Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 28 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bevölkerung sich zu wahren, sich hier als den Wohlthäter der Armen und Nothleidenden aufzuspirlen, ohne verhältnißmäßig groß« Opfer zu bringen, andererseits aber auch sich von dem unter Mühen und Qualen errungenen Verdienst der den unteren und auch mittleren Schichten Angehörenden, an dem so mancher Schweißtropfen klebte, schnöd« zu bereichern und den weitgehendsten Nutzen zu ziehen. Das war der Mann, der so plötzlich und unerwartet auf der Bildfläche erschienen war. Kaum hatte die fast ganz erschöpfte Frau den Eivtretenden erblickt, als ihr Gesicht noch um einen Ton bleicher ward. Ein leichtes Beben ging durch ihren hageren schwachen Körper, ihre Arme stteckte sie an», als wollte sie einen sie bedrohenden Dämon abwehren, und mit einem Ausdrucke höchster Angst starrten ihre großen, weitgrö^neten Augen auf den Mann. Der Knabe, der eben im Begriff gewesen, dem Ausgange zuzueilen, um Brod zu suchen damit er seinen nagenden Hunger stille, den er aus schonender Rücksicht auf die schwer leidende Mutter verleugnrte, blieb wie gebannt stehen. Kannten sie doch diesen Mann, der jetzt mit einem kalten Lächeln und mit gefalteten Händen vor ihnen stand. Jo, sie hatten seine Herzlosigkeit an sich erfahren, und sie ahnten las Unheil, daß ihnen drohte. — Mit ängstlicher Spannung erwarteten sie die Anrede Salden», der ohne ein Wort de« Grußes eingetrettn war und auch jetzt noch schweigend sich in dem leeren Wohnraume umschaute. Endlich begann er fast knurrend: »So sieht es also hier aus. Nun, da steht wohl nicht?u erwarten, daß die Pfänder alle, die nun sämmtlich verallen sind, wieder ringelöst werden. Da morgen Mittag um 12 Uhr eine Auktion von nicht eingelösten und verfallenen Pfändern stattfinden wird, so werde ich wohl auch all die Sachen, dir ich von Ihnen habe, zum Verkauf bringen müssen. Sie werden wohl kaum in der Lage sein, die Gegenstände einzulösen. Wenigstens läßt die Lage, in welcher ich Sie antreffe, nicht daraus schließen." Bei diesen letzten Worten, die schon von einem höhnischen Lächeln begleitet waren, schaute er sich nochmalprüfend um. »Allmächtiger Gott!" schrie da die Kranke auf. ,O, haben Sie Erbarmen, Herr Salden, und üben Sie Nachsicht." flehte der Knabe, der unwillkürlich in die Knie« gesunken war und seine Hände gefaltet ihm entaegenstrcckte. »Habe ich nicht schon Mitleid genug an Euch verschwendet, Ihr undankbaren Leute? Für fast werthlose Gegenstände gab ich Euch mein gutes Geld hin. Wo ist denn Ihr Mann, Frau; wo ist Dein sauberer Vater, Junge? Der lungert wohl wieder auf den Straßen umher? »Ich weiß es nicht, wo mein Vater sich aushält. Er ist schon in aller Frühe aus dem Hause gegangen," antwortete der Knabe. Die hartbedrängte Frau konnte aber keine Worte finden. Ihre Kehle schien ihr wie zugeschnütt, keinen Laut vermochte sie hiudurchzopressen. Ihr Athem ging schwer und nur durch wiederholte schwere Stoßseufzer vermochte sie ihrer entsetzlichen Scelrnpein Ausdruck zu geben. C, schwer lag es auf ihrer Seele, wie sie so vielfach vom harten Geschicke heimgesucht ward; am schwersten aber bedrückte es sie, daß nun die letzten, wenn auch zum Theil gcringwerthigen Ucberreste einer ehemals eleganten Einrichtung, dir letzten Zeichen eines für immer dahin geschwundenen Lcbensgtückes, unter den Hammer kommen und in fremde Hände übergehrn sollten. Und sic war außer Stande, da- Schreckliche abzuwrn!)ru. Salten aber schien kein Auge zu haben