Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 22 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Hernusgegeben von Dr. M. Aatzwrr ln Magdeburg. Jir Krttttztitms «ü Ketetzr»»- fir-ie Itiilir. * Der Jahrzeltstag. Lin Bild au» dem jüdische» Leben ln Rutziand 8»n >. Rieznajamsky. — Madonna Dell« Ledla. Attfi/iU« Skizze au» dem Sünstlerleben von Bert-a »insbera. (Gdilufe.) — Offene» Sendschreiben an Mt Redaktion der , ^JlU|UU» ^Jseaclitischen Wochenschrift' von — (llnbesngrrr oem inmiiqen «eoen in «»man», «an m. mitznaiamary. — lxaoonna xnua © von Bertha Slnsberg. (Schluß.) — Offene» Sendschreiben an Mt Redaktion Tchemaje Pr0er. — RLtbsei»Ausgaben. — Riithjel» Äsungen. «rer Nach«ruck an» diese» «tnue ist untersagt.) per Iayrzettstag. «u »11» n* de» jüdisch» Led» i» «utzian». Von A. Nieznajam-ky. 1. Die Begegnnng. Zwei Monate sind nur verflossen» seitdem ich die traute Hrimaih verließ, um da» Czarenreich und speciell Warschau auszusuchen, wohin mich verschieden« FamilienverhSltUisse riefen. Ein unheimliche- Gefühl beschlich.mich, al» wir der g alten polnischen KrönuiigSstadt näher kämen, die jetzt dem Beherrscher aller Reußen huldigt. Ich empfand da etwa» DK Bedrückende», Beängstigende», ohne einen andern Grund hie» für zu finden, als da» Bewußtsein, daß ich mich in — R Rußland befinde. Verschiedene Gräuelbilder nnd Leiden». ^' Geschichten unsere» armen Botte» zogen vor meinen Augen; 5 - wehmüthige Erinnerungen durchkreuzten mein Gehirn; alte .Bekanntschaften, noch au» meiner Studentenzeit her tauchten » auf, und unter Anderem erinnerte ich mich eine» warschauer " College ü, eine» Caudidatrn der Philosophie, Rameu» Dawid Berkowitsch, mit.dem ich auf der Hochschule zu Wien eng befreundet war. Ich sah ihn durch längere Zen nicht mehr. Nachdem wir unsere Universitätsstudien beendigt hatten, f gingen wir auöriuander, ohne, uns seit damals irgendwo 5 persönlich begegnet zu haben. In der ersten Zeit untrr- . hielten wir einen engen brieflichen Verkehr miteinander: ich erfuhr damal», daß er sich in Warschau um eine Anstellung al» Mittrlstyullehrer bewarb, daß ihm aber seine jüdische Abkunft Schwierigkeiten bereitete. In einigen Monaten "später wurde der To» seiner Bnese aufgeregt, nervü», ,{M» mich vermuthen ließ, daß etwa» Ungewöhnliches im G«. ' »üth meine» jungen Freunde» vorging. Wie ich damals durch einen ’ Bekannten Berkowitsch'S. mit dem ich zufälliger, weis« zusammentraf, erfuhr, war die Ursache dieser aufge« « regten Gemüthsstimmung keine andere, al» eine tiefe Sym- ' vachie, die Berkowitsch zu einem hübschen Bürgermädchen '-fußte und die bald darauf in brennende Liebe überging. Berkowitsch bat den Bater de» Mädchen» um die Hand seiner Tochter. Die Antwort lautete zwar nicht abschlägig, aber « wurde di« Bedingung gestellt, daß der junge Mann zuerst eine gesicherte Lebenssteüung erhalte. .Diese» nun und seine chtlosen Anstremmngen um eine Lehrerstrll« an einem rschauer Gymnasium brachten meinen Jugendfreund außer Stimmung. Seine Briefe wurden feit jener Zeit seltener und da ich ebenfalls nicht häufig erwiederte, hörte unser Briefwechsel bald rollstäudig auf. Die Schicksale