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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 32 (1892) · p. Seite 126

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
32 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 126 (sequence 2)
Language
German
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anaet Tisch toar mit glänzendem, silbernen und kristallenen Geschirr bedeckt; dafeinste Backwtrk und die verschiedensten Obstsorten standen umher. Mein Auge war wie Geblendet, und in diesem «ugenblick schwelgte ich nur in dem Anschauen all der Herrlichkeiten. Kein Gefühl de- Verlangennach Speisen ward in mir rege, und kein Gefühl der Schwäche merkte ich mehr. Jetzt träumte ich wachend. — Ein Klingeln weckte mich plötzlich aus meinem Traum, und ich hörte die Stimme de- Herrn, der inzwischen sich des Oberrocks critledigt und einen Diener herbeigerufen hatte. „Setze Dich, mein Sohn. ' sprach er liebevoll zu mir, „Du sollst sofort zu essen erhalten." Jch setzte mich auf die Ecke deseidengepolsterten Sesselin meiner Nähr, verlegen schweigend meine Mütze in den Händen drebrnd. Ach. Mutter, wie kam ich mir da so arm vor wie erkannte ich da so recht unsere Armseligkeit. Ein Mck auf in«me geflickte, abgetragene Kleidung, auf meine plnmpen, geflick'en Schuhe machte mich erröthen. Nun crschien ein Livreediener und brachte allerlei Eßwaaren und setzte sie auf ein« frei gemachte Ecke des ftfion gedeckten Tische-. „Komm, mein Sohn, iß nach Herzenslust!" sprach der Herr. Ich 'rtzte mich an den Tisch und durch da« sreund- Iidie Zureden de« Herrn ermnthigt sprach ich den mir vor» gesetzten Dingen wacker zu. Wiederholt wünschte ich Dich an meiner Stelle, liebe Mutter, denn Dir wären diese Speisen nöthiger gewesen, als mir^ Nachdem ich reichlich gegessen und getrunken hatte, sprach der Herr, der meinem tapferen Zugreifen lächelnd zugeschaut hatte, zu mir: „Nun, mein Sohn, hast du dich gesättigt?" Und als ich seine Frage bejaht hatte, fuhr er fort: „So höre denn: Bor allen Dingen mußt du für deine schwache Mutter all die Dinge mitnehmen, die Dir mein Diener reichen wird. Hier hast Du eine Börse mit Geld und eile, wenn Du Deiner Mutter die Sachen übergeben haben wirst, zu Salden, damit er Dir gegen Auszahlung de- Lösegeldes die unentbehrlichsten Gegenstände herausgebe. Bon dem Reste des 'Geldes befriedige endlich den Hau-wirth. Im Uebrigen sage Deinen Eltern, daß ich weiter für sie sorgen und (Gelegenheit nehmen werde, bei Ihnen vorzusprechei,. Bei diesen Worten, liebe Mutter, waren mir Tränen der Rührung in die Augen getreten, und in der Aufwallung meiner Gefühle wollte ich die Hand unsere- Retters erfasien, um sie zu küsien. Er aber strich mit seiner Rechten über mein Haupt und schaute mich gar seltsam an. Dann hieß er mich gehen, nachdem ich all diese Dinge hier in Empfang genommen. „Gott segne unfern Wohlthäter!" rief die von freudiger Erregung crfaßte Frau, indem sie wie betend die Hände emporsttrckt:. „Und wie heißt der gütige Herr?" fuhr sie fragend fort. Da schwieg der Sohn sinnend. Dann entgegneteerverlegen: „Wie er heißt, liebe Mutter? Das vermag ich Dir nicht zu sagen. Ich weiß nur, daß er in einem großen, schönen Hause wohnt Wie konnte ich nach seinem Namen fragen? Doch wir werden ja denselben erfahren, da er versprochen hat, uns selbst aofzusuchen." Roch Viesen Worten entnahm der Knabe seiner Tasche die empfangene Börse und reichte sie der Mutter. Diese öffnete sie und ließ den Inhalt in ihre zitternde Hand gleiten. Es waren eine größere Anzahl Goldstücke, außer einigem Silbergelde.