Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 28 (1892) · p. Seite 111

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
28 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 111 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492351-8722847-5962154--1931-5375396
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Don dieser dirrch drei Punkte bezeichneten und einer fast 3lX»v jährigen «schichte tu Grunde liegende« Bast« au« die Eigenthümlichleit und^ die Macht de« auSerwählttu Bolle« beweisen wolle. Die Juden, sagte der Doktor, sind keine Raste, sondern «ine Familie. Sie haben nicht mehr Sinne, keinegrößere Statur, keine anderen Kräfte, al» ihre Nebenmenschen und dennoch haben sie durch vier Jahrtausende einen hervor» ragenden Platz in der Tttschichte der Menschheit eingenommen. Andere Familien verschwinden im Laufe weniger Generationen. Da» Volk, welch:» unter Alexander di« Welt eroberte, ist heute, fall« es noch al« abgesonderter Stamm «xistirt, da« unbedeutendste von allen Böllern. Die lateinische Ration datiit vom 7. Jahrhundert nach Gründung de» hebräischen Staate! in Palästina und schon seit vielen Jahrhunderten hat sie aufgeyört. sich unter den Völkern der Erde bemerkbar »u machen. Hier aber ist ein Volk, dessen Hauptstadt schon 13 (?) Mal di« auf die Fnnlximente zerstört wurde und da« dennoch lebt und mit seinen Fundamentallehren de« bürgerlichen Recht«, der menschlichett Moral und de» göttlichen Glaubens die Welt beherrscht! Keine andere Familie seine« Stamme« war so oft wiederkehrrrdem und verdoppeltem Unglück unter- ' worsen; aber auch keine andere hat so wie sie jede Katastrophe siegreich bestanden und jede Niederlage überlebt In der Sklaverei und in der Gefangenschaft gedlch ihr Stamm, während andere Stämine auf ihrem eigenen Boden nicht gedeihen konnten. Und heute entwickelt dasselbe ohne Wohnsitz und Klima, .hinter den Thronen eine Macht, die größer ist, al» David« Macht und rühmt sich eine« Reichthum«, welcher den de« Salonio tief in den Schatten stellt. Nur eine gewisse Geistesschwäche greift zu dem Mittel, die Geschichte de« alten Testament« al« eine Mythe zu verhöhnen; hier stehen die Juden selbst um über sie berichten zu können. Al« die Stationen der Erd« unter dem Drucke despotischer Throne erlagen, organisirteu jene vor mehr als 3 Jahrtausenden einen steten bürgerlichen Staat, in welchem nicht nur die konstitutionellen Prinzipien unserer großen Republik zur Herrschaft gelangten, sondern auch die Detail« einer humanen Gesetzgebung, welche' unsera höchsten Ruhm auSmachen und die Prinzipien eine« sozialen, kommunistischen Staate«, nicht wie er heutt durch un» realisirt dasteht, so»^ dern wie ihn die am meisten vorangeschrittenen Nationen noch realisirt sehen michten, zur Geltung kamen. Der Prediger erlwb die hebräische Bibel von seinem Pulte und sprach: Hier sind dir Juden und hier ist ihr Buch; in einer Sprache geschrieben, die schon seit 2V0V Jahren zu den todttn gehört! Und in diesem Buche, welche« sie der Welt gegeben, haben wir nicht nur den ersten Traum von euer freien Nation, sondern auch die erste organisirte Republik den ersten ausführlichen Moralcodex, welchen alle folgenden Zeitalter nicht erweitern und verbessern konnten, und die erste deutlich sbrmulirte monotheistische Glaubenslehre. Sie haben durch diese« Buch der Welt mehr Elemente moderner Zivilisatton gegeben, al« alle Böller der Erde zusammen. Jetzt rechtet über sie! Wie kommt e«, daß sie allein die Idee de« IS. Jahrhundert« antizipirt haben? Wie kommt e«, daß sie allein den Glauben der Nationen formulirt haben, welche die Führerrolle bei dem Fortschritt der Welt in Händen haben? Jsolirt und auf rin Miniatur-Königreich beschränkt, sahen die Hebräer de« entlegensten Alterthums eine Zeit kommen, in welcher durch sie alle Böller der Erde gesegnet werden würden. Wenn ich dieses heilige Buch öffne, so lese ich au« demselben 2 Lektionen, eine au« dem chten und eine aus dem Denen