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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 26 (1892) · p. Seite 102

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
26 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
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»Tu verstehst mich richt, Mirjam," sagt« er, »mich treibt eine heilige Pflicht." ,O! ich weih, waS Dir fehlt," rief sie, »eine Frau, eine Frau wie ich. Ich wollte Dir den Kopf schon zurechtsetzen." Kaleb lächelte traurig, nickte ihr zu und ging hinein in den Wald. Als er wieder aus dem Dickicht trat, hatte die Sonne das Gewölk du:chbr->ch«n und ergoß ihre Strahlen in breitcn leuchtenden Garben über die weißen Nebelmassen. Es war rin erhabenes, wahrhaft biblisches Schauspiel und dabei diese Stille in der Natur, diese Frier! Ko leb sprach laut zu sich selbst: »Don gen Osten strahlt die Gottheit!" und dann erhob er die Arme, und das bleiche Antlitz der Sonne zugewendet, begann er zu beten, mit ten Gedanken an Jerusalem. * Kaleb «änderte zu Fuß, mit jenem Muthe und jener Ausdauer, welche eine große Id c dem Menschen einflößt. Er folgte der Sonne, dorr wo sie za Mittag stand, war das Meer und jenseits des Meeres Jerusalem. Er durchzog Galizien, die Bukowina und betrat die Moldau. Die heißen Strahlen der Sonne versengten sei.ien Scheitel, der Reben, der Hagel pritschte seinen Nacken, Blitze zuckten um ihn. Spott und Hohn schlug an sein Ohr. aber nichts konnte ihn aufhalten. Er wonderte unermüdlich Wenn die Nacht anbrach, bettelte er um Nachtquartier, um etwas Nahrung, dort, wo er an der Pforte die kleine Rolle mit dem Bibelspruch erblickte, und überall fand der arme jüdische Pilger offene Thürer und offene Herzen. Nickt selten übernachtete er auch in einem Busche oder in dem Verstecke, das ihm die Garlien auf dem Felde boten. In einem kleinen Karpathenthal fiel er aber in die Hände j von Räubern Er dachte nicht daran, sich zu vertheidigen. Alk er sich von den wilden Gesellt n umringt sah, sprach er ruhig: »Ich bin ein Pilger, der »ach Jerusalem wandert." Was war es in diesem bleichen Antlitz, was die Mordgtsellen bewegte? »Nach Jerusalem?" wiederholte ihr Hauptmann. Alle betrachteten chn mit einer Neugierde, in die eine Art Ehrfurcht gemischt war. Dann winkte chm der Haupttnann, ihnen zu folgen. In einer Felsenhöhle, vor der ein großes Feuer loderte, boten ihm diese Auegeswßenen ein Lager und luden ihn ein, mit ihnen zu essen. Als er am Morgen weiterzog. sagte der Hauptmann zu ihm: »Bete auch für uns. wenn Du dort bist, es giebt doch nur einen Gott über uns Allen." Endlich erreichte er die Donau, das Meer. Da lag die fruchte Wiese vor ihm. mit ihrem Stlberschein. ihren rvandernden Segeln, ihren Küsten, die sich in der Ferne verloren. Ein türkischer Kapitain nahir ihn in sein Schiff. Da er nicht bezahlen konnte, sollte er ihm als Mattose dienen. Doch schon in der zweiten Nacht kam ein Sturm. Das Schiff verlor seine Masten, und das Wrack wurde von einem Korsaren aus Tripolis gekapert. Kaleb wurde von den Pirattn als gute Prise bettachtet und in einer kleinen Stadt an der Küste von Kleinasien auf den Sklavenmarkt gebracht. Hier kaufte ihn rin reicher Muselmann, der chn zum Gättner machte, ihn, der niemals eine andere Blume beachtet, als jene, die aus den Berftn der Bibel emporblühev oder zwischen den Legenden deS Talmud. Der Garten war eine kleine Wildniß von Eypreffen und Blumen, mit Duft erfüllt und von den blauen Meereswogen bespült. JedeSmal, wenn Kaleb durch die Orangen- und Citronenbäume den leuchtenden Spiegel erblickte, auf dem irgend ein Segel schwamm, seufzte er auf: »Nimmer vergeß' ich Dein, Jerusalem k" — und heiße