Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 22 (1892) · p. Seite 86

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
22 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/6492351-8722847-5962147--1900-5375371
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

chr, wie ein Jüngling, der seinem Liebchen da» erste ver- Traiiliche .Du" sagt; gleich daraus wurde er blaß. Ich merkte den Kampf, der in seinem Innern vorging — ein varmer Händedruck und er trat eiligen Schritt'- in die Kirche. Mir war nur da- Eine klar» das, Bertowitsch mit sich meinig sei, daß er keiner inner« Ruh«, keiner Zufriedenheit erfreute. Was wohl die Ursache sein. mochte? Mit inrr Lebensstellung konnte er. doch nicht unzufrieden sein, eine Gymnasial-Professur in Rußland bleibt für einen Juden ,ioch immer eine fast unerreichbare Ehre; in seinem Fam lien- ' coen schien er der glücklichste Mann zu sein. Mit welchem Lobe überhäufte er seine Flau, als er mir von ihr erzähltet Und doch stockte er einige Mal. al» er von seinen Privatyerhältnisscn sprach! Sollte er vielleicht viele Schulden haben? In seiner Studentenzeit war er der ruhigste Mann in der Dckt, er führtt ein sehr sparsames Leben- Den wahren Grund sollte ich erst später erfahren! -—- (fartf. folgt) Madonna Della Sedia. Berha « Skizze aus dein Aünstlrrleden von tpinSberg. (Schlug.) Giacomo, der durch seine schönen orientalischen Franen» krpfc sich schon einen gewiffcu Ruf erworben halft, malft La im Gewand einer vornehmen Dame deS alten Testa» mcufts Frau Goldfinger wohnte natürlich stets den Sitzun« .v i bei. Lieber wäre sie allerdings auf der Promenade spazieren gegangen, um die Pracht ihre- Anzügebewundern «! lasien, oder hätte ein wenig mft guftn Freundinnen geklatscht. dastundenlange Stillsitze» langweilte sie. Aber es schickte sich doch nicht, daß sie die beiden jungen Leuft allein ließ. Sah doch der junge Maler trotz der Anwesen» Sit der Mutter ihre Tochter an, alob er sie mit seinen luten verzehren wollft. Mochte er doch! Daschadete nichts. Daß er bis über die Ohren in ihre Tochter ver» li-bt war, konnte ihrer mütterlichen Eitelkeit nur schmeicheln, und wenn Perla sich zum Zeitvertreib auch ein wenig in brn hübschen Menschen verguckft, dawar auch kein Unglück, — sie war ja verlobt, und diesen Winter noch würde die Hochzeit fein! Fritz Werner, dem enachgerade langweilig wurde, daüberflüssige Anhängsel bei den Verliebten zu spielen, war abgcreist, nicht ohne den Freund vorher zu benachrichtigen, wb er ihn treffen wollte, wenn Giacomo wieder.^ur Ber» nunst gekommen sein würde." Daß dessen Neigung für die Jugendfreundin nichts weiter alein Strohfeuer fei, daran zweifelte er keinen Augenblick. Aber er wußte auch, wie erwünscht den Beiden augenblicklich sein» Entfernung war, besonders der schönen Perla, der seine spöttisch lächelnde Miene dieselbe Empfindung einzuflvßcn schien, wie dem Gretchcn »er Anblick Mephisw's: .Der Mensch, den du da bei dir hast, Ist mir in lrefsrer Seele verhaßt." Nun, dieses Hinderniß war vorläufig beseitigt. Auch von Mama Goldfinger'» Wachsamkeit war nicht viel zu iurctitcn. Sie saß wohl wie gewöhnlich in einem Lehnstuhl, tv-i, dem aus iie jede Bewegung der beiden jungen Menschen lcobachteu kovnft, das heißt, wenn sic wachte. Aber der heiße Sommcrtag hatte sie müde gemacht, sie kämpfte mit d:m Schlafe. Giacomo sah verstshlen zu ihr binüber, dam wart er Perla einen lustig blitzenden Blick zu. — auch i )rc Lippen umspielte ein leises Lächeln. Noch ein: letzte verzwciselte Anstrengung — und Mama Goldfinger lag in Morpheus Armen. Ihre leise schnarchenden Athemzüg« waren das einzige Geräusch in dem Zimmer. Jetzt ode .