Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 34 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Da habe sie de« letzten Versuch mache« wollen. Sie wollte auf Anrathen seiten- Bekannter einem reichen „Inden" ein Grfchäft Vorschlägen, da sie immer gehört habe, daß namentlich reiche „Juden" derartige-Geschäfte unit Vorliebe machten. Sie fei audiesem Grund« zu mir gegangen. Sie können sich denken, daß ich, bei allem Ernste, über ihre letzte Bemerkung lächeln mußte. Ich sprach nun zu ihr: „Liebellind. ich muß bemerken, daß ich wohl schwerlich mit Ihnen ein Geschäft werde machen Aber sagen Sie, welcher Art ist denn das Geschäft, das Sie mir Vorschläge», vielleicht kann ich Ihnen doch nützlich sein " Diese meine Worte hatten da« Mädchen etwas eingefchüchtert, nachdem ick sie aber ermuntert hatte, sprach sie: „Wollten Sie nicht die Schuld übernehmen? Wir würden Ihnen außer den neunzig Mark, die wir Herrn Mälger noch für die Möbeln zu zahlen haben, noch dreißig Mark zahlen als Entschädigung." Erwartungsvoll blickte mich da« Mädchen an. Ich aber war peinlich berührt durch da« Ansinnen des Mädchens, das durch ein Vorurtheil hierzu ermulhigt worden war. Dennoch mußte ich wieder lächeln, und ich jagic zu ihr: „Hören Sie, liebes Kind, ich habe Ihnen soeben schon angedeutet, daß ich Geschäfte dieser Art nicht betreibe. Ich verarge es Ihnen auch nicht, daß Sie, wie Sie selbst sagten, zu einem „Juden" gegangen sind, um ihm ein solche- Geschäft anzutragen, denn ich weiß, daß Sie mit dem Begriffe „Jude" auch den Begriff „Wucherer" aufengste, ja unzertrennbar verbunden halten. Sie haben es so gelernt von Ihren Eltern, von Ihren Bekannten, vielleicht, gar in der Schule, und die Ueberzeugung von dem Gegen» theile habrn Sie biheute noch nicht erlangt. Sie kennen die Juden wohl nur, wie Sie Ihnen Jene geschildert haben» glauben all die Dinge, dir man ihnen nachsagt, und können sich wohl gar nicht denken, daß auch ein Jude eia ehrenwert her, humaner Mensch sein kann. Nun, so will ich Sie denn eines Besseren belehren, jedoch nicht durch Worte, nein, durch die That. damit Sie jene Wahnvorstellungen, mit denen leider nod) so Viele der Ihrigen behaftet sind, schwinden lasten. Gehen S.e nach Hause; binnen einer Stunde werden Sie wieder im Besitze ihrer Möbeln sein und Sie werden auch durch den Hauswirth nicht weiter belästigt werden. Theilen Sie dies Ihrer Mutter sofort mit, damit sie sich beruhige. Sie haben sich um Weitere« nicht zu kümmern; ich werde für Alles Sorge trogen." „Lieber Herr Salden, Sie hätten da» Gesicht des Mädchens sehen sollen, als ich diese Worte gesprochen hatte. Sie schien erstarrt zu ftin. Mit großen Augen blickte sie mich an. Dann aber kam allmälich Leben in sie. Thränen füllten ihre Augen. Sir streckte die gefaltettn Hände mir entgegen und flüsterte „Haben Sie Dank, tausend Dank, Sie Retter. Ich kann eS noch nicht fasten, daß Sie Christeo gegenüber so edelmürhig denk« und handeln können. Ach, ich wandte mich heute gerade an diejenigen, welche so Vieleüber die Juden zu sagen wissen. Aber gerade sie wiesen mich kalt und mit Hohn von sich: Wie Schuppen fällt emir jetzt von den Augen. Ich erkenne, daß all' ihre Reden nur Lug, Verleumdung enthalten. O, verzeihen Sie, edler Herr, wenn ich bis zur Stund« anderer Meinung gewesen." „Ick; habe Ihnen nichts zu verzeihen. Ihre Gesinnung und Denkung-art war die Frucht eines giftigen Samens, den man zu einer Zeit in Ihr Herz und Geinüth gelegt, da Sie zu selbständigem Denke» und Urtheilen noch unfähig gewesen nnd. Daß dem Herzensboden der Kinder anstatt der erfreuenden, duftigen Blumen der innigen, allumfassenden Menschenliebe, die einen Unterschied zwischen Glaube und Glaube, zwischen