Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 23 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Prüfungen nach Hause zurückkehrte, lernt« ich ein Mädchen Namen» Marie Josefowitsch kennen. Dieses Mädchen war der Inbegriff alles Schönen und Edlen, das ich je achten und lieben lernte. Wenn ich dir sie schildern sollte, so denke dir ein edle-, Wirtes Herz, einen tiefen Verstand und die Güte selbst, alle dies« Eigenschaften in der personificirten Schönheit verkörpert und du wirst «ine schwache Vorstellung von meiner theuerrn Marie haben. Wer sie sah und nicht liebte, der ist blind für alle Reize der Welt und hat kein Verständnis für da- Edle und Schöne. Ich lernte sie lieben, als ich sie kennen lernte, und von dem Augenblicke an hing mein Leben an Marie. Ihr Vater war «in rechtschaffener Mann, »er zwar in geordneten Verhältnissen lebte, aber gar kein Vermögen besaß. Seine karge Pension, die er als Privatbeamter bezog, reichte kaum für die ziemlich zahlreiche Familie aus, die ihm seine um einige Jahre früher verstorbene Gittin zurückließ. Allein so lange der gute Mann arbeiten konnte, unterhielt er seine Familie ziemlich anständig. Da sollte es nun aus einmal ander« toerden. Joses Alexandrowitsch, so hieß der Vater meiner Frau, wurde vvn einer hitzigen Krankheit ergriffen, die seine Kräfte ganz zerstörte. Er lag zu Bette, während zu Hause die grögtc Roth herrschte, da zu gleicher Zeit die Gesellschaft, bei der er angestellt war, als ausländische Juden ausgeacwiesen wurden und auch manche ihrer Beamten, obzwar urrussen, wie Josef Alexandrowitsch es war, erhielten den Auftrag, sofort Warschau zu verlassen. Nur aus Rücksicht auf seine Krankheit erlaubte ihm die Behörde bis zur Genesung an Orte zn bleiben. Um das Unglück noch voll zu machen, erkrankten zwei Kinder und wurden bald vom Tode weggerafft. Dieser Zufall verzehrte die letzten Wünsche des gramerfüllten Alten. Im Hause wuchs indessen die Roth mit jedem Tace. Dir werthvollen Hausgeräthe wurden theils verkauft, theils verpfändet, und die wenigen Groschen, die ich in einer ZeitungSredactio« verdiente, konnten nicht auSrrichen. Außerdem wollte sie Alexandrowitsch kaum annehmen, da ich damals noch in keinem verwandtschaftlichen Verhältnisse zu dem Hause stand. Der gute Alte wußte zwar um unsere gegenseitige Zuneigung und billigte sie, aber eine wie immer geartete Verbindung erklärte er nur dann für zulässig, wenn ich eine gesicherte Existenz mir schaffen werde. Ich bewarb mich um meine gegenwärtige Anstellung, aber wie es bei uns mit einer Staatsanstellung aussieht, wenn man da« Bischen Weihwaffer nicht empfangen hat, wirst du wohl wissen. Trotz aller Anstrengung konnte ich mir keinen Rath schaffen. Da wurde ich eines schönen Tag« zu dem gottseligen Alexandrowitsch gerufen. Als ich nur ins Zimmer trat, erkannte ich an seiner Leichenbläffe, daß es nicht mehr lange wftd anhalte.r können. „David", sprach er zu mir mit gebrochener Stimme, .-ährend er seine Rechte in den beiden wachsgelben Händen hielt; „David, meine Stunden sind gezählt; bald werde ich nicht mehr unter den Lebenden weilen und da will ich nicht sterben, ohne deinen Herzenswunsch erfüllt zu'haben. Ich bedauere jetzt, daß ich so hartnäckig bei meinem Entschlüsse rharrlc; da wären wir ja längst verloren, wenn nicht deine, wenn auch schwache Stütze uns aufrecht gehalten hätte. Meine Kinder!" sprach er, auf Marie wrnkend, daß sie näher treten solle. Wir traten beide ganz nahe -ans Bett; der Kranke legte unsere Hände ineinander, wir knieten nieder, küßten 'ine Rechte, die er dann erhob, auf unsere Köpft legte und mit gebrochener, aber sanfter Stimme sprach er seinen Segen über uns. — Tu kennst den hebräischen Segensspruch der Priester: Jebarecheoha, Wfjischmerecba u. s. w. Dieser einfache, erhabene Spruch durchwühltc mein Inneres vollständig und will mir seit jener Zeit nicht aus dem Sinn. Als er feinen Segen beendigte, fiel feine Rechte ohnmächtig nieder, sein Gesicht war verklärt, er sah wirklich wie ein Hohepriester aus und eine jeierllche Ruhe verherrlichte seine -len Gesichtszüge. Ich und Marie konnten uns des Weinens nicht enthalten. Der edle Mann sprach uns Trost zu. Wft schwuren an seinem Bette, die übrige Familie, meist au« jungen Kindern bestehend, zu erhalten und'zu erziehe« und so verging der Vormittag. Um 1 Uhr schloß Josef Alexandrowitsch seine Augen. Mit ihm starb einer der edelsten Menschen und der Vater «einer Marie.