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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 30 (1892) · p. Seite 118

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
30 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 118 (sequence 2)
Language
German
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Vielleicht gelingt r» mir auch, ein mitfühlende» Herz zu finden, daß sich unser annimmt und die schwere Noth von un» fern hält * „So gehe denn und der Herr segne Deine Schritte!- sprach die Mutter. Und der Knabe ging. Unter Thränen lächelnd schaute die Mutter dem sich entfernenden Knaben nach Dann streifte ihr Blick den an der Erd« liegenden, noch immer in tiefem Schlafe verharren» den Manne Da kam ihr plötzlich die ganv Schwere ihrer schrrcklichen Loge wieder zum vollen Bewußtsein. Da» für wenige Augenblicke von Hoffnung und Zuversicht erfaßte Herz ward wieder von der alten Sorgenlast bedrückt. Er, deffen Aufgabe und Pflicht es gewesen, für de» Hause» Roth» dürft zu sorgen, log in ruhigem, sorgenlosem Schlafe da und ließ den eigenen, unmündigen, noch nicht der Schule entwachsenen Sohn für sich sorgen. Durch seine unverantwortliche Lethargie war da» Elend bi» zur Unerträglichkeit gewachsen. Des „Baker» Schuld - war es. daß der Sohn darbte. Ter Gatte zeigte kein Bestreben, das Loos der Gattin zu einem erträglichen zu machen Schreckliche Zukunftsbilder begannen allmählich vor dem Geiste der Daliegrndcn auszusteigen. Bilder ohne jeglichen Lichtschein, Bilder voll der dunkelsten Schatten. Freilich, auch die Vergangenheit mochte ihrem sinnenden Geiste wenig lichte Momente darzubieten. Wie die Gegenwart, so traurig war zum größten Theile auch ihre Vergangenheit gewesen. Ihre Eltern hatten während einer langer: Reihe von Jahren von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Tors ziehend, ein Hausirgewcrbe betrieben. Unausgesetzt muhte sie dieselben begleiten, da sie ihrer Hilft bedurften und in Anspruch nahmen, sobald sie dazu im Stande .gewesen war. Ihre körperliche, wie auch geistige Erziehung war infolge dessen vernachlässigt worden. Da war mit einem Male eine Wendung eingetretrn. Die Lage der Eltern war plötzlich eine besonders günstige geworden. Sie hatten sich ein stehendes Gewerbe eingerichtet. Niemand erfuhr aber jemals, woher die Mittel stammten, über welch« die Eltern nunmehr verfügten. Die seltsamsten Gerüchte waren bezüglich der Quelle dieser Mittel nach und nach in Umlauf grfttzt worden und die mannigfachsten Bermuthungen wurden laut. Ja. man war sogar so weit gegangen, diele Bermutbungen mit einer Diebstahleaffaire rn Verbindung zu setzen, die kurz vorher die behördlichen Organe zum Einschreiten veranlaßte und zu deren Klarstellung bei der Untersuchung auch der nunmehrige Kaufmann und ftühere Hausirer £lcz:% Rnhberg herangezogen worden war, ohne daß man demselben irgendwelche unehrenhafte Handlung nachzuweisru vermochte. Die Schuldlosigkeit war wohl dargethan, die Gerüchte wollten aber trotzdem nicht verstummen. So standen sie denn fern von ihrer Umgebung. Jeder scheute den intimen, fteundschaftlichen Verkehr, da ein gewiffes Etwa» es zu einer Annäherung nicht kommen laffen wollte. Durch dieft Verhältnisse hatte auch die einzige Tochter Martha zu leiden. Völlig isolirt stand sie da, abgeschlossen von denen, die mit ihr in gleichem Alter standen, und alle Bemühungen, in diesen Kreisen Aufnahme zu finden, waren erfolglos gewesen. Man mied di« Tochter der Eltern wegen. Der vermeintlich« Makel, der auf dieft» haften sollte, konnte jene nicht von sich wischen. .Und doch geschah der Tochter ein bitteres Unrecht. Wohl war ihre geistige Bildung während ihrer ersten Jugendzeit um Biele» zurückgeblieben, doch hatte sie, ftitdem die Elten, zu Vermögen gekommen waren, in vollem Umfange daS Versäumte nachgeholt und so stand sie keiner ihrer AlterSgenossinoen in irgend welcher Hinsicht nach. Schnur lag ihr dieses Vcrhältniß aus der Seele, denn nirgend« faudeo