Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 25 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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—-98 »Allmächtiger Gott! Wende Deinen Zoru von diesen Unglücklichen! Höre, wie sie jammern und beten!* Und Eliah wandertc weirer zwischen aue-gestorbenen Häuser« und halb, verzehrtem Mrnschenaas. Schließlich kam er an eine Kirche. Schon vor der Lingangsthür bemerkte er eine zusammen, gedrängte Schaar von ausgehungerten Leuten» di« sich auf Hand und Knie hierhcrgeschleppt hatten, um in daS Heilig, thum zu gelangen. Und drinnen war es voll bis zum Altar hin, und die Luft unter den hoben Wölbungen hallte wieder von den Anrufungen dieser Unglücklichen. Es sah auS, als seien alle verblichenen Tobten des Friedhofs aus ihren vermoderten Särgen gestiegen und nun im Gotteshaus versammelt. AuS allen Betstühlen streckten sich die welken Knochenarme zum Himmel empor und in den tiefen Augenhöhlen weinten gebrochene Augen ohne Thränen. Rur der Priester, der ans der Kanzel stand, und oer Sakristan, der in seinem geschlossenen Betstuhl schlief, strotzten vor Gesundheit. Denn zur Kirche hatten alle ihre letzte Kanne Most gebracht und Alle hatten ihre letzten Bisten Brod geopfert, um Gott milder zu stimmen und seinen Zorn abzuwenden. Und der Priester nahm eine neue Prise, schlug mit der Faust auf des Predigtpult und rief: »Denn ich sage Euch, Ihr Gottlosen! Ihr Frechen! — solange Ihr Gott dem Herrn nicht Alles gebt. Alles, bis aus Euer sündiges Fleisch, soll der ewige Fluch auf Euch ruhen.-" Aber den Propheten Eliah jammerte diese Roth und er wandte sich wieder im Gebete zu Gott und sprach: »Herr, o Herr! Erbarme Dich doch ihrer! Höre, wie sie rufen und beten! Erhöre» Gott» erhöre!* Und er setzte sich auf einen Stein am Wege und dachte nach über die Gerrchttgkeit Gottes und seine Baterliebe. »Sollte es Sünden geben» die so groß sind, daß sie zum Himmel schreien lauter als die Gebete der Menschen, daß darum die letzteren nicht erhört werden?' — murmelte er, die gedankenvolle Stirn auf seine Hand stützend, vor sich hin. Nach kurzem Ausruhen erhob Eliah sich und setzt« sein« Wanderung durchs Dorf fort. Als er durch die schmutzigen Straßen schritt, vernahm er lautes Schreien, Jammern und Klagen, es kam aus einem klrineu Gäßchen. Er bog in dasselbe ein. Er erblickt« durchs Fenster abgehärmte Gestalren in schmutzigen Kaftans mit langen Bärten» struschigen Haaren und Seitenlocken, klagend« Frauen mit weinenden Kindein an der Hand und Säuglingen an der abgezehtten Brust. Ein »Wehe, weh«!' entrang seufzend sich ihren verttockneten Lippen. »Auswandern sollen wir von hier, unser Bischen Hab' und Gut zurülvasicn!' schrieen die Männer. »Was soll aus den Kindern werden auf der beschwerlich«» Reise?' klagten die grauen. Herzzerreißend war da» Geschrei der Kinder um ein Stückchen Brod. »In drei Tagen muffen toir über die Grenze — kein Aufschub ist zu erreichen — alle» Flehen war umsonst, der Nadzelink ist unerbittlich, er hat ein Herz von Stein; nenn er uns am dritten Tage nach Sonnenuntergang noch hier findet, werden wir gefesselt bei Rächt und Nebel fortgebracht. O hartes Loos! DaS Land verlaffea zu müffrn, dessen Boden wir mit unseren Händen jahraus jahrein bearbeitet, durch besten Ertrag wir uns »oenn auch kümmerlich aber doch redlich ernährt haben. Da« Stückchen Feld, das wir ererbt von unfern Bätrrn und Großvätern — das uns lieb und theuer! Run müsteu wir'» zurücklasten, nnr können'« nicht mitnehmen, diese Barbaren nehmen uns unser Eigenthum. Gerechter Gott — wie schwer müssen nnr