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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 29 (1892) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
29 (1892)
Date
1892-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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1892. *\Ut!•#/,/ Hrrvir »gegeben von Dr. M. Nlitzmrr in Magdeburg. \% ® Z« Jrtatzei!«« m» -cktzmii ftl die i«r«iitis<jt -mibe. . , l4 Di« Schuld der BSter «m Emstlun, von I. Herzberg. (Fortsetzung!. — Judenabzeicherr — Ueber da» «erhlllmih de« xüuütl I Lehrer« ,u den da» Judentbn« berührenden Leit- und vtreitsragen Bortrag de« Seminarlehrer» Drei». — >u» de« vpruchv scha» de» Talmud. — «HtM^lHmibe». — «LihlelEdsunge». lllnbefngtrr Rachdnuk an» diele« Blatte ist ,,trrs«gt.) $it S.ch«kd der Ein« Erzühlirag von I. Herzberg. (Fortsetzung.) Seine glühenden Augen, sein schnaubender Athem bezeug' ten, daß eine maßlose Wuth ihn erfüllte. Lin konvulsivische» Zucken ging durch seinen Körper, und er war kaum Whig, seine aufrechte Stellung einzuhalte». Dabei schien er den geistigen Getränken jedenfalls mehr, als für ihn erträglich gewesen, zugesprochen zu haben; sein rothe» aufgedunsene» Besicht wie« darauf hm. Bor dem Hause aber trieb eine Meng«, die sich aus den heterogensten Elementen zusammensetzle, ihr Unwesen. Ein Stimmengewirr, in da» sich ein Pfeifen und Zischen mischte, ließ sich von der Baffe her ein Pfeifen und Zischen mischte, ließ sich von der Baffe her vernehmen. vernehmen. ^Diese elende Brul!" keuchte Löwen wiederholt, indem er Stock und Mütze, sowie auch einen leeren Sack, den er über die Schulter zu tragen pflegte, der sein »wandernde» Magazin" bildete, und in den er in seiner Eigenschaft als »fliegender Handelsmann' die verschiedensten Gegenstände zu bergen pflegte. »Keinem thue ich irgend etwa» zu Leide, und doch belästigt mich diese» Gesindel aus die schnödeste Art," schrie er. Draußen dauerte da» Johlen der radausüchtigen Menge noch fort, und au» dem Stimmengewirr erschollen die verletzendsten Bezeichnungen, die an Unzweideutigkeit nicht» zu wünschen übrig ließen und zum Thml schamlosester, jeder Sittlichkeit Hohn sprechender Art waren. & Da vernahm man au» dem Mund« eine» halbwüchsigen Burschen, der im Johl:n und Schreien etwa» Gewaltige» geleisttt hatte, den Schuiähver»: »Jude, Jude schnch're nicht! «eißt Dn nicht, m» Mose» spricht? Mose» spricht: »Dn sollst nicht schachern! ' Mn» sollte» seist di« Jachen machenI' Und ein. augenscheinlich den befferen Ständen aagehörender Mann, der bisher vergnügt lächelnd Zeuge dieser Belästigungen gewesen, konnte sich nicht enthalten, den Ruf ertönen zu lassen: »Jude 'rau»!' Alsbald stimmte bet Chorus der hier versammelten halbwüchsigen Knaben und arbeitsscheuen und fragwürdigen Männer- «ad Fraueagejiald.a, deren Metier darin bestand, auf de» r traßen herumzulungern, in denselben Ruf ein. und vielstimmig wurde er unter vehementem Bebrüll wiederholt. Der Muth Löwen'» stieg jetzt auf» Höchste. Er erfaßte wieder seinen Stock, und in den HauSeingang stürzend, schwang er ihn'drohend gegen die unaufhaltsam schreiende und johlende Menge. »Fort von hier, oder ich schlage aus Euch eins' schrie er zornbebend Lin schallendes Hohngelächter war die unmittelbar darauf folge«« Antwort, und hier und da hob man schon drohend die Fäuste und Stöcke. »Wa» will der Jude?' schrie derjenige, welcher in so hohem Maaßr sein Talent al» Schmähpoet gezeigt und den oben vrrzeichnrten Ber» angestimmt hatte. »Schmeißt dem Juden Hirsch die Scheiben einl' ertönte es au» der Menge. In der That flog alsbald ein faustgroßer Feldstein durch eine der blinden Fensterscheiben, daß die zahllose« Splitter klirren» im Zimmer umberflogen. Der Stein fiel neben der kranken Frau nieder, die von namenlosem Schrecken erfaßt, einen gellenden Anstschrri au»- stieß. Sofort eilte Löwen in» Haus zurück. Dieser Angstschrei war ober auch bi» zu den Ohren de» tobenden Janhagel» gedrungen, der nun in wilder Flucht von dannen stob, wähnend, e» sei ein große» Unheil angerichtet worden. Niemand wollte der Thäter sein, niemand für ein Vergehen, dessen man sich schuldig gemacht, oder bei dem man zum mindesten betheiligt gewesen, die Verantwortung übernehmen. Boshaftigkeit und Feigheit waren hier wiederum auf» innigste vereint und feierten, wie sonst überall bei ähnlichen Anlässen. die treueste Verbrüderung Man liebte die empörendsten Excesse, beschwor sie durch di« verwerflichsten Mittel herauf, betheiligte sich selbst in hervorragender Weise daran und hetzte auch noch Andere auf da» Opfer ihrer Schmähsucht. Man fand ein innige» Behagen bei der Verunglimpfung und Kränkung eine» wehrlosen, Harmlo» seine» Wege» ziehenden Mitmenschen, der den einzigen in den Augen der Menge aber unverzeihlichen und daher zu solchen Ausschreitungen berechtigenden Fehler aufwie», dem jüdischen Stamm« anzugehüren. Den Folgen aber wich man scheu au». Muth zeigte man, so lange da» Auge de» Besetze» da» verwerflich« Gebahren nicht wahrnahm, .und man die Folgen der rohen Heldenthaten nicht zu ftlrchte» brauchte. Streitbar und kühn gebrhrdete man sich, so lange nicht tne traurigen, unausbleiblichen Zeugnisse roher Gewalt und blinder ZerstörunaSwuth die strafende Gerechtigkeit heraufbeschworen. Erhob diese aber zürnend und Sühne heischend ihr«, Alle in gleichem Maaße umfaffenden Anne, dann suchte man diesen durch die Flucht sich zu «ntwin—n und zu «»schlüpfen, unbekümmert um da» Schicksal dr» gemarterten Opfer». — Die hier in kurzen Zügen vorgeführten Ereignisse spielten sich keineswegs an diesem Tage zum ersten Male ab. Nein, sie wiederholte» sich, so oft »der Jude Hirsch' sich auf der Gaffe blicken ließ, wenn er, mit Sack und Stock von einem beschwerlichen Wege heimgekehrt war, den er bi» weit über die Grenzmarken de: Stadt hinan», oft auch bi» in die umliegenden Ortschaften, unternommen, um Brod für Weib und Kind in ehttichein Betriebe zu beschaffen, und sie bildeten in der Regel die Schlußszene in dem ttaurigen Akte, der sich abspwlte, sobald der müde Wandersmann die Sttaßen der Stadt bettat und der rrstt Ruf ertöntt: „Der Jude Hirsch kommt!' — Hirsch Löwen war heute mit einem Rausche heimgekehrt.

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