Volk und Volk, zwischen Mensch und Mensch, nicht kennt, häßliche Dornen und Disteln de« Haffeentwachsen, die bm der geringsten Berührung verlesen, ist nicht die Schuld dieser Kinder, nein, es ist „die Schuld der Bäter". welche einen Samen gewählt, der nur iolch häßln Früchte zeitigen läßt." — Ich weiß nicht, ob mich das M chen verstanden hatte, jedensallhorchte sie mit Aufmerksamkeit: meine« Worten. Ich entließ sie und eilte al«dann zu Mälzers die Angelegenheit zu ordnen. Egenügt aber nicht, daß der Familie ihr Eigenchum wieder zugestellt werde; e-muß auch weiterhin für dieselbe Sorge getragen werden. Demjungen Mädchen werde ich Beschäftigung geben und die Mutter soll biauf Weitereeine lausende Unterstützung erhalten. Es ist daher nothwendig, daß ein größerer Betrag zusammen», gebracht werde. Daher habe ich eine besondere Eollekte veranstaltet.'!' „Sie haben richtig gehandelt," sprach Salden „hoffentlich kommt eine größere Summe zusammen." „Ich hoffe dies auch. Doch nun muß ich mich verabschieden, denn der Tag neigt sich seinem Ende zu und ich muß noch mehrere Herren ansprechcn." . . Nachdem Friedhrim Saiden die Hand gereicht, entfernt er sich. — - Salden athmete auf, als er sich allein sah. Di« Worte Friedheim« hatten ihn beunruhigt, denn sie trafen ihn wie. Krulenschläge. Unbewußt hatte der Sprechende zum Theil, ein Bild seines eigenen heimlichen Treibenentworfen. Er wagte es nicht, irgend welche Bemerkung einzuflechten, er wünschte nur ein baldige- Ende der Unterredung, die jeder Einwnrf verzögert haben würde. Dann gedachte er de- Goldslücke-, daer gespendet. „Schon wieder eine so hohe Summe fort, fort für Nichts!" — Bei diesen Worten stützte er seinen Kopf auf die Hand. „Kann i'nd darf ich weniger grb^n?" fuhr er dann im Selbstgespräche fort, „was würde man sagen, wenn ich hier knausern würde. Und ach, wie schwer ist emir in letzter Zeit geworden! Die Kapitalien liegen fest, und diejenige« Summen, die ich zu den Getteide- und SpirituSspekulatiouen verwendete, werden durch die zu enttichtenden Diff-renzen immer geringer. Kaum weiß ich weder au« noch ein. Wohlhabend bin ich, und doch, wie arm! Ich werde morgen Friedheim um sein Gesälligkeitsaccept angehen müssen, um Gelder flüssig zu machen, denn wer weiß, ob nicht der Lieutenant wieder Ansprüche erhebt, denen ich auf alle Fälle Nachkommen will und muß." Nach diesen Worten vertiefte er sich noch bis spät in die Nacht hinein in seine Arbeiten an den Geschäftsbücher«. — «Forlsrtzung folgt.) Pie israelitische Waisenverpfleguugs-Puffatt zu Areslau. I. Wenn man feine Schritte nach dem Südende der Stadt auf die noch nicht ausgebaute Gräbfchenerstraße richtet, so gewahrt man bald recht« vom Eisenbahndamm ein stattliche-,' in schönem Rohbau aufgrführteS Gebäude, da» sich uns durchs seine in Stein au-gehauene Inschrift als „Israelitischest Waisenhaus" vorstellt. Schon Manchem, der an bemt schmuck« Hause vorbeigekommen, mag wohl die Frag« a«f» fgestiegen sein, wie und durch wen da- Gebäude zur Ent- > tehuug gelangte. Nun, der soeben erschienene, von dem jetzigen tüchtigen Austaltsdirigenten, Herrn M. Silber stein, erstattete, ausführliche, nach de« Akten bearbeitete Bericht giebt über die „Entstehung und Entwicklung der Israel. WaisenverpflegungS-Anstalt zu Breslau" hinreichende« und interessanten Aufschluß. Der Bericht bildet ein schöne» Stück Zeitgeschichte und es dürfte für di^Lrser dies. Bl. anmuthend und vielleicht auch anregend sein, etwas Näheres von der: Entstehungsgeschichte dieser wohlchätigen Anstalt zu erfahren. Als während der Wirren de« dreißigjährigen ~ * im Jahre 1636, einige Juden es wagten. w«dern« (~ dnrch Eapistrano's Auftreten bewirk«» ftrup» ach «tt? (nach