chre Empfindungen und Gefühle, die nach und nach in ihr lirbebedürftige» Herz eiuzogen, einen Mederhall Eie vermißte «in« Vertraute, eine Freundin. Anstatt einer solchen war ihr plötzlich ein Freund erwachsen, oer ihr nach und nach mehr noch al» ein Freund gewordev war. E» war Hirsch. Löwen, der Sohn de» Hanbelämaaäü Abraham Löwen. Hirsch Löwen war ein flotter Bursche, hatte schon in der Welt sich umgesehen und war erst kürzsich heimgekehrt. Wenngleich er auch nur der Sohn' eine» Handelsmannes war. so schaute doch manch Mägdlein höherer Kreise aus ihn, der stet» so schmuck einherging, mst Wohlgefallen herab. War c» da zu verwundern, wenn auch Martha Rohberg ihn ganz in ihr Herz schloß? Die so lanae zurück-, gehaltene Liebesgtuth bedurfte nur «ine» leisen Aufschüren», und lichterloh stiegen die Flammen empor. Löwen liebte auch sie. Und so durchlebten sie beide die erste, köstliche feit der jungen Liebe. Bor den Eltern aber mußte da» iebeSoerhältniß vorläufig geheim gehalten werden. __Fortsetzung folgt) Ki« Indenproreß. Die Herren Antisemiten sind nicht zuftieden mit dem erlösenden Wort, daß im Prozeß Buscbhofi endlich gesprochen worden ist. Sie wollen eine große Volksversammlung rinberufen, die ein neue» Unheil fällen und mit dem Angeklagten auch den Präsidenten, die Staatsanwälte, die Ber» theidiger und sämmtliche Sachverständige schuldig erklären soll. Wie müßte ein Gerichtsverfahren nach dem Herzen der Antisemiten wohl audsehen? Ein getreue» Bild davon giebt jener große Judenprozeß au» dem Jahre lölv, den wir — anlehnend an die treffliche Stieipuß'sche Schilderung — hier in seinen Hauptzügen erzählen wollen. In dem havelländischen Dorf Knobloch hatte ein Dieb in der Kirche da» EakramrntShäuschen erbrochen und eine vergoldet« Monstranz nebst zwei geweihten Hostien in einem Mrssingbüchslein gestohlen, jedenfalls in der Meinung, Monstranz und Büchslein beständen aus achtem Golde. Der Verdacht lenkte sich sehr bald auf einen verkommenen bernauer Kesselflicker, Namen» Paul Fromm. Au» Furcht vor der Folter entfloh dieser Mann, auS Furcht vor der Folter gestand er — als er erwischt worden war — sofort freiwillig feine Täterschaft. Der Bischofs Hieronymus Skulle:u« übergab die Angelegenheit .dem SttftShauptmanu Heinrich von Betschütz, eiue« der ärgsten Judenfeinde, und sendete diesen nach Brraau. um den Verbleib der geweihten Hostien zu ermitteln Jetzt kam Paul Fromm doch noch auf die Folter und da gestand er, „er habe die eine Hostie auf freiem Feld« in der Nähe des DorftS Staken, eine halbe Meile von Spandau, ftlbst. genosien. Da habe sich plötzlich um ihn da» Frmament verfinstert, seine Glieder seien starr geworden, so daß er sich nicht von dn Stelle habe bewegen können. Erft noch mehr al» einer Stunde fti die Erstarrung von ihm gewichen, da habe er sich dann nach Spandan zu dem Juden Solomon geflüchtet und diesem die zweire Hcht» für neun märksche Groschen, die ihm in neuen Berliner Pfennigen ausgezahlt worden feien, verkauft.- Solomon wurde verhaftet und so lange gefoltert, bi» er gestand, die Hostie gekauft und zerschnitten und die einzelnen Stück« an dir Jude» Jakob, Schmoll und Marx weiter gegeben za haben. Run konnte lustig weiter gefoltert werden. In der Tode»angst nannte Jeder eme Anzahl Komplizen. di« dann sofort in derselben Weise zum „Gestäadniß" gebracht wurden, und binnen kurzer Frist hatte die Anklage einen solchen Umfang angenommen, daß sich der Kurfürst Joachim veranlaßt sah, di« Verhaftung „sämmtlicher Juden in der Mark" zn verfügen. Al» noch immer ftine rechte Klarhest in di« Sache kommen wollte, wurde der zurrst verhaftete Salomo« nochmal» auf die Folter gespannt und nun erzählte er — um seinen Quasi u rin Ende zu machen — die wundersamsten Dinge. „Einen Theil der Hostie habe er in einen Wei^rtteig gedrückt, um chn zu einem Kuchen zu backen, wobet sich za seine» Lntfttzen der Teig sofort blutig roll» gesächt habe. 0

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