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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 27 (1892) · p. Seite 106

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
27 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 106 (sequence 2)
Language
German
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. iT — 106 — überwannte, geschlossen, mit Anstrengung aber bald wieder geöffnet wurden. Wenn dann sein träumerisch dreinschauen» de» Augenpaar mit seinem seltenen Glanze auf die kranke, so schwer leidende Mutter sich richtete, dann entrang sich ein schwerer Seufzer seiner Brust. — Eben hatte er nricta: seinen Blick zum Krankenlager hinüberschweistn lassen, und eS suchte da» jugendliche Herz, da» schon, ach, so Sch'vereS zu erdulden hatte, wiederum durch ein Aufseufzen Luft und Erleichterung sich zu verschaffen. Dieses Auffeufzen schien aber bis an da- Ohr der Zkranken gedrungen zu sein. Leise bewegten sich ihre Lippen und kaum vernehmbar lispelte sie: .Josephleben!" Sofort eilte der Knabe an das Lager der Mutter, die unausgesetzt bemüht war. ihre ttockenen Lippen mit der Zunge zu netzen. Joseph verstand ihr Bemühen und reichte ihr sofort ein irdene« Töpfchen mit Wasser, von dem die Kranke begierig schlürfte. Der Trunk schien die Kranke gelabt zu haben, denn ihre Züge belebten sich etwas und sie sprach: .So, nun ist es teffer.- Bei diesen Worten erhob sie die auf der Decke ruhende Hand, um den Arm ihres Sohne» zu erfassen. Eine heiße Thräne fiel in diesem Augenblicke auf die dürre wachsbleiche Hand. Sogleich wandte die Mutter dem Knaben ihr Antlitz zu, und sie sprach mit zitternder Stimme: , „Weine nicht, mein Leben, der Allgatige wird schon Hülfe senden. Horst Du mich jammern und Nagen? Ich weiß es ja. daß Du mit mir doppelt Dich grämst O, Bott, e» ist zu schrecklich, wenn das Weib sich über den Mann, daS Kind über den Vater sich härmen muß". Lin Schluchzen unterbrach die Sprechende, und t«r leise weinende Knabe barg sein Haupt in die Decke, auf welches die Mutter ihre Hand wie segnend legte. Dana blicften die Augen der Mutter zur Höhe empor und leist begann sie in sich hinein zu sprechen: .Wer hätte die« Leid mir vorher verkündet? — Die höchsten, kostbarsten Schätze, die ich mein eigen genannt, habe ich ihm geopfert. — Jugend, Ehre forderte er in seinem Ungestüm von mir, und ich gab sie ihm preis in blinder Leidenschaft. — O, Ihr geliebten Eltern, wie härm»t Ihr Euch um mich! Mit einem schweren Fluche trstbet Ihr mich von der Heimathscholle; ob Ihr auch mit einem versöhnenden Worte für nuch au« diesem Leben geschieden? Konntet Ihr mir nimmer verzeihen, daß ich mein Beschick an dasjenige eines Mannes knüpfen wollte, der nach Eurer Meinung nicht meine» Standes war?— Es war ein gar Herrlicher Traum, dem, ach, ein furchtbare» Erwachen so bald folgen sollte. — Glückliche Zeit, — Du — bist — dahin —!' Die letzten Worte kamen kaum vernehmbar noch über die schmerzlich zuckenden Lippen der Flüsternden. Nun regte sich der Knabe und fragte: .Mutter, Tu hast heute noch nichts gegessen, soll ich Dir etwareichen?' .Laß es sein, mein Kind, ich trage kein Verlangen nach Speise. Aber Du hast gewiß Hunger; willst Du nicht essen? Wenn daS Vorl-andene nicht zu Deiner Sättigung hinreicht, so nimm die wenigen Pfennig«, die hier in der Sät, in ein Tuch gebunden, liegen und kaust Dir Brod dafür. ES ist, ach der letzte Rest des kleinen Betrages, den Dir vorgestern Leo Salden für das als Pfand gebrachte Kissen gab. Run hat er das letzte Stück, das wir unser eigen nennen.' Bei diesen Worten suchte ihre Hand immer hastiger