern, der in den zwcnziger Jahren in einem Werke mit lapidaren Zügen das Elend seines Bolke» zeichnete, in einer Tragödie. deren Titel schon ein unsägliche» Weh, einen bi» Sn Wahnsinn gesteigerten Seelenschmerz ousdrückt. Der chter heißt Gribojedow und der seltsame Titel seine- Werkes lautet: Oora ot Uno» (.Wehe dem Denkenden"). In dem Stücke wird die vornehme russische Gesellschaft gezeichnet, wie sie von der Knute N ikolaus' drcssirt worden, so daß sie alle wahre Natur verleugnete, jede individuelle Meinung verpönt^ jedes politischen Ideal» baar wurde. In diese blasirte Gesellschaft tritt der Held hinein, ein Mann, der noch ein Herz für'» Bolk hat, der noch für Ideale schwärmt und frei gjine Ueberzeugung ausspricht. Aber wie nimmt er sich in iesem Kreise au»! Mcin bürt ihn an wie einen Wahnwitzigen, wie einen Geistesgestörten, man weicht ihm von allen Seiten bestürzt aus. Eir sieht sich alsbald von seinen Bekannten, von seinen Freunden verlassen, also daß er fast an eh selber irre wird, ur>d er erkennt zuletzt, daß ibm all nglück von seinem Den!!en, von seinem Beistände gekommen ist. . . Unter dieser tta urigen Maske, unter einer Narrenkappe läßt der Dichter da» geistesstumpfe, gramverzerrte Antlitz des russischen Balles hervorblicken. Ueber ein halbes Jahrhundert ist seitdem verflossen, aber da« Bild ist noch so ähnlich, als wäre es erst gestern ausgenommen worden. Hat denn da» Bolk in Rußland in den sechs Jahrzehnten gar keinen Umschwung, gar keinen Fortschritt erlebt? Nun, da» freilich nicht l Unter Alexanoer II. war eine neue Aera angebrochen, war auch für Rußland ein Bälkersrühling gekommen, und der Kaiser selbst suchte mit “1fr der Kultur de» Westen« sein Bolk au« dem Winterlafe zu erwecken. Ater sein Sohn hat sich beeilt, den 1 der Kultur und der freien Arbeit, den Jener durch ein Bierteljahrhundert a rfgebaut, zu zerstören, alle schönen Keime wieder uuszuroden und alles Geistesleben in eine sibirische Einöde zu verwandeln. Die Maxime seiner Regierung ist in dem Wor« ausgesprochen: Wehe dem Denkendenl Sollte er selbe, sich von der Regel ausschließeu? Al» gekröntes Haupt voi, Rußland ist er nicht blo« weltlicher Herrscher von Gottes Gnaden, sondern er ist auch der Pichst der russischen Kivhe: aber sein Thron steht fester als ) der des Petrus, denn der Zar ist dem Bolke ein Dalai Lama und genießt blinde, fast >lbgüttische Verehrung. Da« Denken und Reflektireu hält der Zar für eine überflüssige Sache. Das Bolk ist elend — «r sieht es nicht, cs Nagt — er hört es nicht, es geht physisch nud moralisch zu Grunde — er aber hat nur die eine Sorge, seine gehnligte Person zu er- . halten, damit da« Bolk nicht verwaist werde, da er es für zu unmündig hält, um sich allein regieren zu können. So sitzt er auf dem Throne, finster und feindlich nach Westen blickend und dariiber wachend, daß da» fiele Denken und Meinen, welches dir europäischen Böller bewegt, uicht über die Grenze de« heiligen Rußland dringe. In den zehn Jahren seiner Herrschaft hat er es zu Wege gebracht, das Gedankenlebe« von 7V Millionen Menschen in den Riesensarg de» Absolnttsmu« einzubetten. Des erfrischenden und belebenden Hawhes beraubt, verdorren alle Blüthen am Leben»- baume de« russischen Bolke«. Doch der Imperator welcher in seinem Triumphwagen über Millionen zertretener Exiitenzen unbarmherzig dahmfährt, fühlt da» Gewicht, das er in Händen trägt, und ahnt, daß diese Herrlichkeit bald zusammenfallen würde, wenn