Testamente, da letztere« nur den Kern der Prinzipien de« ersttren enthält; kein Jota desteldrn hebt w auf, sondern «füllt es nur. Wir singen die Lieder Meyerdeer« und .Mendelssohn«, wir lest» die moderne Presse, an wrl» ). j.AiS£äKx& Yk. cher auch Juden Mitarbeiten. Ohne Heimath sind diese noch ein mächtiger Faktor in Allem, was di« Welt bewegt. Sie fordern den Zweifle in die Schranken und können nicht weggefegt werden durch die Handbewegitng de« Streitsüchtigen, nicht verbannt durch da« Hohngelächter de« Kritiker«. Die Juden sind ganz einfach da« lebendige Wunder in der Geschichte, und auf ihren wunderbaren Tharakte re igenthümlichkeiten, ihrer unauslöschlichen Lebenskraft» ihrervorherwiffenden We isheit und ihrer Alles besiegenden Gla u be n«tre ue ruht die R ligion de« Kreuze«, welche heutt unter den Geschlechtern der Erde gepredigt wird." lDeutsch von L. Lohen-Ree« a.«h.) 3tenatt über den Antisemitismus. Inmitten der allgemeinen Erregung, welche sich nach den Heldenstücken, mit denen der Antisemitismus sich in Frankreich einzubürgern sucht, der Gemüther bemächtigt, lag der Geinte nahe, ixis Wort eine« der Großen de« französischen Geiste« über diese neueste Erscheinungsform im öffentlichen Leben der dritten Republik hören zu gehen Für Jeden, der sich mit solcher Absicht trägt, ergiebt sich von selbst die Pilgerfahrt in« Quartier Latin hinaus zum altthrwürdigen Sitze de« 6oII«g» de Fraaoe. Des modernen Frankreich best: Gedanken sind von jenem Arbeitszimmer im zweiten Stock oberhalb de« physitaliichen Laboratoriumausgegangen; und wer da oben an die Thür klopft, ist sicher, daß ihm freundlich aufgetban und daß ihm alles Wissen gespendet wird, daß er nur heischen mag. Ernest Renan ist leidend und schwach. Seit sech« Monaten krankt er an einer katarrhalischen Affettion: das lästige Ue'ttl will nicht weichen, und seit einigen Tagen soll die Seeluft der Bretagne vec'uchen, ob es ihr nicht gelingt, den ungeladenen Gast au« Lungen und Luftröhren de« Patienten fortzuscheuchrn. „Da« Sprechen fällt mir schwer," sagtt Renan mit leiser Stimme, indem er mit freundlichem Lächeln dem Besucher die Hand entgegenstrrckt. „Sie müssen mich entschuldigen, ich kann Ihnen nur Wenig,« uno Oberflächliche« sagen." Uno wir kommen also gleich auf da« verabredett Thema: „Eist eine Schande für unser Land, dieser Antisemitismus", äußert« der Verfasser de« „Leben Jesu", „und ich schäme mich deffen, daß man daran denkt, diese Bewegung auch in Frankreich heimisch zu machen. Aber seien Sie ruhig, da« wird nicht mehr weit gehen, da« muß bald zum Stillstand kommen. Bei un« ist absolut kein Boden für dir antisemitische Saat. In Frankreich ist ersten« die Zahl der Juden eine verschwindend geringe, und zweittn« sind sie durchaus ajsimilirt. Sie haben mit un« gekämpft, sie haben mit un» die Revolutton gemacht, sie haben mit un« eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame Erinnerungen. Sie sind darum Bürger Frankreich« wie alle Anderen, und e« raar eine ausgezeichnete That de« Kaiserreichs, sie dazu such ausdrücklich zu machen. Denn auf der gemeinsamen Geschichte allein basirt unsere Nationalität. Die stanzösisthr Nation ist nicht auf ethnographischen Grundlagen aufgebaut. Nehmen Sie die erstbesten beiden Franzosen, die da unten auf der Straße vorübergehen, und Sie werden in ethnographischer Beziehung keinerlei Gleichartigkeit zwischen ihnen sin den. Die Geschichte voii den Galliern u. s. w. ist doch nicht aufrecht zu erhalten. Also wa« will man eigentlich von den Juden? Wa« wirft man ihnen vor? Sind sie nicht ebenso f ute Offiziell, ebenso gute Beamte wie alle Änderen? Haben ie nicht ebenso ihr Blut für das Vaterland vergossen, wie die andere» Franzosen? Man wirft ihnen vor, daß sie reich sind, daß sie mit ihrem Reichthum protzen. Ersten« sind« ich nicht, daß stt gar so ostentativ aufnrten. Und wa« den Reichthum anlangt, so hat man sie ja gerade dazu gezwun-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.