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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 24 (1892) · p. Seite 94

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
24 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 94 (sequence 3)
Language
German
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, ein«?! SeZWlick auf ihren .Und ich habe so geweint" setzte der 'der Knläbleii hinzu. .Mir thut» so leid um scheinen Vater.* .Dein Vater ist bei Gott", erklärt« Berkowitz mit mild- -klingender Stimme. .Morgen früh, wird auch Berkowitz für unseren Vater -Kadrsch" beten", meinte Marie. Die beiden Knaben schaute» einander groß an. Marie bemerkte <4. . Wisset Brüderchen" sprach sie belehrend zu den Kindenl, heute noch wird Dawid wieder Jux werden. Versieht Ihr und er wird Mieder so sein wie früher." Lin Freudenschrei entrang sich den Lippen der Knäb-; lein. - Sie drängten sich an Berkowitz, küßten seine Hände ^und schrien: .Dawid ist wieder Jude, ist wieder uaser l Schwager, wird immer bei uns bleiben " Berkowitz liebkost: die Kleinen, seine lieb« Marie erleichterte ihr Herz in einem Thränenstrome, und nach einigem. ^Bedenken Mach sie: „Mein theuerer Marn. heute noch wirst ' Du die Urkunde auSftillen und deinen Rücktritt zum Juden- . chume erklären. Ich bin sonst noch nicht ganz ruhig." — ' Sie führte ihn wie ein willig. Kind an den Tisch. Flug- -brachten die Bürschlrin Papier und Feder und eine halbe ^.Stunde später flog deu Aeltere mit Mi versiegelten Briese» beladen aus die Post. ES war eine RückttittSerklärung ^Berkowitz'» an seinen Vorgesetzten und eine entsprechende Erärung an die betreffend« geistliche Behvrde.' Der jüngere k Knabe hüpfte vor Freude im Zimmer herum und ries au» '.vollem Halse: „Dawid ist unser, Dawid ist Jude!" Und David Lerkewitsch saß am Tische, nicht mehr nach- ^denkend und grübelnd, aber wie ein Mensch, der eine große Last von seiner Seel« warf. Auf seinem Gesicht« spiegelte ssich innere Ruhe und Zufriedenheit. Erst noch länger,»« Besinnen erinnerte er sich meiner. „Aber, meine Liebste", rief er fast überrascht, »ich habe ja ‘t ganz vergessen, dir zu sagen, welch theuerrn Gast ich dir m< Hau» gebracht, lirin Jugendfreund, ein Sludiengenoffr." Er stand auf und führte feine Frau in da» Zimmer, wo ich mich befand. Eine leichte Rüth« zog über ihr hübsche» verklärte» Gesicht.!Zch wurde vorgesteüt. .Sie waren »Zeuge dieser Scene", sprach sie in etwas vorwurfsvollem «Äone. .Mein Freund vieiß Alle»", warf jetzt Berkowitsch ein. , »Vor ibm brauchen wir keine Geheimnisse zu haben, und scheute erst habe ich voi: chm gebeichtet." »®» war deine letzte Beichte", lachte sie. »Nein, m«in« erste — vor einem nicht bezahlten Popen, san der u. vor einem-wahren Herzensfreunde; meine erste und -^aufrichtigste." Wir sprachen noch manche» über ihre und meine Ber- ^gangenheit, alt da» ältere Bürschchen von der Post zurück» ^"«hrte und einen versiegelten Expreß Brief brachte. »Da» ist soeben au» Petersburg angelangt", sprach er, den Brief seinem Schrxaer übergebend. ES war ein kurzes Schreiben und euchielt folgenden Bericht: „Geehrter Herr! Der Proceß ist in letzter Instanz genwnnca. Da» Rein- «apital nach Abschlag der Procebkosle» beträgt dreihundert tausend Rubel, die Sie zu jeder Zeit im kaiserlichen Depositrnamte zn Petersburg behcbcn lasse» können. Ihr ergebenster Sergey Jwanowicz, Advokat." Berkowitsch erklärte mir den Sachverhalt. Der Großvater feiner Marie starb im frühen Atter und ließ minder- "fahrige Kinder zurück, unter denen der Vater Marien» das Lltef» war. Di« Regierung, oder