Thränen Lbersttvmten seine eingesunkenen Wangen, wenn die holde Lewana, wenn der Mond an dem blauen Himmel heraufzog und silberne Brücken baute über das Meer hinüber. Mehr als einmal war Kaleb nach Sonnenuntergang lner Frau begegnet, dir ganz in einen weißen Burnus und einen weißen Schleier gehüllt, eine» Geist« gleich durch die Laubgänge schritt. Jedesmal blieben ihre dunklen Augen auf dem Sklaven ruhen, der sich v»r ihr niederwgrf und oas Haupt zur Erde neigte. Ja einer mondhellen Nacht, als er an dem Ufer des Meeres saß und briete, legte die Türkin ihm plötzlich die kleine weiße Hand aus die Schulter. .Still?" murmelte sie. »antworte rasch auf meine Fragen. Du bist unglücklich. Hast Du ein Weib, eineBraut in Deinem Lande, die Du liebst?" Kaleb schüttelte den Kopf verneigend. »Weshalb weinst Du also?" „Ich war auf der Pilgerfahrt nach Jerusalem," gab er zur Antwort, »als mich d,e Räuber gefangen nahmen. Ich fühle, daß mir der Todesengel nahe ist, und ich kann nicht sterben, ehe ich nicht die heilige Erde geküßt habe» ehe ich nicht Gott angeruftn habe, dort, im Lande der Verheißung." Die Türkin sah ihn staunend an. dann schlug sie langsam den Schleier zurück und den goldgestickten Burnus auseinander. »Bin ich nicht schön?" fragte sie. .Ja, Du bist schön,' erwiederte Kaleb. »Dann schenke mir Dein Herz, denn ich liebe Dich." Sie schlang die mit goldenen Reifen bedeckten Arme um ihn und küßte ihn. Koleö schaucrte zusammen. »Verlange mein Leben," murmelte er, »aber nicht mein Herz. Es ist dort, no di« Mauer des Tempels gen Himmel ragt und dir Gläubige« an Jehovah mahnt. Dort weilt meine Geliebte!" Die Türkin neigte traurig den Kops, dann richtete sie sich plötzlich auf, verhüllte ihr Antlitz und gab Kaleb ein Zeichen, ihr zu folgen Im Dickicht zeigte sie ihm eine« Kahn, in dem ein Ruder lag. »Wenn Du mulhig bist," sprach sie, »fliehe, rette Dich." Kaleb kniete vor ihr nieder, preßte die Lippen aus ihren kleinen Fuß. sprang in den Kahn und stieß ab. Noch lange sah er die Türkin am Ufer stthen und mit dem Schleier winken, dann verschwamm Alles in der silbernen Dämmerung des Mondes, da« schöne Weib, die Bäume, das Landhaus und ringsum war nichts als das Meer und der leuchtende Himmel. » » Sin englisches Schiff hatte den Pilger ausgenommen und in Jaffa an da« Änd gesetzt. Bon Neuem begann die Wanderung aus steinigen Wege», aus denen die Sonne brüttte, durch KaktnSgestrüpp, durch öde, kahle, ttaurige Felsen, nur selten zeigte sich einc Ortschaft. ron Zeit zu Zeit eine Eisterne, aus dem der Wanderer seinen Durst löschen konntt. .Dc« Fieber brannte in seinen Adern, die Kräfte ließe« nadj/atKt er ging trotzdem vorwärt». Er hatte nicht de« Muth, lange zu rasten, er fürchtete einzuschlasen und nicht mehr zu erwachen, aber er hatte den Much, der Sonneugluth Trotz zu bieten, dem Hunger, dem Durst, der Erschöpfung. Ncichts hörtt er Stimmen, die chm Trost zusprachen, und eine weiße Gestalt schien vor ihm zu schweben und ihm o«n W«g zu weisen, ein Engel des Himmel«. Und eudlich! am Morgen, die Mauern der heiligen Stadt k Jerusalem! Kaleb warf sich aus sein Anüitz nieder und küßte die geweiht: Erde, dann erhob er sich und schritt «iltg vonoärts. Er fühlte keine Mattigkeit mehr, keinen Hunaer, keine« Durst. ' Goldene Kuppeln glänzten im Morgenlicht. Auf seinem Wege waren jetzt Oeloäume, ein Wald von Kakteen, rothc flammende Älüthen und ei« frische« Grün, hier eine Mar von Anemonen, Skabiosen, Schwertlilien, dort ein Hain von großen farbigen Disteln, lieber chm leuchtett der reine Himmel, und um chn war diese balsamische Luft, der Dust ter Rrsen und Trauben von Kanaan. Jkrnsalem!

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