für die unglücklick)« Lage, die er hier walirnahm. Ihn beschäftigte jetzt nur der Gedanke, ob und wie er zu seinem Geld« kommen werde. Er zog aus seiner Rocktasche ein abgegriffenes Taschenbuch une blätterte darin. Dann sprach er mit lauggedehnten Watten: »Nach »einer Berechnung schuldet Ihr »ir jetzt zweiundsechzig Mark und fünfundachtzig Pfennige." Da eilte der Knabe iu die Ecke des Zimmer« und holte unter der Diele «in kleines, alte« Notizbüchlein hervor, in daer auf Gcheiß der Mutter und nach deren Anweisung allerlei Notizen niederzuschreiben pflegte. Nach kurzer Pause sprach er schüchtern: »Nach meinen Notizen haben wir im Ganzen von Ihnen einundvierzig Mark und fünfzig Pfennige erhalten." »Was scheerrn mich Deine Notizen. Junge Oder glaubt Ihr, ich werde Euch ohne Zinsen und Provision mein gutes Geld laffen, mit welchem ich sonst viel m:hr verdienen kann? Seid doch froh, daß Ihr noch so billig da« Geld von mir bekommt, daß Ihr überhaupt noch Geld erhaltet für Eure armseligen, halbverfaulten Sachen. Also kurz und aut: Wenn uh bimorgen Mittag um 12 Uhr nicht im Besitz der zweiundfechzig Mark und fünfundachtzig Pfennig« bin, so werden alle Sachen vom Bett bis zum Stuhl, auch der Trauring, verkauft." Kaum war da« letzte Wort über di« Lippen des erbarmungslosen Menschen gekommen, al« vom Krankenlager her ein gellender Auffchrei ettönte. »Herr Salden," stöhnte die unglückliche Frau, »keunt Ihr Herz denn kein Mitleid und Erbarmen; läßt unsere Lage nicht ein Mitgefühl in Ihre Brust einziehen? Woher sollen wir danehmen, was Sie bi« morgen von uns fordern? Sie sind doch sonst so bereit zu helfen, zu geben, wie man sagt. Sie werden doch gepriesen als der Menschenfreund. O. Sie sind mir ein Räthsel; in Ihnen walten zwei verschiedene Naturen!" »Geschäft ist Geschäft!" erwiderte Saldeu in rauhem Tone. »Im klebrigen erlaffen Sie mir derattige Redensattrn. Was ich einmal gesagt, dabei bleibt es." Bei diesen Motten wendtte er sich um und war im Begriff, dem AuSgange zuzugehen. Da ettönte von der Straße ein jodelndes Kindergeschrei und man vernahm die in singendem Tone gesprochenen Worte: Hirsch, Hirsch Siinft Immer gerne Kirsch." Dann wankt« eine Mänaergestalt in« Zimmer. ES war Hirsch Löwen, derjenige, nach welchem Salden geforscht, der Mann der leidenden Frau, der Bo »er de- Knaben. (Fortsetzung folgt.) pu Audtt», das keve«dige M«»drr i» der Aefchichle. In der ersten preSbyterianischen Kirche zu Sioux Eity (Iowa) hielt Herr Dr. Jeukins jüngst einen histottschen Bottrag über: »Das auSerwählte Volk". Die Juden, so sprach der Prediger, sind keine Mythe. Gegner der Religion, welch« deren Forderungen abzuweisen suchen, gefallen sich dann, alle Behauptungen der heftigen Schrift m Mythen aufzulvsen, bis die sagenhaftest« Erscheinung in der Litterlttur die Mythe selbst »st. Die Juden aber sind ein wahrhaft handgreifliches Faktum. Redoer entfaltete eine Bleistiftzeichnung von einer auf einem egyptijchen Monumente gefundenen Flgur mit einer unter derselben befindlichen hieroglyphischen Inschrift, welche zeigte, daß dir Figur das Ponrait Rehabeam's deS Sohnes Salomo"« sei, der nach der vorhandenen Randverzierung König von Judah war. Hierauf hielt er «ine Goldmünze in die Höhe, welche er von einem Antiquar inf Tunis (Nord-Afrika) erhalten hatte und auf welcher der Name Bespansian'S, de« Eroberers von Palästina, dessen Sohn Titus den Sturz Jerusalem« bewerkstelligt hatte, sich befand. Dann wies er. auf das Vorhandensein jüdischer Bürger seine« Wohnottes hin und sagte, däh er