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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 27 (1892) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
27 (1892)
Date
1892-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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18*2» H«nm«LVben von Dr. ft Ratzmer ln Magdeburg.?ir |itrr|iltn| tri -eithnnß ftr lir iwieütifdje jtwiltr. f * ®*e derSiter. VonI.Herzberg. — Dl« verrückten Gsnse. Humoreske. — Frau Rahlda Siümy. — Richard Sagaer'«Iuden- )in|)(UI * felnbschast. — (ln pharaonlscher fileMbiief. - Ernst Renan. — Rn* dem Sprachschatz Del Talmud. — Hin« 'Deputation. (Schli ß.) — RaiWeUfnffjben (Untzesn^er Rl4lnrf na« Mrlent «an« Ist nnterb-gt.) Pie Kißukd der Aäler. Ein« Erzähl,>ng von I. Herzberg. (Rachdruck verboten.) I. Holder, lieblicher Frühling! Wie sehnsuchtsvoll schlägt da« Menschenherz mit seinen mannigfachen Wünschen Dir entgegen! Jauchzend begrüßt Dein Kommen der Mund aller Sterblichen. In der armseligen Hütte wie im stolzen Palaste ruft man Dir ein einstimmiges, freudige« »Willkommen!' entaegen. Dem Bekümmerten träufelst Du neuen Hoffnung«« balfam in da« schwer verwundete Herz, und für den Glücklichen, vom Geschicke Begünstigten, führst Du wieder ander« geartete Genüsse und Freuden mit Dir, welche die Dir vorangehende Jahre«,zeit nicht darbieten kann! — — . Dahin war wieder de« Winter« Trübsal. Schon hatte die FrühligSsonne mii ihrem erwärmenden Strahlenglanze die letzten Schnee- und EiSreste schwinden lassen. Uederall in der Natur war ein frische«, fröhliche» Leben eingekehrt. Auf Baum und Strauch aus Feld und Flur begann e« zu grünen, zu knospen und zu blühen, würzige Düfte erfüllten immer mehr die Lüfte und buntgefiederte Sänger hatten schon dem mächtigen, wundert hätigen Schöpfer de« Alle« ihr erste« Dauklied für die Wiederverjünguug in der Natur augestimmt und einen starken Wiederhall hatte diese« Danklied in den ftohbewegten Herzen der Menschen gefunden, die dem Herrn au« voller Brust ein »Hallelujah!' weihten!- Ja, neue« Leben lieaann der den Menschen allen sich zu regen, und hoffnunxsfreudige Zuversicht erfüllte in Erwartung herrlicher Tage die Herzen Aller und ließ sie in dem Bttvußtsein, nun einer bangen, schweren Zeit der Entbehrungen mancherlei Art entrückt zu sein, freudiger schlagen. Der Sonnenschein draußen zauberte in alle Häuser mit einem Schlage Frohsinn und Heiterkeit, ftlbst da, wo zuvor Besorgniß und Niedergeschlagenheit gewaltet ob der oft schier unerträglichen Unbilden de« rauhen Winter« mit feiner unerbittlichen Strenge, die Noth und Drangsal im Gefolge mit sich geführt. — - Die liebliche Frühlingssonne, — au« einem kleinen Häutchen vermochte sie nicht de« Winter« Roth und Pein zu verscheuchen, da«, in einer engen, dunllen, von allem Verkehre abgeschlossenen Sackgaffe der Residenzstadt H. gelegen, schon durch sein Aeußere« un« ankündete, daß rn seinem Innern die bitterste Armuth wohnre und de« Hunger« Schreckensgestalt seinen Einzug gchalten. Ja, je heller brau« ßai der Glanz, den der Sonne Sttahlen entfalteten, desto Sbe* Jammer« Bild, da« unser Auge hier erblickte, eine niedrige Orffnung, die durch eine altersschwache, , mit zahllosen Brettchar oberflächlich vernagelte Hmwthüre zu schließ» war, welche bei der zeringslen Bewegung Ichrill in chren verrostete» Angeln (narrte, al« ob sie de« Ein tretenden schon von all dem Elend erzählen wollte, da« sie hinter sich barg, traten wir in einen niedrigen, dunklen Raum, bei dessem ersten Anblick schon in unser Herz ein Gefühl de« Mitleid« und des Erbarmen« erwachte. Schwer vermochten wir un« zurecht zu finden, denn unser Auge war, da wir au» der Helle da draußen plötzlich in da« Dunkel de« Innern getteten, geblendet. Bald aber senkte sich der Schleier und wir gewahrten zunächst, wie zerstörend de« Winter« Allgewalt hier gewirkt. Die schwarze», rußigen Wänden zeigten bedrohliche Risse und ließen erkennen, daß der altersschwache Bau in seine» Grundfesten erschüttert war. Kahl waren diese Wände und kein, selbst in der ärmlichsten Hütte sonst gebräuchlicher, Zierrath schmückte sie. Nur eine in schreienden, bunten Farben gehaltene Darstellung biblischer Szenerieen, ein sogenanntes »MiSrach", jenes Nationalbild, da» man an der Ostwand de« Zimmer« anzubringen pflegt, um dem Betenden zu künden, daß er nach jener Richtung sein Antlitz beim Gebete zu wenden habe, war, ohne in einen Rahmen gefaßt zu sein, an die der Thüröffnung gegenüberliegende Wand geklebt. A» den zwei niedrigen Fenstern waren die meisten Scheibenrahmen theils durch Papieretücke verklebt, theils durch kleine Brettchen vernagelt; die übrigen noch vorhandenen Scheiben waren geflickt und blind und ließen da« Tageslicht nur spärlich hereindringen, so daß hier selbst am hellerlichten Tage ein unheimliches, niederdrückende« Dunkel herrschte. Der Raum schien leer zu sein, denn vergeben« schauten wir un« nach irgend einem HauSrath, selbst dem unentbehrlichsten, um. Nachdem wir aber unseren suchenden Blick in die entfernteste, rechte Ecke deS Raume« geworfen, bot sich unü ein herzbrechender, trostloser Anblick dar. In der Nähe de» Kamin«, in dem seit Langem schon kein erwärmende« Fünkleiu erglommen, bemerkten wir ein armselige« Lager. Auf alten, haldvermoderten Säcken und Kleidungsstücken lag eine schwerkranke Frau. Unheimlich starr dlickten die großen schwarzen Augen in« Leere, und kein andere« Zeichen de« Leben« nahmen wir wahr, al« ein wiederholte« Zucken der rechten, fleischlosen Hand, die auf einer elenden Hülle ruhte, welche über sie auSgebreitet war, und welche au« einem alten, mit unzähligen Flicken und Läppchen behafttten Mantel bestand. Tiefer Gram, nagender Kummer sprach au« dem abgemagerten Antlitz der Schwerkranken, an deren ohnehin geringen Kräften eine gewaltige Fiebergluth zehrte, die da« h-iße Blut durch die Adern jagte. In der Ecke, dem Lager gegenüber, saß auf der Erde ein etwa zwölfjähriger Knabe, anscheinend mit dem Lesen eine« Buche« beschäftigt. Ab und zu wandte er sein abgehärmte« Besicht, au« dem der Mangel und die Entbehrung mit so beredten Worten sprach, zur kranken Mutter hinüber. Gar selten schöne Züge Leigte diese« Knabenantlitz, da« von einer üppigen Fülle bellblonden Haare« umrahmt wurde, und au« dem tra P-mr dunkle, thränenfenchL Augen dcrvorleuchteteu, die zeitnrilig, wen» die Müdigkeit de» Knabe« o

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