Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 36 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/6492351-8722847-5962163--1970-5375427- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
142 »Judeugenofse", wie der Doktor Zirkel sagt, denn Du nimmst die Leute so sehr in Schutz, als feist Du gar kein ehrlicher Christemneusch. Ich glaub« sogar. Du wärest im Stande, mit der ganzen Sippe nach Palästina auszuwandern. Schade nur, daß Du da» Mauscheln noch nicht verstehst und kein« krumme Ras« hast". »Emil*, sprach hierauf Wille, .wenn Du glaubst, zu einem ehrlichen Ehristenmensch gehöre, unsere Nebenmenschen tu Haffen und zu beschimpfen, dann bist Du im Jrrthum. Unser alter Pfarrer, der He^r habe ihn selig, hat un« beim Coufirmandenunterricht immer gelehrt, daß alle Menschen unsere Brüder seien und mein Vater, er ruhe in Frieden, tit mir auch immer daffrlbe gesagt. Sie sagten, auch di« udeu seien unsere Brüder und darum sei eS unsere Pflicht, sie zu lieben und nicht zu beschimpfen. Darum glaube ich ein viel ehrlicherer Christenmensch zu sein, al- Du e* bist, und wenn ich Diejenigen in Schutz nehme, die in meiner Gegenwart beschimpft werden, so thue ich eS, weil ich e« als meine Pflicht ansehe. Im Uebrigen wundere ich mich nicht über Deine Gesinnung den Juden gegenüber. Du hast sie schon mit der Muttermilch eingesogen. Schon Dein. Bater halte eine große Abneigung gegen die Juden. Dies« Abneigung hatte einen ganz eigenartigen Grund und läßt tief blicken. Ich erinnere mich der Geschichte noch. Dein Bater war ixt einem jüdischen Fabrikanten in Arbeit, er feierte aber gern oft. Aus diesem Grunde wurde er entlaffen und seit dieser Zeit hatte er gegen alle Juden einen unversöhnliche Haß. Wo er nur irgend konnte, verhöhnt« und beschimpfte er die jüdischen Mitmenschen und alle, die nur ein jüdisches Aussehen zeigten, aber echt« Christen waren, bliebrn nicht verschont. CS kam häufig zu argen Conflikten und Ausschreitungen, da er auch Andere aufhchte und oft kam er mit dem Strafrichter in Berührung. Sieh, Emil, Do kennst doch daalte Sprichwort: .Wie die Alten sungen, so zwitscherten die Jungen". Du bist ein gelehriger Schüler deines Bater» geworden und machst ihm all« Ehre. Ich sage Dir aber, Mensch, laß ab davon. Du kommst hier in Herrenhof schlecht an mit solchen Redensarten, wir Du sie «tat geführt hast. Der gnädige Herr ist «in humaner Mann, der sieht nicht auf da» Bekenntnis selbst nicht auf di« Gesinnungen seiner Arbeiter, wenn sie nur ihre Pflicht thun; er will Allen in gleichem Maaße wohl. Glaube mir aber, daß seine Humanität nicht so weit geht, daß er sich und die, welche nun einmal zu ihm gehören, verunglimpfen läßt. So weit geht seine Großmuth denn doch nicht. Du bist noch jung, Emil, wenn Du erst längere Zeit auf Herrenhof wirst gearbeitet haben, wirst Du zu anderen Ansichten kommen. Darum, meide jene Versammlungen, oder Du bist die längste Zest auf Herrenhof gewesen". Burghardt hatte staunend, auf di« Auseinandersetzungen des einfachen, schlichten Mann«» gehört, der wohl in seinem ganzen Leben nicht so viele Worte auf einmal gesprochen, dem aber du» Rechilichkeitsgefühl eine gewiffe Ber>;dtsa«keit verliehen hatte. So offen und frei di« Reden aucki^wesen, Burghardt hatte sich keineswegs verletzt gefühlt. 