gesündigt habe»!' »Wen« es eine G<rechtigkeit giebt» so kann solch« Grausamkfit nicht ungestraft bleiben! Was habe» die uuschuldigen Kinder gesündigt? — JDtmnu Malkeinu! Unser ^ter^ unser König, «ui unserer Kinder und Säuglinge willen, erbarme Dich! Vereitle die Pläne unserer Feinde! Streik Deine Hand aus, daß sie einsehen, um» sie thun. Sie wollen uns zum Abfall von Dir und unserem heilige« Glauben zwingen, — Religion der Liebe nennen sie solch« Grausa». reit und fordern den Gott der Rache heraus, daß er den Himmel verschließt und kein Tropftn Regen schon seit Monaten zur Erde fällt.-Wehe, wehe über sie! — — Fluch ihnen!' »Versündige Dich nicht, Weib! Gott ist gerecht, er wei^ was er thut. Wir muffen wieder iu's Golus! Fort, fort von hier — ««r weiß, wozu es gut ist! Geh, packe die Sachen, das Rothwendigstr nur, wir müsten'S ja tragcn — vergiß nur Tolli» und Tefillin nicht, den Siddur und das. Ehummesch! Unsere heilige Thauro geht mit uns, wir wer» den sie nicht verlasten, sie ist unser Trost. Der Ewige, unser Gott ist der wahre Gott, er wird uns Elijah hannowi (den Propheten Eliah) senden, der wird unS begleiten und uns Erlösung bringen.' Eliah hatte daS ganze Gespräch mitangehvrt, ein stummes Weh lag auf seinem Antlitz, al» er aber seinen Namen nennen hörte, entquollen Thränen der Freude seinen Auge«, er hüllte sich fest in seinen Mantel und verließ schleunig den Ort. Und er begab sich auf den Gipftl einer Anhöhe vor dem Dorft, hob seine Hände auf, und siehe da! — am Horizonte stiegen große schwarze Wolken empor und die Sonne verfinsterte sich und c» strömte Regen herab. ■); i :3 Mehrere Wochen strömte Regen herab auf da« auSgetrocknete Land. Da begann es zu grünen, erst unten längs den Mooren; Bäche und Quellen schwollen an und der Wald trieb neue Knospen. Bald guckte auch das junge Gra» hert vor aus dem fetten Boden der Hügel ringsum, »velchen die L Opfer der Hungersnoth gedüngt hatten; die Lerchen kehrten wieder und Staar und Hänfling begannen zu zwitschern... Al» die Ernte kam, stand Alles in vollster Reift und beugt« sich unter einer ReichthumSfülle, derrngleichen Niemand je gesehen hatte. Um dieft Zeit kehrt« Eliah gerade in die Gegend zurück. Ueberall nxir man eifrig beschäftigt, die reichen Gaben de» Himmel» einzuheimftn, und auf allen Wegen traf der Wanderer schwankende Getreidewagen mit vollbusigen Mäherinnen und dickhäuptigen Mähern, welch« lachten und in den Halmen schäkerten. Die Knechte hoben daS Brannttveinfäßchen hoch empor und rieft«: »Eure Gesundheit, Alter! . . . Wollt Ihr eine« guten Tropftn?' Dft Mädchen aber streckten ihm die Hände entgegen und neckten ihn mit Scherzreden. Doch von keinem Munde hörte man den Namen des Herrn genannt oder seine Thaten gepriesen. Eliah ging ins Dorf hinein. Hier saßen die Weiber auf den Steinfliesen vor den hübsAn, neuaufzeführten Häusern, mit kugelrunden Säuglingen an der Brust, und ttanftn Kaffee und schwatzten und schäkerten und lachten. Mitten im Ort »var ein neues, großes WirthShau» erbaut, mit Kegelbahn und Schaukel und einem »veilen Tauzsaal, in welchem der.Wirtb schon eifrig mit den Vorbereitungen zu dem großen Erntefest beschäftigt »var, das man in den nächsten Tagen hier abhalten wollte. Eine Schaar betrunkener Männer saß in der Schänkstub« und fluchte und stritt. Doch nirgend« hörte man den Namen des Herrn genannt oder sein« Thaien gepriesen. Eliah kam auch »vieder zur Kirche, deren Erzglocken di« Gemeinde gerade zur Andacht und juin Lobgesang zusammenrieftn. Aber nur «in paar alte Weiber onb eiruge. Krüppel saßen in halbe« Schlummer in de« Gestühl, und der