meine» 'reundes blieben mir unbekannt, und erst jetzt, al» ich mich > nähert«, kam mir Berkowitsch in den Sinn und zensneigunsu Ich beschloß um ihn nachzufragen. Pfiff der Locomotive weckte mich aus «u» ich stand auf; trat an» Wagenfenster ‘ ~ - - - - rscha« , ’ schriller in äa valMhoj zu Wa Nachdem meine Papiere revidirt und unterschrieben, meine Sachen von allen Seiten beschnüffelt wurden, erhielt ich von dem diensthabenden Polizeibeamten die Erlaubnis, durch achtundvierzia Stunden in Warschau bleiben zu dürfen. Selbstverständlich lies die Sache nicht ohne einige Rubel ab, um die meine Tasche erleichtert wurde, und bald spazierte ich in die Stadt. Unterweg» begegnete ich einem langen Knaben» zuge zu je zwei gepaart, der von einigen älteren Herren angeführt wurde. Ein Borbeigehcnder erklärte mir, daß das die Schuljugend wäre, die heute, am Namenstage der Prinzessin unter Aussicht ihrer Lehrer in die Kirche gehe, um drrt ein inbrünstig Gebet für die gnädige Fürstentochter zu verrichten Ich stand einen Augenblick strlle, um die lange Reih« vorbeipassiren zu lassen. Den Schluß bildeten wieder zwei ältere Herren, die in eifrigem Gespräche sich befanden. Einer der Sprechenden blickte gerade auf, als er an mich vorbeiging. .Jakob' rief er mich beim Namen überrascht stehend bleibend und meine Rechte ergreifend. Einen Moment blieb ich verwundert stehen, eine Ennneruug durchzuckte mein Gehirn, mir wurde warm um» Herz — Berkowitsch mein Jugendfreund und College lag in meinen Armen. — Welche Gefühle uns nun beseelten, was wir gesprochen, das wird wohljeder merken, der je in die Lage kam, einen Jugendfreund, einen Schulcollegen nach Jahren unerwartrt wieder zu erblicken. Schnell flogen Frage und Antwort, krirzathmige Sätze verdrängten einander und einige Jahre , wurden in wenigen Minuten wieder durchlebt. Wir kamen i endlich auf unsere gegenwärtige Lage und Beschäftigung zu ‘ sprechen. Der lebhafte Ton meine» Freundes wurde mit einem Male gedämpft; sein Gesicht nahm eine wehmüthige Mene an und leis« antwortete er mir auf eine die»b«zügliche Frag«: .Du siehst ja meine Beschäftigung; ich begleite meine Schüler — in die Kirche' Bei dem letzten Worte, da» er erst nach kurzem Zögern sprach, wurde seine Stimme flüsternd, auf seinem Gesichte sah ich etwas wie einen Setbftvorwurf, der sich in einem stillen aber tiefen Seilfzer Luft machte. Er ließ den Kopf hängen und schien nachzudenkcn. So in Träumen versunken schritten wir langsam vorwärts bi» unweit der Kirche. Der Weg ist un» unbemerkt verlaufen und nun mußten wir fchnden. .Urtheil« nur nicht, bi» du nicht alle» gehört', fuhr er plötzlich auf, wie sich besinnend, „ich habe dir noch viele» zu sagen.' — „Ich ebenfalls' war meine Antwort, die unwillkürlich meinem Munde enischlüpfte — denn ich hatte meinen Freund nicht ganz recht verstanden. Wir waren nun hart vor der Kirche angelang». Schnell wurde eine Zusammenkunft auf Nachmittag verabredet: ich mußte versprechen, .«ine lang« Beichte anzuhören', ich sollte ihn zu Ho::se .besuchen und endlich staminels« er heran», daß feiner Frau vorftellen werde." VS dieser ganz KEchng bedeckte ei« lefthü, sein schöne»