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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 28 (1892) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
28 (1892)
Date
1892-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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fmautgegtben Don Dr. M. Hatmn ln Magdeburg. & Jir |ntrr|altn| nI -elchmfix lit isrulttische liiilu. 0 ' rv t ,. Dl« Schuld der Lckter. Li»e Erzthluug von I-Herzbe rg. tForisetzung). — Dl« Juden, da» lebendige Wunder der ««schichte — » xltDCllt! Renan über den ■ntifemhUau*. — Line »ersiückl, Aeugerung Heine'» über di« Juden- — Lin frommer Bettler. — Zur L v Saison. — R»rhftl.«usgabeu. - «achsel^dsungeu. illnbesNgtrr Rachbrnck »n« diesem Blatte itt nniersagt.) _ s.*- *-• Pie Schuld der ALter. Line Lrpihlung von I. Herzberg. sKorrsetzung.) f (Nachdruck oerboten ) >' Eine ganz eigenartige Erscheinung stellte sich uns in dem Eingetretenen dar. Seine gebeugte Haltung, sein wankender, schleichender Schritt ließen vermuthen, eine Last von sieben Jahrzehnten habe ihn schon nirdergebeugt, und doch zählte er erst vierzig Jahre. Sein Gesicht war hager und bartlos, und unter tieffchwarzen, buschigen Augenbrauen lugtea aus der Tiefe dir Augenhöhlen eia paar listige Augen mit herbem, stechendem Blick hervor. Kalt war der Ausdruck diescr Augen, die ein getreue» Abbild dessen darboten, wo» sein Herz erfüllte, und wenn e» wahr ist, daß die Augen überhaupt der Spiegel der Seele sind, und daß man I durch sie in die verborgensten Herzenskammern zu schauen vermag, so ließen die Augen dieses Manne» darauf schließen, daß seine Seele nicht fleckrurein und makellos, uud eia prüfender Blick in diese seelenlosen Augen mit ihrer starren ( Külte ließ erkennen, daß sein« innersten Herzenskammern für ij, ein wahre» menschliches Fühlen und Empfinden stet» ver- 5 /. schlossen waren. Seine weit hervorstehende Nase mit dem darunter befindlicher! breiten Munde, dessen aufgeworfene Lippen meist nur halb geschlossen waren, ein äußere» Zeichen, Y daß im Innern eine unbezähmbar« Einnenlust wüthete, ver- 1/ liehen ihm eine habichtartige Physiognomie, und man war i;' bei seinem Anblick vnsucht, zu glauben, er sei stet» darauf t bedacht, nach Beute auSzulugen. Seine dürren Hände mit f( den ungewöhnlich langen Fingern hielt er meisten» gefaltet, t al» ob er sie zum stillen Gebet in Andacht zum Himmel , erhebe, und der Ton seiner Stimme war ein salbungsvoller, l. so daß Diejenigen, die noch nicht unter die Hülle geschaut, 'p mit der er sein wahte» inneres Wese» vor der Mitwelt zu; verdecken nnmcrsort bea üht war, in ihm das Muster eines 7frommen, edlen Menschen erblicken mußten. Und da» waren iwohl Diejenigen, welche seiner Hülfe und seines Beistandes i in Zeiten der Roth und der Bcdrängniß erbitten, erflehen mußten. Alle Diejenigen aber, an die solche Roth und Bes.. drängniß nicht herantrat, die demnach nicht in die verzwei» ' feite Lage gedrängt wurden, seine Dienste in Anspruch zu L s nehmen, hatten nicht Gelegenheit, die wahre Gestalt dieses M Mannes in ihrer Nacktheit zu schauen, sie sahen in ihm den B- Inbegriff allen Edelmuths und leinster, selbstlosester Men- W-.'. scheu freu n dl ichkeit. Auf allen Sammellisten zu Gunsten gemeinnütziger und wvhlthätiger Zwecke prangte der Name Leo Salden unter den ersten. Die jüdische Gemeinde zu H. hatte wiederholt Zurorndungen in nicht unbeträchtlicher Höhe durch ihn erfahren und dir Synagoge schmückte mancher kostbare Gegenstand, der der Opftrbereitschaft Salden« zu verdanken war. Erst vor wenigen Monate» noch spendete er einen prächtigen Borhang vor dem Allerheiligen und hatte der Rabbiner bei dem Feste, das anläßlich dieser Schenkung zu Ehren des Stifters veranstaltet worden war, diesem unter Anerkennung seines frommen Sinnes und seiner Verdienste um das Gcmeindewohl den .Chowertitel" verliehen. In denjenigen Schichten der Bevölkerung, in welchen man lediglich von seinen freiwilligen Spenden laS und rühmen hörte, pries man ihn als den Philantropen mit dem edlen Herzen voll der reinsten Tugenden; in jenen Schichten aber, wo min seine Unterstützung und seine Hülse direkt erbitten mußte, dachte man anders über den so gepriesenen .braven Mrnn*. Da wußte man es gar zu wohl, daß sein Frommthun eitel Lug und Trug, sein Edelsinn Berechnung war, um unter der Hülle der laut auSposaunten Humanität ein schändliche- Gewcrve zu betreiben, das von jedem rechtlich denkenden Menschen verdammt wurde. Man wuvte dies, und doch wagte man eS nicht, ein Wort d«S Tadels lautbar werden zu lassen, denn man war einzig und allein auf ihn angewiesen, wenn man momentanen Verlegenheiten Vorbeugen wollte. SaldenS Geschäft fußte auf Diskretion, die er denen, die ihn und seine Gelder in Anspruch nahmen, gewährleistete, die er aber auch von allen auf da» Strengste forderte, die in geschäftliche Beziehung zu ihm getreten. In den Augen Derjenigen, die ihn öffentlich als den stet» freigebigen, mildthätrgen Menschenfreund feierten, galt er als der reichbegüterte Privatmann, während er denen, di« in geschäftliche Beziehungen zu ihm getreten, al» der habsüchtige Erpresser erschien, der daS wucherische Treiben mittelst PfandnehmenS als einen harmlosen Selbstschutz darzustellen bestrebt war. Und baß jene von dem keine Mittheilung empfingen, wa» diesen einzeln kein Geheimniß war, war dadurch möglich geworden, daß ein Jeglicher, welcher seine Hülft anries, au» einem gewiffen Ehr- und Schamgefühl e» gewiß nicht wünschte, daß «S an die Oeffentlichkeit dringen möchte. Mit den süßesten Reden sagte er seine Hülft zu, im Hintergrund« aber grinste das Gespenst des krassen Eigennutzes, das, froh darüber, daß wiederum ein armes Opftr ins Garn gegangen, unter dem Mantel vorgeblichen Edelsinns die Noth d» Bedrängten auSbeutete. Bei aller Verschwiegenheit aber, war rS doch nicht zu verhindern gewesen, daß zuweilen ein durch die bitterste Nochlage der Bedrängten hervorgepreßter Klageseufzer in die Oeffentlichkeit drang, aber er verhallte wieder unbeachtet. Man durfte, man wollte die Klagen und Anklagen nicht vernehmen, geschweige denn ihnen Glauben schenk»; denn war r« wohl möglich, daß ein Ehrenmann, wie Salde.i, eine Gesinnungsweise bethätigen könnte, deren man ihn beschuldigte? Rein, alle Klagen waren, so deduzirte man, nur der Ausfluß eine» Rackegrsühl», hervorgeruftn dadurL daß man ftdeufalls vergeblich bei dem, der von so vielen Seiten angegangen wurde, angqrocht. So war es ihm denn möglich, «iuerftit« seinen guten Ruf in den oberen Schichten der

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