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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 29 (1892) · p. Seite 114

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
29 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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ein Boriommniß, daii sich in letzter Zeit oft wiederholt hake. Eine alle Leidenschaft, die mit den Grund ju seinem und der Seinen Elend gelegt, war wieder mit all ihren häßlichen Begleiterscheinungen bei ihm zur Herrschaft gelangt, und er suchte die Mittel zur Beftiedigung dieser Leidenschaft, wo er sie nur aufzutreibm vermochte. Sie machte ihn blind für den eigenen Jammer und verhärtete sein Herz, so daß aus ihm irgend welche Regungen des Mitgefühls, des Erbarmens und der Liebe für die. welche diesem seinem Herzen so nahe standen und die ein heiliges Recht hatten, solche Gefühle zi fordern nimmer hervorbrechen konnten. Hatte er doch heute noch in aller Frühe, bevor er sich au» dem Hause entfernt hatte, der eigenen leidenden, darbenden Frau die letzten wenigen Pfennige, die dazu bestimmt waren. Brod für den nagenden Hunger zu kauftu, heimlich an suh genommen, um seiner Leidenschaft stöhnen zu können. Nimmer aber war er bei alledem fähig gewesen, an fremdem Gute sich zu vergreifen. Sein Rechtlichkitsgefühl übte ncch immer die Obergewalt über seine Leidenschaft au-, die ihn noch nie zu Handlungen hingerissen, welche da» Gefttz ahndet. Das war es ja eben, ivaS sein Elend um Viele» erhöhte, daß er es nicht vermochte, irgend Jemand zu übervcriheil.-n, und somit floß ihm der Gewinn sehr spärlich zu, so laß er außer Srande war, all die Mittel zu beschaffen, die für de» Unterhalt der Seinen erforderlich waren. Die öffentlühe Wohlthütigkil aber in Anspruch zu nehmen, davon hielt ihn ein letzter Rest des Schamgefühls ab, denn nicht von Anbeginn an war sein LebenSlooS ein so hartes gewesen. Er wühlte daher dasielbe Mittel, daß alle Diejenigen zu wühlen pflegten, die sich scheuten, vor aller Welt ihre bc> dauernswerthe Lage offenkundig werden zu lasten, um, wenn auch unter Aufbietung der schwersten Opfer, eine augenblickliche Erleichterung der ttes zur Erde nieder drückenden Bürde zu erfahren. Auch er nahm seine Zuflucht zum Psandhause, und ei» Stück nach dem andern «änderte dahin. Auch er sah, wie alle Anderen, daß dieser Zufluchtsort in» Verderben führte, aber das Bewußtsein einer momentanen Erleichterung gebot cllen Mahnungen Schweigen und machte da» Auge trübe, daß eS das im Hintergründe schaurig grinsende Gespenst deS völligen Ruins nicht zu ervlicken vermochte, bi» endlich die öde Leere um ihn her, die unaufhörlichen Llageuud Jcmmerlaute der Angehörigen, denen der nagende Hunger, das quälende Weh schwere Seufzer entwandt, da» getrübte Auge plötzlich klärte» und er zur wahren ErKnntniß dessen gelangte, was er bisher nicht nar sehen wollte. Nunmehr war Löwen zu dieser wahren ErKnntniß gelang:. AuS allen Ecken seines öden und leeren Wohnraumes arinfie ihm oas Gespenst de« völligen Ruin» entgegen. Und derjenige, der ihn an den Rand de« Verderbens gebrackch der ihm das letzte Ruhekisten unter dem HaupK entwunden, er stand jetzt vor ihm. Hirsch Löwen kannte den Pfandleiher Leo Salven, der ein stummer Zeuge de» eben geschillerten Exresses gewesen, in seiner wahren Gestalt. Er hegte imher für ihn nur ein Gefühl der Verachtung und de» Haste». Kaum war er diese- Manne» ansichtig geworden, als wieder die Flamme der Erregung hell in chm emporlodert«:, und seine Haß sprühenden Augen auf ihn richtend, fragte er ihn in barschem Tone. »Was haben Sft denn hier noch zu suchen? Wie Sie sehen, ist hier für Sie nicht« mehr zu finden. Sie haben wohl nun genug au» mir herauögepreßt." »Nicht so schroff, lieber Löwen", entgegnen Salden in süßem Tone, »Zu finden ist hier -.llerdingS nicht» mehr, davon