neben dem Lager in der Ecke. Plötzlich stteß sie einen rammerfchrei aus: .Herr des Himmels! auch das noch; fort sind die letzten Pfennige, genommen von chm, der kein Erbarmen für Weib und Krad fühlt. Er wußte «S, daß ich noch etwas Geld befaß, daß ich eS hier wohl oerwahrte und in aller Frühe, als ich schlummerte, nahm — stahl er mir da», wofür uh Brod kaustn wollte für mich und mein Kind, und letzt verpraßt er «S gar in der Schenke/' „Mutter," sprach hierauf Joseph, „beruhige Dich, will zvm Krämer gehen, vielleicht rühre ich sein Herz uni er borgt mir etwa» Brod." — „Kein, o nein, nicht bitten, nicht betteln; lieber hungern, - ja, lielier — — sterben," schrie die Unglücklich« aus. „Aber Du, mein Kind." fuhr sie kort, „kannst und sollst nicht hungern. Ja, gehe; ab«-sage, wird man Dir auch borgen?" „Mutter, ich werde e» versuchen." 3)ct Knabe erhob sich. Da pochte es ungestüm an die Thüre und herein trat der Pfandleiher Leo Salden. (Fortsetzung folgt.) Die verrüMen l&ättfc. Humoreske von Srnob Schröder. Leo Deitelzweig in Hamburg handelte mit „Alle»'. Sein Hauptgeschäft war Produktenhandel, Lumpen, Papier, Knochrn, Felle und Metalle Dabei besaß er aber auch eia kleines Ladengeschäft mit holländischen Waarea, Strümpfen, lSarderoben, Sonnenschirmen, Uhren und noch sonstigem „Ramsch", verkaufte gegen baar, aber auch an ehrliche Leute auf Abzahlung und war nicht bester und nicht schlechter al» feine Nachbarn, Juden oder Christen. Levy hatte sich auf einer Fahrt im Altenlande außer allerlei blankem Gelbe auch zwei magere Gänse eingehandelt, und ta er mehrere Scheffel roth« Wurzeln und einen großen Sack Hafer für eine alte Schuld angenommen, so beschloß seine Frau Rosalie, die Gänse sttt zu machen. Sie verstand zwar äußerst wenig davon, aber einer ihrer Arbeiter, mit Namen Harms, ein geborener Wilhelms» burger, verstand die Mast sehr gut. und ihm wurde die Nudelei der Geschwister Gänserich übertragen. Die beiden Bänse saßen im engen Käfig «ingesperrt im .Luvchenstall', und wurden von Harm» mordsmäßig gut gefütirrt. Frau Deitelzweig freute sich unendlich über die Zunahme der beiden Pfleglinge und ermunterte den Harm» zur guten Fütterung. .Ja, Madame,' sagte Harms, .wenn dat man good geiht, Se wüten woll. ick will ehr Beste», ober» wen» Se de Gööse to stark fuddern laat, dann werd se verrückt.' .Wieso, verrückt?" sagte Leo Deitelzweig, au» der Hinterthür in den Hof tretend. „Ja,' sagte Harm», „alt ich uoch in Hamburg bei Kirchheim» war, da bekamen sämmtliche Gänse den Rechpel; sie kriegen es denn in die Gegend, wo sie sonst die Eier mft legen, und denn fahren se Schlitten wie'n Hund und denn sind st doll.' .Um Gotte» Willen!' schrie Frau Rosalie entsetzt, .lassen wir lieber morgen unsere Gänse schlachttn!' „Ja,' sagte Herr Deitelzweig, und er ging mit seiner Frau hinein. HarmS aber lächelte verschmitzt. Am ander» Morgen kam Harms schon ziemlich früh zum Lumpenstall. Nachdem er das Gänstfutter zurecht ge« rühr: hatte, nahm er seine Köhmbuddel und goß einen halben Ohrt Branntwein in jeden Raps und nun ging da» Nud:ln los. Damit aber auch noch nicht zufrieden, streute der bös« Harras stder GanS eine tüchtige Piste spanischen Pfeffer unter die «Schwanzfedern und ließ jetzt die Stallthür osten. Der Schächter, welcher Abend» vorher benachrichtigt woriren, war pünktlich «schienen, in Begleitung d« Familie Deitelzweig begab « sich jetzt in den Hof. Ab« wöch ein Anbl ick bot sich ihnen dar! — Die berden Gänse rutschten, scheußlich schreiend, wie ein Karufstl im Host herum, dabei

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