* Mein College hielt inne; Thränen erstickte seine Stimme. Wir waren indessen in eine sehr ruhige Gaffe angelangt; e» war Vollmond und lustige Sternleia am Himmel funkelten und liebäugelten mit einander, als wollten sie sax-n: wir Gotteskinder kennen keine Schmerzen und Tod; bei un« ist eiviges Leben. Beim Anblick dieser großen schön« GotteSnatur wurde es mir leichter um« Herz. Wie kleinlich sehen wir auS mit unserem Streben und Weben gegen diese ewig gleiche Harmonie, gegen die Regelmäßigkeit und Einheft dieser unendlichen Sphären. : Rach einigem Stillschweigen fuhr Berkowitsch weiter fort: .Bald nach dem Ableben ihres Vater» erkrankte mein«, liebe Marie sehr bedenklich; alle Hilfsmittel waren erschöpft und Geld hatte ich sehr nöthig, wenn nicht die ganze Familie sammt meinem Engel Hungers sterben sollten. Mein Gefuch wurde mittlerweile von Bureau zu Bureau geschickt und trotz glänzender Studiennachweise» trotz vorzüglicher Zeugnisse, die mir allenthalben ausgestellt wurden, konnte tch keine Anstellung erlangen. Um der Sache ein Ende zu machen, ging ich eines Tages zum Direftor der Anstalt hin an der ich jetzt als Lehrer mitwirke, um das Resultat meines' Gesuches zu erfahren. Dieser erklärte mir nunmehr unumwunden, daß zur Erreichung dieser Anstelluna ich mein« Religion.' das Judenthum unbedingt abschwören mutz. — Tagdarauf empfing ich in der Kirche, zu der du mich heute begleitet hast, die christliche Weihe mit großem Pomp«, einige Tage später erhielt ich die erste Monatspension, hundert Rudel, die ich so nöchig hatte, um Marie und die ganze Familie am Leben zu erhalten." Er hftlt einige Minute inne, dann fuhr er fort: „Jetzt weißt du Alles, denn daß ich seit jener Zeit meine innere Ruhe und Zufriedenheit verloren habe, das brauche ich dir nicht erst zu sagen. Meine Kollegen im Amte und Vorgesetzten achten und ehren mich, wie nur möglich, allein ich selbst kann niemals eine« demüthigrn Gefühles mich entschlagen. Mir scheint, in mir würbe mein ganzer Stamm, nein di« Menschheit erniedrigt, und ich selbst gab die Ursache hierzu; denn warum bereitete ich mich nicht für eine andere Lebensstellung, für einen anderen Beruf vor. warum bin ich schwach genug, um von einer russischen Regierung mit meiner ganzen Existenz abhängen zu müssen?" — Er würde wahrscheinlich noch viele Anklagen gegen sich ae» schleudert haben, wenn wir nicht oben vor seinem Wohn- Hause ' angelangt wären. Bei diesem Anblicke Hestert« sich sein Gesicht auf; ein leichte» Lächeln umspielte sogar seine Mundwinkel ilnd in verändertem Tone sprach er zu mir: „Nun, jetzt kommst du in mein Hau«. Mein liebes Herz wartet schon wahrscheinlich. Ich werde dich ihr vorstell« und du wirst einen Engel in Menschengestalt schau«. Nur darf sie von unserem Gespräche gar nicht« erfahren. Sie kränkt sich auch ohnehin bei jeder Erinnerung, besonders wenn ein Wink aus naher Zukunft.* Er verstummte. Ich hatte soviel neue Eindrücke empfangen, so viele Empfindungen regten sich in mir, daß ich mir Zwang anthun mußte, um mich zu sammeln. Allein an diesem Abende sollte ich noch Zeuge einer Scene sein, die ich mein lebtaglang nicht vergessen werde. (Forts, folgt.) Bestrafte Verschwendang. A.: „Warum hast De Dei'n Jüngelche vorhin so durch- Siu'n?" — B.: .Denk' Dir, hat er geträumt vergaugene cht, er hält' gewonnen in der Lotterie fünfhundert Mark, und als ich ibn Hab' geftagt, was er Hab' angefangen mst dem vielen .Geld, sagt er: ä' Veloziped Hab' er sich dafor gekauft — heißt e Verschwender!"