Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 24 (1892) · p. Seite 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
24 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 92 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6492351-8722847-5962149--1910-5375379
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

^ottaire's $*bt «nd die Lat-Bkifche OeistüchLeit. SS ist nicht ohne Interesse, angesichts de« Verhalten« der katholischen Geistlichkeit bei der Beerdigung de« Ober» i bürgermeister« Forckendeck, an di« Vorgänge zu erinner», welche bei dem Tode Voltaire'« in Pari« vor mehr al« 100 Jahren stattgcfunden haben. Voltaire hatte sich durch seine Streitschriften gegen dir römisch-katholische Kirche längst den grimmigen Hatz aller Ulttamontancn zu gezogen. Gleichwohl, hat er während seines langen Leben« aus verichirdenen Rücksichten wiederholt danach getrachtet, mit der Kirche und ihren Vertretern, wcbhe er so scharf bekämpfte, in Frieden auszukommen, da er ihre damals noch ungebrochene Macht kannte. Er theilte die von Swift ausgesprochene Meinung, daß e« noch nicht Zeit sei, die christliche Religion abzuschaffen. .Sie ist zwar ein Baum', fügte er hinzu, »der bis jetzt nur tödtlichc Früchie getragen hat, doch wollen wir nicht, daß man ihn umhaue, sondern nur, daß man ih» pfropfe Wir schlagen vor. in der Moral Jesu alles dasjenige zu erhalten, waS der allgemeinen Ber» nunst angemessen ist, der Vernunft aller große« Philosophen des Altherthums, aller Zeiten und One, der Vernunft, die das ewige Band aller Gesellschaften sein muß. BNen wir daS höchste Wesen durch Jesus an, da die Sache, einmal bei un» eingeführt ist. Die fünf Buchstaben, die seinen Namen bilden, sind ja wohl kein Verbrechen. Was liegt, daran, ob wir dem höchsten Wesen unsere Huldigungen durch Evnfucius, durch Marc Aurel, durch Jems oder einen anderen dar» bringen, wenn wir nnr rechtschaffen sind. Die Religion besteht doch sicherlich in der Tugend, und nicht in dem ungereimten Plunder der Theologie. Die Moral ist von Gott un) ist immer dieselbe; die Theologie kommt von den Menschen uud ist überall anders Und überall lächerlich. Die Anbetung eines Gortes, der bestraft und belohnt, vereinigt alle Menschen; die verruchte und verächtliche Theologie entzweit sie. Jagt die Theologen fort, und die Welt ist ruhig (wenigstens im Puntte der Religion); laffet sie zu, gebet ihnen Ansehen, und die Erd« ist überschwemmt mit B'ut. Christliche Religion, da sieh' deine Wirkungen! Du bist geboren in einem Winkel Syriens, woraus du vertrieben bist; du hast über Mccre gesetzt, um deine Berfolgungswuth bi' zu den äußersten Grenzen des Festlandes zu tragen: und dennoch schlage ich vor, dich zu erhalten, vorausgesetzt, daß man dir die Klauen stutze, womit du mein Vaterland zerfleischt, die Zähne, womit du unsere Väter zerrissen hast. Roch einmal: beten wir Gott durch Jesus an, wenn es sein muß, wenn die Unwissenheit so groß ist, daß diese« jüdische Dort noch ausgesprochen werden soll; aber eS sei nicht mehr das Losungswort zu Raub und Mord." .Wir dürfen nie vergessen," bemerkte Strauß in ftinen gehaltvollen Vorträgen, die er einem edlen freisinnigen deutschen Fürsten über Voltaire geholten hat, .daß es die Erynnen der Bartholomäusnacht, der Dragonaden und der Albigenserkrieg waren, die in Voltaire ihre Fackeln gegen da» Christenthum kehlen; und wenn er in einer ferner Homilicu den Satz ausstellt: .Wer mir sagt: denke wie ich, oder Got: wird dich strafen, der wird mir bald sagen: der wird mir bald sagen: denke wie ich, oder ich bringe dich ui’1“ — har dieicr Satz vielleicht an seiner furchtbaren . ayrhett etwas verloren, weil es hundert Jahre her ist, das Voltaire ihn niederfchricb?" AuS den miigethciltcn Auffassungen Boltaire's erklärt fi' der Haß. mit welcher die katholische Kirche den Freund d-s Philösopc>n von Sanssouci bis zu seinem Tode und darüber hinaus berhrt hat. erklärt sich aber auch das Bemühen Voltaire'», der Geistlichkeit noch auf dem Sterbebett gleichsam ein Schnippchen zu schlagen, d. h. ein kirchliche» Begräbnis für ':ch zu Erschleichen. Wir er in seinem laugen Leben bei aller K mpflust gegen die Mißbräuche der Staatsgewalt und gegen den kirchliche» FanatismuL stet« sorgfältig Äist, jedem Märthrerthu« au« dem Wege Y» aus dem Sterbebett sein Streben dahm, eine FriAwn mit der Kirche zu machen, nicht au« innei-em reli-- giösen Bedürfnis sondern weil auf andere Weifte mimentlich m dem damalige» Frankreich, ein einigermaßen anständige« Begräbniß überhaupt nicht zu et reichen war und er di«' Unduldsamkeit seiner guten Frcunde, der Pfaffen, recht genau kannte. Am k». Februar 1778 verließ Voltaire sein geliebte» Ferney, den Muscnsitz seine» GreisenalterS, um seine letzte Reift nach Paris zu machen und der Aufführung seiner Tragödie .Irene" beizuwohnen. Die Geistlichkeit natürlich; war entsetzt, daß der Antichrist, wie sie Voltaire nennte, in Paris sich niederlafsen wollte und bot Alle« auf, um ih» den Auftnthalt zu verleiden. Sie ließ eS an Hetzerei«» nicht fehlen und verlangte sogar, daß der König lLudwig XVI.) ,2 ihm den Auftnthalt in Pari« untersage. Die Aufregungen, ■ welch« der Besuch der Hauptstadt, di« Ovationen seiner g Freunde, die Hetzereien seiner Gegner und nicht am wenigstr« neue angestrengte Arbeiten zur Folge hatten, zogen nun 8s jährigen Greift Kronkheitsaufälle zu, von welchen er sich nicht mehr erholen sollte. Es wurde Zeit für ihn, . ' sein Hau« zu bestellen, wie man sagt. Die katholische Geistlichkeit war gleich nach seiner Ankunft in Paris de- ' . müht, ihn in den Sckwoß der Kirche zurückzuführen. Zu- ■■ .nächst aber hatte Voltaire alle derartigen Bersnche adge- - wiesen. Der Pfarrer, in desftn Sprengel da» von Voltaire - bewohnte Hotel lag, wurde nicht vorgelafsen, ein anderer " fanatischer Priester, de« e« gelang, zu Voltaire vorzudringen und ihn zur Beichte zwingen wollt«, wurde gewaltsam entfernt. Endlich aber gelang eS doch dem ltzjrsuiten Abbä Gaultter, bei dem kranken Philosophen Zutritt zu erhalte». Voltaire nannte ihn einen .guten Dchafskopf". Er nahm die von dem Abb» qngrbotenen geistlichen Dienste an, well er nicht wollte, daß man ftinen Leichnam auf den Schindanger werfe, wie den der armen Lecouvreur (eine der berühmteste« Schauspielerinnen ftner Zeit). Al» sich Gaultier am 2. März bei dem kranftn Greise einsand, den rm Bett beim Diktire» ein heftiges Bluibrechen befallen hatte, sagte dieser: »Sie kennen den Zweck, um dessen willen ich Sie habe rusm kaffen; wenn es Ihnen gefällig ist, machen wir da« kleine Geschäft auf der Stelle ab." Nach der Beichte stellte Voltaire ein von dem Geisllichen verlangte» schriftliche» Brkenntniß au», indem er erklärte, er wolle sterben in der heiligen christkatholischen apostolischen Kirche, in der er geboren fti> ■ '* im Vertrauen, daß dft göttliche Barmherzigkeit ihm seine J Sünden vergeben werde; und sollte er der Kirche 8tr0Ciiri& .7. gegeben haben, so bitte er Gott und sie um Berzerhuug. U Der Abbä gab ihm daraus die Resolution und nahm eine _ Rote von 600 Livre« für dft Armen de» Kirchspiel« tn-r*' Empfang. Al» ihm aber der Abb» nach der Absolutio« noch da« Abendmahl reichen wollte, da regft sich in dem Todtkranken wieder der alte Spötter uud er machte den Geist- ' liehen darauf aufmerksam, daß er noch immer Blut speie: »Da müssen wir uns doch in Acht nehme«, da» de« liebe« Gottes mit dem weinigen zu vermischen." Roch einige Tage vorher, ehe er sich in dieser Weise mit der Kirche'abfand, hatte Voltaire seinem Sekretär Wagniöre einen eigenhändig geschriebenen Zettel übergeben, der sein wirkliches Glaubeusbekenntuiß enthielt und der . noch heute in der Pariser Bibliothek aufbewahrt wird: .Ich sterbe in Anbetung Gottes, in Liebe zu meinen Frcoaden, ohne Haß gegen mein« Feinde und mit Verwünschung de» Aberglauben» 28. Februar 1778. Voltaire" — Damit stimmt vollständig dft Aeoßerung überein, die er einem Freunde gegenüber that, der ihn ftug, ob er wirklich gebeichtet habe: »Je, ouu, Sie wisst« ja, wie e» hier zu Lande zugeht; man muß ein wenig heulen mit den Wölfen, und wenn ich an der« Ufer». -3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.