Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 26 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Irdisch«» 1892. & Jn )hd(tMltn| n) Kcktna, ffr )ir isr-elllis-e jmilit. * 3nt)(llt * 5** H!,E»U«br-m. — §*•****, fff««* Srndschnlben «n Mt Redaktion btt .JbraeNtilcheu Avcheuschrlft". — Sine Disputation. U. Bon «. «andl. — Prrt»«Lqsel. — RLthsel.Lösung. lUnbefngtrr »UM« ix düse» Blatte tft „tnsagt.) )n nächster Nummer beginnen wir mtt dem Abdruck der Erzählung: „Pie Schutd der Witter." Bon I. Herzberg. Pie Aimmekröraut. »Jen«, di« der Rabbi liebte Aar ein traurig arme» Liedchen, Der Zerstörung Jammerbttdnlh, ' Und sie hieb: Jerusalem!' (Heine) Zweierlei Licht kämpfte in der Keinen Dachkammer gegen einander, da- Licht der Unschlittkerze, die zum Stümpfchen . herabgebrannt war, und da» Licht de» Morgen«, da« durch den grünen Borhang hereindrang. Es war hier wie da« letzte Aufflackrro eine« Sterbenden und dort wie der frische .Athem eine« Neugeborenen. Eine scheidende Seele und «ine zweite, welche erwachte. Da« fable, unruhige Licht der Herze spielte auf den vergilbten Blättern de« groben Buche«, da« auf dem Tische ausgeschlagen war, während der lälhliche Schimmer de« jungen Tage« die bleiche Wange de« jungen Manne« kühlte, der in seinem armseligen Lehnstuhl lag, in tiefe« Sinnen versunken. Sein.* schlanke Gestalt war in einen fadenscheinigen Kaftan eingewickelt, unter dein kleinen Sammtkäppchen quoll schwarze« Haar in wirren Locken hervor und siel schwermüchig in ein Gesicht, auf d«m der Frühling der Jugend niemal« aufgebläht war, ein Gesicht, ,n da« Leiden, Entsagung «ad Studium ihre scharfen Linien gezeichnet hatten, m dem nur die großen Augen leuchteten, dunkle Augen, die den Himmel suchttn, die sich vom Leben abgewendet hatten, in eine andere Welt, in jene Oed«, in welcher jede Farbe erlischt, jeder Ton erstickt, in welcher die Hand m da« Leere tastet und nur der Gedanke herrscht, erhaben, einsam, unbeschränkt. Er war arm und krank, dieser bleich« Kaleb, welcher die Nacht vor seinen Büchern durchwacht hatte, und doch war er glücklich. Et hatte keine Mutter und seine Lippen hatte» noch niemals den rothen Mund eine« Weibe« berührt, aber er hatte eine Geliebte gefunden, jchbner al« alle Frauen der Erde, und reicher geschmückt al« alle Sultaninnen. Nichts war sein eigen, nicht einmal der Talmud, da« heilige Buch, die einzige Quelle seiner Freuden, aber wenn er sich in die vergilbten Blätter desselben versenkt«, da war e« al« ob ihm Fittich« wüchsen, die chn emportrugen, hoch, immer Häher, bis er endlich in einem M««r von Licht schwamm, ttef unter sich den Qualm und dal Gewimmel der Städte, die engen dunklen Thäler, die weiten Flächen, die der Pfiug durchzieht, die feuchte Wiese des Djean* mit ihren segelnden Schmen. , Da vergab er Alle«, seine Armuth, seine Einsamkeit, diese brennende Sehnsucht nach Liebe in seinem Herzen, diese Traumgrstaltrn der Freude, die in stillen Nächten um ihn webten, er oergaß die Schmerzen, das schleichend« Fieber, da« ihn quälte, nur eine« vergaß er nicht. Wenn die Sonne durch den grünen Vorhang drang und die elende Wand vergoldete, da war eS als schriebe eine unsichtbare Hand mit flammenden Lettern an diese Wand die Worte dr» Psalmistrn, die der grüßt« jüdische Port, den einst Spanien gebar, Jehuda Halevh, zum Motto seines Leben« erkor, die Worte: „Nie vergrß' ich Dein, Jerusalem!" Und wenn der Mond die kleine Stube mit seinem Lichte erfüllte, d> schien «in silberner Finger dieselben Worte auf den rauchigen Balken hinzuzaubern, und wenn er in der Dämmerung de« Abend« auf dem Friedhof saß und träumte, da flüsterten Geisterstimmen in den Wipfeln der Cypressen: „Nie vergrß' ich Dein, Jerusalem!" Ein brennende« verzehrende« Heimweh hatte sich seiner bemächtigt, ein Heimweh nach dem Lande seiner Bättr. darr niemals gese^n, da« er nur au« den Schilderungen der heiligen Schrift kannte. Diese« Heimweh war endlich mächtiger als er, als sein Baterland, al« seine Familie, und e« bqwang sogar seine Schwäche nnd feint Armuth. Er lebte von der Liebe seiner Schwester, die ihm ein Keines Stübchen und Nahrung gegeben hatte, er hatte Niemand, der chm die Mittel zu dieser großen Reise gegeben hätte, aber er halte sich dennoch in dieser Nacht entschlossen» aufzubrechen, nnd als der junge Tag die weite Fläche mit seinem goldenen Lichtt bbergoß, setzte Kaleb den Hut auf ergriff seinen Stock und ging ohne Abschied fott, hinau« in die Fremde, in die weite, feindlich« Welt, nach dem gelobten Land«, nach Jerusalem. Ikaleb schlich durch den Gatten, trat durch das kleine Pförtchen hinaus in vaü Freie nnd setzte dann seinen Weg zwischen den schwankenden Aehren aus dem schmalen Fußpfad fort. Am Rande des Wolde« stand eine kleine Hütte, in der Juden wohnten. Die Männer bestellttn daS Feld» und Mirjam, dir Tochler de« Schalmon, dem das Bauerngut gehütte» weidete die Kühe in den Büschen. Als sie Kaleb erblickte, ließ sie ihre Peitsche knallen und schaute ihn mit ihren schwarzen Augen halb theilnehmend, halb schalchaft an. „Du hast recht, einmal hinauszugehen", sprach sie, „Deine Wangen sind so bleich, Du lernst zu viel, Kaleb, Du gehst zu Grunde zwischen Deinen Büchern." Kaleb schüttelte den Kops, aber er blieb stehen. Er wußte, daß da« Mädchen chm gut war, und auch in seine« Herzen regte sich etwa« für diese« hübsche, gesund« Geschüpf mit kein verständigen Blick.