Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 23 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M«< ei« »esteukspruch »ertß ist. «MI \L W. .4/ ■■ i lr; Friedrich v. Badenstedt thcilt im ersten Kapitel der .Erinnerungen au« meinem Leben" ein Gefchichtchen aus seiner Kinderzeit mit, tu» seiner Nutzanwendung wegen e-; wohl verdiente, in theologischen und pädagogischen Zeitschriften »iedergegeben zu werden und welchem deshalb auch in diesen Blättern eine Stätte gewährt sein mag. Er schreibt: .Ich schließe die Erinnerungen aus der Heimat mit einer kleinen Geschichte, welche nur dr-halb angeführt wird, well sie für mein Leben von größter Bedeutung gewesen ist. ES hängt mit meiner Konfirmatton zusammen. Unser Religionölehrer, Pastor &, stand infolge eines langwierigen Rechtshandels auf gespanntem Fuße mit meinem Bater, welcher fürchtete, daß ich darunter zu leiden haben könnte und mir einschürste. keinen Fleiß zu schonen, um ein guteS Zeugniß zu verdienen, aber auch den Kopf nicht hängen / zu lasten, wenn ich es nicht erhielte. Die Prüfung verlief über alles Erwarten glücklich, allein ich fürchtete mich doch ■ wor dem Spruche, welchen der Pastor mir ins Gesangbuch schreiben und in der Kirche vortragen würde. Meine Furcht sollte sich in Freude verwandeln: ich erhielt den schönsten Spruch von allen, der meine Fähigkeiten in einer Weise hervorhob,' daß da- Lob zugleich ein Sporn für da« ganze Leben sein mußte. Dieser Spruch hat sich mir als ein echter "Talisman bewährt in Zeiten, wo ich gar oft daö müde Auge schloß, ohne den- Wunsch, es wieder aufzuthun. Er hat mich vor Verzweiflung bewahrt und mich aufrecht erhalten, wenn ich nahe daran war, irre an mir selbst zu werden .... * Gewiß ein schönes Zeugniß für den trefflichen Lehrer und ein schwerwiegender Fingerzeig für jeden Religionslehrer und Erzieher. Wie würde sich der würdige Mann wohl gefreut haben, wenn er diese« Bekennt«iß seinegroßen Schüler« noch gelesen hätte! E« möge dem Schreiber diese» erlaubt sein, eine eigene .Erinnerung" hieran zu reihen: Ich besuchte als Knabe fern von der Heimat als „Freischüler" eine Art Waisenschule, und habe weder bei meiner Barmizwah noch bei der Koafirmation irgend eine verwandte oder von der ersten Kindheit her befleunirete Seele bei mir gesehen, und so war mir au beiden Me:klagen de« Leben« recht einsam und traurig zu Mothe. Zur Barmizwah fand sich wenigstens ein mir »war sonsthin ganz fernstehendes. aber in demselben Hause wohnende« lSemeinde-MitgliedJ. H. zum Glückwunsch ein und scheuste mir — es war da« einzige werthvolle Geschenk de« Tages — Mach orim für alle Festtage des Jahre-, die ich »och heute mit Vorliebe benutze und niemals, ohne de« Geber« dankbar dabei zu gedenken, an den Festtagen in die Hand nehme. Die am 1. Tage de« Schowuochfeste» fallende sog. Re< liaion-weihe habe ich innerlich noch vereinsamter und freudloser verbracht. Vor dem Vorbereitung-Unterricht hatte mir schon im Bvrau« gegraut und ich hätte mich ihm gern entzogen. wenn r« nur angängig gewesen wäre. ES war mir aber von «ntscheidew)er Stelle geheißen, daran Theil zu . nehmen. Außer mir betheiligten sich noch 3J Mädchen und 4 Knaben, durchweg reicher L-utc Kinder, daran. Es kam mir jedesmal wie Spießruthenlaufen vor, wenn ich an den Bänken der fast bräutlich geputzten großen Mädchen vorbei, mich in meinem dünnen Röckchen zu den Knaben auf eine Seitenbank begeben mußte. Sie sahen alle so schmuck und selbstbewußt aus, als gehöre ihnen die ganze Welt. Und gehörte sie nicht ihnen, der flohen selbstbewußten Jugend? — Bor und nach dem Unterricht bildete die ganze, keck? ausgelassene