- nie war der rechte Augenblick! — Der Maler legte Pintel und Palette weg und flüsterte: .Wir wellen eine Pause machen, Perla!" Es war daS «nte mal, daß er sie wied-w beim Vornamen nanaft. Sie juchte ihre Verlegenheit za verbergen, indem sie das fast volleudeft Bild besah. »ES wird sehr gut. glaube ich? flüsftrft sie. .Ls ist schlecht, Perla. — aber wer vermag Deine beit wiederuiaeben? — ES müßte ein aröüerer Küust» Schönheil wiederzugeben! — E» müßte ein größerer Künstler sein alich bin, — und auch dem würde er nicht gelingen!" Sie schwieg, so war sie am schönsten. .Perla, — Du herrliche- Mädchen, ich liebe Dich!" — Giacomo-Liebster-—!"- Plötzlich fuhr Mama Goldfinger au» ihrem Schlummer empor. Es war ihr im Schlafe vorgekommen, alhätte sie ein eigenthümstche- Geräusch, da» wie ein Kuß klau-, vernommen. Aber sie mußte sich getäuscht Hab«. Denn Giacomo saß' ruhig vor seiner Staffelei. den Piustl in der. tanb, und Perla machte dagleichgültigste Gesicht von der lelt. — Es mußt« nur ein Traum gewesen sein. Frau Goldfinger ärgerte sich jetzt, datz sie so um nicht-, ihren schön« Schlaf unterbrochen hatte, — sie war noch so müde! Wenn diese langweilige Sitzung nur schon vorüber wäre! Nach fünf Minuten war die Gute wieder vo» sanftem Schlummer umsang«. .Perla — süße— Geliebte — wie darf ich rwage! um Dich zu werb«? Ich bin ein armer LünsUer — " „C Giacomo, Du mst ein Künstftr, — aber ich bi» ein ungebildetes, unwissende- Mädchen" — — „Dasoll Dir Wissen, —wabrauchst Du Bildung i" flüsftrft er. Wer so schön ist wie Du. Geliebft" — — ■: Plötzlich wand sie sich hastig auseinen Armen los und mackste sich mit den Bildermappen zu schaffen, die aus eine« Tischchen vor ihr logen. . v .Was ist Dir.-Herz?" — ".Die Mutftr", gab sie .leise zurück, „sie. hat sich bewegt —"- .Beruhige Dich — sie schläft ganz sesU" Aber sie konnte sich nicbt so rasch wieder in die vorige Situation zurückfinden. Mechanisch öffnete sie eine der Dildermappen, die dem Maler gehörten, und nahm von de« darin enthalt«« Photographien eine nach der andren in di« Hand. Plötzlich stieß sie einen leisen Ruf der Ueberraschung auS. Giacomo schaute Ihr über die Schultern Es war eine Photographie der Madonna della Sedia, die sie in der Hand hielt. .Ach, sagte er, .da theilst Du meine« Geschmach — auch ich bin immer wieder von diesem Antlitz entzückt — und ich freue mich, daß er auch Dir gefällt." .Wie? — das soll mir gefallen!" sagtest« ganz entsetzt. »Für mich gab es bijetzt kein schönere-^Gesicht al» dies, — b«or ich dich sahl" plauderte er. »Aber weißt d« Schatz, daß du dieser Madonna ein wenig ähnlich' siehst?"— „Ich — ähnlich? — der?" fuhr sie aus. .Ich bin ein jüdische- Kind ..." — .Aber Liebchen!" . . . .Und dabetest du aut — Aber ich hält' mir.'- denk« können, daß du kein Jude mehr bist ... Da» ist ja imtner da» Erste bei «ch Studirtml — Und du willst von mir haben, daß ich auch deine Heiligenbilder anbeftn soll!" — .Aber Perla,-wafällt dir ein!" sagte er ganz saffungSloS. .So höre doch!" — -- .Rein — nein, — du hast mich belog«!" gab sie erregt, aber gedämpften Tone» zurück, während sie sich hastig von ihm fortwandte. Dabei stieß sie unabsichtlich die Mappe von dem Tisch herunter, daß di« Bilder nach allen Seit« flogen. .WaS giebt eS?" rief Mama Goldfinger von dem Geräusch erweckt. '.Die Sitzung ist zu Ende," sagte Perla, sich noch verstohlen ein paar Zorne-thränen au» den schönen Augen wischmd. „Und Herr Leonhard sagt, wir brauchen nicht mehr wiederzukommen, er kann das Bild gklein fertig mgleu-" .So — daist mir sehr angenehmt" rief Fra» Gotdl finget aufrichtig, ihr waren die. Sitzung« schon recht lästig. *5 -^1 ü! * -rr ■1 fti --v 5 ■e ' >5

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.