9$»«, e» war allmählig ein Gefühl der Beschämung über ihn aekommen, da er einsah, daß er in der That im Urirechte sei. »Du hast Recht, Gustav"., sprach er daher, »ich sehe jetzt ein, daß ich auf falschem Wege bin. Du gebst aber selbst zu, daß ich selbst weniger Schuld bin an dieser meiner Gesinnung, als mein Bater, der sie mir planmäßig inerzogen. Ich muß Dir gestehen, daß ich solche Worte, wie ich sie eben au» Deinem Munde vernommen, noch nie gchört Habel" »Da» will ich glauben!" rief Wille: »In den Kreisen, in welchem Du verkehrst wird man solche Reden nicht führen". Ein furchtbare» Getöse unterbrach den Sprechende« Dann ließ sich ein enftttiche» Geschrei au» dem Maschinenraum vernehmen, da» der olle Grimm vor einer Weil« betreten hatte. '-u,. Entsetzt eilten Wille und Burghardt, sowie all diejenigen, welche den Hülferuf vernommen hatten, dem beznchurte« Fabrikraume zu, au» dem sich jetzt ei« dumpfe» Stöhne« vernehmen ließ. Auch der Geschäftsführer HaaSwald war herbeiaeeilt. din grauenhafter Anblick war e«, der sich den Eintreten-, den darbot!" Reben der Maschine, die jetzt stille stand, lag da, wo der mit heißem Dampf gefüllte Trockencylinder rotirt«^.. und wo in einer Höhe von etwa vier Fuß die mächtige«^ TranSmissionSriemen heulend sich bewegten, der alte Grimm J an der Erde in einer großen Blutlache. Der Raum war von Dampf erfüllt und die Ende« eine» der großen Treibriemen lagen am Boden. Di« Eintretende« hatten «ege« de» Dampfe» Mühe, sich zurechtzufindea. Al» dieser sich etwa» verzogen hatte, konnten sie erst die Grüße de» geschehenen Unglückes ermessen. Mehrere Arbeiter waren schon vor demEintritt« HauSwald'S damit beschäftigt gewestn, den Verunglückten zu verbinden, der am Köpft «ine schwere Verwundung erlitten hatte, und jetzt infolge de» großen Blutverluste» ohnmächtig valag. »Um GotteSwillen, wa» ist geschehen?" ries Hautwald bei seinem Eintreten. »Ach, «in schwere» Unglück, Herr HauSwald", entgeguete der Maschinenführer. »Der arm« Grimm, muß der sich seinen Tod auf Herrenhof hole«! Den« ich glaub« nicht, daß er au« seiner Ohnmacht wieder erwachen wrrd, dazu ist die Kopfwuud« zu schwer." »Armer Mann! entgeancte HauSwald. »wie aber konnte die» entsetzliche Unglück geschehen?" »Da» ist mir ei» Räthsel, wie auch mir die Thatsache unerklärlich ist, wie da» DampfleitungSrohr von dem Dampfcylinder sich hatte loslösen können, da» durch den mit furchtbarer Gewalt herauSstrvmenden Dampf gegen den Hauptriemen getrieben wurde, der nun von der Welle glitt und riß. Ich nehme an, daß «ine» der Riemen-Enden den sorglo» Dastehenden, der sich mit un« unterhielt, den Schädel zerschmettert har. Ich hörte plötzlich «in ungewöhnliche»Zische«, dem bald der HÜlftrus, den auch Sie vernommen habe«, folgte. Ich gab sofort da» Zeichen, den Dampf abzustellen und di« Maschine zum Stehen zu bringen, um noch weiter«» Unglück zu verhüten." HauSwald traf nun die Anordnung, den Leblosen in den Kontorraum zu schaffen. Sodann schulte er einen Bote» nach »er Stadt, um Herrn Friedheim von dem Geschehene« Kenntaiß zu geben. (Fortsetzung folgt.) 1 3U|fanb. «int socialpolitische Skizze von H. K. ix B. Am Ende de» Jahrhundert», dem wir jetzt eutgegeu- ' " ellschaft. »Run, ich will dieft Kreise von jetzt au mciteu", fuhr Burghardt fort, »will versuche«, da» wieder gut zu machen, wa» mein ika« verschuldet, will. gehen, hat die sociale Bewegung der europäischen Gesell einen Umsang und ein« Stärke erreicht, die alle Stände in ihre Kreise hineinzieht. Ueberall treten Gruppen zusammen,' um durch freien Au»tausch der Meinungen sich über die Aufgaben und Forderungen der Zeit llar zu werden, überall ein Ringen und Suchen nach neue« Das«ia»form«n. Gleich»1 wohl gewinnt man bei objektiver Betrachtung den Eindruck,' daß drese ganze Bewegung, keine schädlichen Folgen haben, ' nicht» zerstüren und nicht« verheeren wird, werl sie in Freiheit, ohne Widerstand zu finden, sich auüweite» kann.^ Zu diese« bewegte« Bilde, in dem fast alle Völker- Europas vertreten find, bildet da» russische Volk, w, de« vierten Theil der europäische» Büllerfamilie auSn eine» seltsamen, fast verblüffenden Kontrast. Kommt c a« die Grenze diese» ungeheuren Reiche»^ so, welche»)