junge Schaar gewissermaßen eine Kameradschaft, die nach Jugeudatt mit einander schenk und sich neckte: nur ich stand unbeachtet außerhalb des Kreise«, al« ob ich gar nicht da wäre und doch war mir'S, wenn ich mit meinem abgeschabten Anzug an ihnen vorbeipassiren mutzte, al« seiim Auer Augen auf mich gerichtet. L« war eine freudlose Zeit, diese Wintermonate des Konfirmation-Unterricht«. Daneben plagte mich die ganze Zeit hindurch der Gedanke, als werde demnächst bei der öffentlichen Feier selbst der mir aus dcu Lebensweg mitaegebene Bibelspruch mehr meinem Kleide und meinen — gewissermaßen öffentlich publicirten — armseligen Lebensumständen. alS den im Unterricht gezeigten Kenntnissen angepaßt sein. Und auch darin sollte ich mich nicht ganz getäuscht haben. Während Ansprache und Lebensspruch der Mitconfir» manden an die glücklichen, freudereichen und sorglosen 8m> hältnissc des Elternhauses anknüpften und durchweg sonnige, erquickliche Verhältnisse berühren konnten, sagten mir Ansprache und Spruch, daß ick fortan darauf bedacht fein müsse, durch Streben und Thun ein recht brauchbares Glied der bürgerlichen Gesellschaft zu werden, um meinen Platz in der Welt nützlich auszufüllen Gewiß ein berechtigte« Verlangen und ein gutgemeinter Wunsch meine« würdigen. mir ewig unvergeßlichen Lehrers, zweifellos war dies ja meine vornebmstc und heiligste Pflicht und Aufgabe, damals aber und noch lange bis ins volle Leben hinein, von mir mißverstanden und mich verstimmend. waS, wie ich jetzt glaube, mehr an dem etwas realistischen Wie lag, in »velchem es mir ans Herr gelegt wurde, als durch den ausgesprochenen Gedanken selbst, dessen Berechtigung ich ja nicht anzweiseln konnte. Ein Spruch aber, wie er — niuUtiti mutandis — Friedr. v. Badenstedt zu Theil geworden, der meinen Fleiß und meine bisher bewiesene Strebsamkeit mehr betont und daran Wunsch und Voraussetzung geknüpft hätte, würde mich bis inS innerste Kindesherz erquickt und noch lange auf meinem rauhen Lebenswege erwärmt haben. Darunl gilt wohl auch in dieser Hinsicht da« Mahnwort unserer Alten: 83^213 rCTIH D’ODTt .Hüter de« Geistes, seid bedächtig in Euren Auslastungen." Alam folgenden Tage die gesammte geweihtt Jugendschaar sonnig vergnügt der Verabredung gemäß sich versammelte, um dem verehrten Lehrer ihren Dank für den genossenen Unterricht darzubringen, und man nach einigem vergeblichen Warten zu mir schickte, um mich an« Mitgehe« zu erinnern, konnte ich in Wahrheit sagen lassen, ich fli unwohl und lasse mich entschuldigen. Allerlei für den Familientifch. Ar. v. Schack über die Dichtkunst der Hebräer. Es gab Völker, deren Literatur sich ganz ohne Einwirkung der Erzeugnisse anderer Nationen entwickelte, weil sie keine solche kennen lernen konnten. So die Juden ... Ebenso ganz aus sich selbst hat sich die Dichckunst der Hebräer entwickelt; sie hat eine einseitige, jedoch erstaunliche Höhe erreicht, und nach Allem, wa« seitdem hervor« gebracht worden, bl.idt doch da« Buch Hiob, sowie Manche« in den Psalmen und Büchern der Propheten wegen seiner Erhabenheit und seines Schwunges staunenswcrth. Alle« ist mächtig und groß, ein donnernder Choral, neben dem jeder Ton von Mcnschcnftimmcn verhallt. Wollte man hier sagen das beständige hochgestimmte Pathos erzeuge Monotonie und die Kcnntniß fremder Gedichte hätte den Juden, wenn solche ihnen zugängig gewesen wären, von Nutzen sein können, um ihre eigenen zu vervollkommnen, so würde das nahezu so viel heißen, als wünschte - man überhaupt aus der hebräischen Poesie dasjenige hinweg, worin ihre überwältigende Wirkung besteht. (Pandora S. ll.)