da« Bolk sein Auge oem Lichte öffnete, wenn es über sein Schicksal nachzudenken anfinge. Solche« zu verhüten, erkennt er als die große Mission seines Leben». Ja dieser ihm heilig dünkenden Aufgabe wird er von Hunderttausenden von Dienern unterstützt, von einem zahllosen Heere von Ministern, Räthen, Tschinowink», Popen und Pädagogen. Aber für alle, welche m den russischen Staatsdienst eiatteten wollen, giebt e» nur eine Devise: Sur« ot Um*. Deshalb muß jeder, oer russischer Beamter werden will, den Nachweis erbringen, daß er jedem freien Denken, jeder individuellen Meinung und jeder selbstständigen Ueberzeugung völlig entsagt habe. Sie Alle, welche berufen sind, den Staat mitzuleiten, da« Volk zu belehren, die Jugend zu bilden, erscheinen gegenüber dem Zaren als willenlose Automaten, als Figuren eine« mechanischen Theater», die von einer unsichtbaren Schnur in ihren Bewegungen gelenkt werden. Gleich chinesischen Pagoden nicken sie alle in einem Tempo, wie er nickt, kennen sie keinen eigenen Trieb, hassen und lieben sie, nur wo ihnen zu Haffen und zu lieben allerhöchst besohlen wird. Ihre einzige Aufgabe besieht darin, den Mund de» Riesenschlauches »u sperren, in welchen, da» freie Denken de« Bolke« eingeschlossen ist, damit diese Riesenkraft sich nicht von den Fesseln befreie und die StaatSmarionetten sammt dem Cäsar von der Erbe hinwegfege. Und dies gelingt ihnen nur, indem sie in dem Bolkr den blinden Glauben an die Göttlichkeit seines gesalbten Fürsten zu erhalten bemüht sind. .Gott und der Zar" lauter da« Losungswort, welches dem Russen bei allen bedeutenden Anlässen zugerusen wird, es ist da» Eia popeia, mit dem da» in seinem Elend verkommende Bolk eingelullt wird. Weil nun Gott weit, der Zar aber nahe ist, so bat in der religiösen Verehrung de» Russen der letztere da» Uevergewicbt. Diese Apotheose de» Cäsarismus zu kultiviren, — im Interesse derselben die Moral zu verhöhnen, die Rechte des Bolke« mit Füßen zu treten, Klaffen- und Rassenhaß zu schüren — da» ist die große Arbeit de» russischen TschinowniiS, vom höchsten Minister bi« zum letzten Gordowoj, da» ist die Idee, in deren Dienste er sein Leben verbringt. Für diese» Opfer sind ihm aber alle anderen Sünden vergeben, legt die Justiz eine Binde über beide Augen, indeß rm Beamtenthum Erpressung, Aussaugung und jegliche Korruptton in üppiger Blüthe steht. So ist, streng genommen, nur in diese» Kreisen, wo alle göttliche und menschliche Satzung verneint wird, der wahre Nihilismus zu suchen. Die Arbeit der gegenwärtige« russischen Regierung ist lauter Minirwerk, d irch das der Wohlstand, das Glück und der Friede de» Bolke» untergraben und.sein moralisches Ansehen tief geschädigt wird. *) Auch die Aröesiertamgmm t» Lodz t» den erste» läge» M;SM tan neu die«eglanng sie «f»»g» Mähte. ' »>!'- . V-,, . Briefe an die HtedaiÄo«. Hochgeehrter Herr Redacreur! Im Vertrauen gesagt, habe ich mir bi« jetzt geschmeichelt, daß Sie mir ein Gönner sind; warum haben Sie mich so bitter getäuscht? Und gerade jetzt, da die Choleragefahr, von der unser Heimathland heimgesucht wird» die Hetze« einander nähert uno die Herzenswärme gleichzeitig die äußere unerttägliche Hitze varalysiren soll? Warum haben sie mir dies angethan? Ueverdies wohne «hin einer Gegend, in der «an augenblicklich die Leisetreterei siebt, nicht etwa, um der möglichsten Ruhe willen, Iseren man sich angesichts »er lebhaften

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