habe ich m ch genügend überzeugt. Aber zu suchen, habe ch hier noch viel, sehr viel. Mein Geld will ich, da« ich von Ihnen zu fordern habe." .Nun, so nehmen Sie eS sich doch!" höhnk Löwen. .Sie undankbarer Mensch!" rief Salden an«. »Als Sft in Noch waren, da kamen Sft jammernd und CUiäenb zu mir, und ich half Ihnen bereüwiüigst, denn ich erachtete e» al» meine Pflicht al» Jude, al da ich mein Geld znrückfordcre, tuet« Sft schuldigen Dankesworte nur verletzende Hohnreden." .Gewiß haben Sft geholfen; aber boten Sft diese Hälfe wohl lediglich au» Mitleid und Erbarmen für den Nothleidenden? Der Wolf ist gewiß erfreut, wenn ein Lamm, da» hilflos umherirrt, sich ihm freiwillig al« Opfer darbfttet. Sie versagten mir Ihre Hülfe nicht, weil Ihnen ein Bortheil bei dieser Hilfeleistung in Aussicht stand, nicht au» Menschlichkeit." »Löwen, Sft verkennen mich" erwiederft Salden, »Sie wiffen nicht, welche Opfer ich schon dem allgemeinen Wähle gebracht habe." »Jawohl, ich weiß es!" sprach Löwen, .Sie haben gespendet, jedoch nur, um in den Augen der Welt al» humaner Mensch zu gelten. Nennen Sie aber das Hirmanität bethätigen, wenn Sft dem Bedürftigen da« Geld nur gegen unverhältnißmäßig hohe Zinsen darbieten und dann noch die unentbehrlichsten Dinge, die er für ftinen Unterhalt. ja für seine Hege und Pflege gebraucht, als sichernde Pfänder fordern?" .Du lieber Gott," sprach Salden, .man muß sich doch sichern, um sich vor Schaden zu bewahren." .Nun, ich glaube," rief Löwen, .Sie am allerwenigsten werden ft zu Schaden gekommen sein. Sft fordern also von mir jetzt Ihr Geld. Sft sehen, daß ich am Rnin stehe, daß ich außer den wenigen werthlos-" Lumpen, in welche wir uns noch nothdürstig hüllen können, nicht» besitze. Mein Weib liegt schwer krank darnftder. Mensch, rührt Ihr Wuchererherz nicht meine trostlose Lage? Zu Schaden sind Sie gewiß nicht gekommen und werden es auch nicht, denn die Pfänder, die in Ihrem Besitze sich befinden, haben einen mehrfach höheren reellen Werth, als da«, was ich Ihnen schulde." — (Fottfe»un, folgt.) I«de»L-rerche»*). 3 Da» älteste Dokument au» Frankreich, in welchem den Inden eine besondere Tracht vorgeschrftben wird, ist da» Statut von Alais au« dem Jahre 1200. Erst fünfzehn Jahre später (1215) wird von dem vierten laftranstch« Konzil eine analoge Verfügung getroffen. Doch glauben wir mit Hrn. Robert, daß eS eine ursprünglich kirchliche Maaßregel war. Jedenfalls gehen dft später« Erneuerungen und Verschärfn» gen de» Gesetzes vftl häufiger von Päpsten, Konzilien und - anderen geistlichen Behörden al» von weltlichen au», und gar oft wird von geistlicher Seite dft Lauigkeit der weltlichem zu erwärmen gesucht. Al» Motiv wird gewöhnlich dft Verhinderung des geschlechtlichen Verkhr» zwischen Indem und Christ« angegeben, was aber nicht immer der Walwhett - entspricht. Unter den Päpsten schenk Gregor H (Bulle von 1238), unter den französischen König« Ludwig IX. am eifrigsten für dft Einführung de« Judenzeichen« gewirkt zu haben. Dagegen weiß Robert auch zwei Bischöft (dem von Pamftr» a. 1279 und d« von Mainz 1294) zu nennen, welche den Juden ihrer Diözeftn einige Erleichterung oder Dispens vom Trigen des Zeichen» gewährten. Häufiger sind solche DiSpenft von weltlicher Seile für einzelne Indem . oder Judenfamtlftn. Ja König Karl V. von Frankreich de» steift sogar alle Juden vom Tra«n de» Zeichen» auf Reisen. Daß solche Besteiungen oft für Geld zu erlang« waren, stt leicht bemceiflich. Dft Regierung« zog« aber auch auf andere «eise ein Einkomm« ans den Judenzeichen. Sft belegt« nämlich das Unftrlaffen de» Zeichentrag«» mft Geldstraftn. Dft Stadt Marseille scheütt zuerst drest ein- 1 Nach Jum ugnM ä'mkamt» na mojM-4**“ dm Ultzsfc tUtcTtJlMTM betHauorsCtzamptM.» «ehnftchn» vM Dr. Mi. Lau--, bau tu Vien.

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