- „Was geht hier vor?" ließ sich nun eine Stimme im Zimmer vernehmen. Es war die Hirsch Löwen's, der soeben auseinem Schlafe erwacht. „Ich höre ja da« Klingen von Geld?" Bei.diesen Worten erlp>b er sich eiligst. „Ei, auch andere schöne Sachen bemerke ich hier." Und schon war er im Begriff, die vordem Lager ~ ' ‘ “ ‘ “ " ' it, al-die Frau stehende Weinflasche an sich zu nehmen, sie schnell ergriff und sprach: „Daist nichtfür Dich, Hirsch; da» hat m i r ein an» bekannter Wohlthäter geschickt, ffintn Du etwagenieße» willst, so nimm hier von den anderen Sachen, die uh doch nicht sämmtlich verzehren kann." Dieließ sich der Mann nicht zweimal sagen und gierig griff er nach den dargrbotncn Speisen. „Bon wem kommen all diese schöne Sache» und daheidenmäßig viele Geld, da» Ihr da habt?" fragte der erstaunt drein blickende Mann. „Der Rome de« Wohlthäters ist noch unbekannt," antwortete die Flau. „Wir werden ihn jedoch noch kennen lernen, denn er versprach, selbst zu kommen und sich weiter unserer annehmen " Dann wandte sich die Sprechende an ihren Sohn mit den Worten: „Hier, lieber Joseph, hast Du die zweiundsechzig Mark und fünfundachtzig Pfennige, die wir Salden schulden und schaffe noch heute sämmtliche Sachen in- Hau». Sodann eile zum Hauswirth und zahle ihm die rückständige Miethe!" — „Halt!" rief da Löwen, „qicb mir daS Geld! da» Einlüsen der verpfändeten Gegenstänve ist meine Sache; cs soll mir eine Freude bereiten, dem 'anderen Herrn Menschenfreund den Standpunkt klar zu machen.-" Nach etwa einer Stunde sah cs in dem Wohnraome der Familie Löwen. keineSwrg» mehr so öd« und traurig au-, wie zuvor. Die schwache Frau lag im Federbett weich ge» bettet; auch ein Tisch und mehrere Stühle standen an den Wänden. Diese jähe Wendung in dem Geschick der Famüce Löwen spiegelte sich aus dem Gesicht« de« Einzelnen ab An die Stelle der Schwermuth war ein Frohsinn getreten, der ihnen au« der Hoffnung erwuchs, daß nun vielleicht alle Roth rin Ende nehmen wird. Die Augen schauten mit hellerem Scheine in die Welt hinein, des Hungerunheimliches Echrcckrngespenst war verscheucht. Geradezu wunderbar war Me Wirkung auf Frau Löwen gewesen, die nach der genoffenen Stärkung so gckräftigt worden war, daS die Kran! heit gänzlich verschwanden zu sein schien, und sie hoffte, am nächsten Tage schon sich erheben zu können. Die bitteren Sorgen hatten deprimirend auf ihrem Gemüch»- zustand gewirkt und hatten in Folge besten ihr Allgemeinbefinden derart gestaltet, als ob ein schweres organisches Leiden an ihren Kräften zehrte. Und nun, da der Gemüchs» zustand ein besserer geworden, war die Genesung so schnell eingetreten. Sie schaute nun wieder die Gegenstände, von' denen sie sich nach und nach hatte ttennen wüsten, um den- Rothstand etwas zu mildern. Sie hoffte auf bester« Tage und die bisher beklommene Brust fühlte Erleichterung. Hirsch Lövcn war Damit beschäftigt, den Wohnraum in Ordnung zu bringen, damit der Wohlthäter würdig empfange» : werden könne. Der Hauswirth, der nuu auch befriedigt war, versprach auch da« Seinige zu thun, namentlich sollten die Fenster in gehörigen Zustand gesetzt werden. In dem Wesen Löwen« war ebenfalls eine Aenderung vorgegangen. Jetzt, da er sah. daß die Zeit der Roch voraussichtlich vorüber sein werde, war er seine» Angehörigen gegenüber freundlicher. Das Elend hatte in ihm eine Verbitterung gegen die Mitwelt reifen lassen, die ftin Weib und ftin Kind besonders zu fühlen hatten Auf Vorhalten seiner Frau hatte er die Versicherung gegeben, von ftiaem Laster zu lasten und treulich für dte Familie zu sorgen. So waren nach langer, schwerer Zeit die dunklen Wolken von dem Lcbcnshimmel der Famllie verscheucht, und der erste Strahl traf sie erwärmend und belebende Ob aber solche dunlle Wolken nicht wiederkehren? (Fonsrtzmrg s,lgr.) -"c

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