brffer gesagt, der Gouverneur der^Provinz eonnScirte da» Bermtgen de» Verstorbenen, -Angeblich »eil auf einem Nachlasse große Stemfxlstrasen .und eine Unsumme ve- Steuern lastrteit.' IkHätst»^ dagegen war e», daß hier Unre^e! Mäßigkeiten im Amte vorgekommm sind, die man auf di^se Weist bemänteln wollte. Daran» entwickelte sich ein scmgwirrmer Proceß, der große Summen verschlang und den endlich ver Vater Marien» selbst fallen ließ, da ein Erfolg bei dem schleppenden Gange t«r russischen Justiz fast unmöglich schien. Erst vor drei Jahren Übernahm ein hervorragender Advokat aus Petersburg die Angelegenheit auf eigene Gefahr und Rechnung, da er auf?>roven Profit rechnete. Wirklich gelang c» chm auch durch eine Verbindungen mit hohen Persönlichkeiten den Proceß i>ünstig zu beendigen, so daß nach Abschlag aller Kosten für einen ülieuteu eine ansehnliche Summe zurückblieb. Jetzt erst begriff ich die unermeßliche Freude, di« nach dem Borlestn de» in ziemlich kaltem kaufmännischem Tone gehaltenen Schreiben» in der kleinen Familie herrschte. „Siehst du", sprach der Engel in Frauengestalt zu Berkowitsch, »Goti hat un» nicht verlassen! Aber — richtig mein Lieber, kennst du dü erste Bestimmung de» Testament» meines Großvaters?" Berkowitz iiachte einen Augenblick nach, dann sprach er zögernd: .Die erste Bestimmung lautet, daß nur Nachkommen ei« Recht zur Erbschaft haben, die ihrem Glauben treu bleiben." .Ja so ist'»! rief fröhlich Marie. Mein Großvater wollte dadurch seine Nachkommen seinem Volke erhalten. Und ist da» nicht eine Fügung Gottes, daß du gerade vor einer Stunde zu deinem Volke und zu unserem Gotte zurückgekehrt bist?! Wir hätten ja sonst kein Recht an dem Erbtheil und die Regierung würde bestimmt eS nicht unterlaffen haben, diesen ftir sie günstigen Punkt hervorzuhrbcn. Nun, dem Himmel sei Dank!" .Und ich", rief der ältere Knabe, »habe Alles gemacht die Erklärung Dawid» hingelragcn und den Brief vom Advokaten zurückgc bracht l" .Auch daö ist ein Fingerzeig GotteS", flüsterte unter Thränen Maro:. — Sie blieb in Nachdenken versunken, dann erhob sie ihren rosigen Zeigefinger halb komisch ihrem Manne drohend, indem sie sagte: „Und unsere Kinder werden auch Juden sein und für chren Großvater „Kaddisch" bettn". Eine leichte Rülhe bedeckte ihr Antlitz und ein verlegener Blick verrieth mir noch ein kleine», zartes Familiengeheim- /liß Marie daihte und sprach nicht umsonst soviel von ihren Kindern, die sie selbst noch nicht kannte. E» war bereit» jene» Vorgefühl einer Wonne, daß sich nicht beschreiben, nur empfinden läßt. Berkowitsch küßte seine Frau und sprach zu mir halb scherzend, halb ernst: „In einer karzen Zeit wirst du doch wohl zu einem schönen Familienfeste zu mir kommen müssen ..." „Wer/ ich auch in Amerika wäre", antwortete ich, „ich fände mich ein." - Mari« färbte sich hochroth. — „Dein Wort darauf" sprach Berkowitsch zu mir. — Ich gab ihm meine Rechte und verspürte einen herzlichen Freundesdruck. * m » Bor zehn Tagen war ich wiederum in Warschau. Diesmal galt mein L«snch ausschließlich der Familie Beikowitsch. ES fand da» B^chneidungSsest ihres ersten Sohne» statt. „Joses" wurde er nach dem Vater Marien» benannt. „Nicht wahr, sagte sie zn mir, „mein Sohn trägt deu Namcu meines Vater» und wird einst um mich »Kadvisch sagen". Diesmal färbte sich ihr Antlitz nicht mehr roth. Nur ^wei Tränen peilten üter ihre Wangen: ihr Gesicht drückte ruuerr Ruhe au» und ein Gefühl, welche» nicht jeder zu empfinde» fähig ist. Din Engel nennen e» — Mutterliebe»

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