Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 21 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
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«rchlebt. »ar jh entsetzlich, ju erschütternd — — immer »'»klarer »nrden ihre Gedanken — — immer wirrer ihre Reden in den, Zwiegespräch, da» sie mit sich selbst hielt. Immer --iser in sich hineinsprechend, begab sie sich durch dir Fensteröffnung ins Freie. Mitternacht «ar es. Tiefe, unheimliche Stille herrschte braunen. Und Nacht war cd plötzlich in ~ora geworden. Der lichte, göttlich« Funke, der den Menschen »m« wahren Menschen macht, «ar jäh erloschen. — — Was die unglückliche Irre jetzt vornahw, kam ihr nicht mehr zum Bewußtsein. Es ist in ein tiefes Äeheimniß gehüllt geblieben, das bis heute kein Sterblicher zu lüften im Stande gewesen ist.-— — —-— — Ein Schrei des Entsetzen« hallte am anderen Morgen durch die Stadt, als man Kunde davon erhielt, welch' ein iurchtbares Drama sich im Hendel'schen Hause abgespielt hatte. Frau Zipporah Hendel rang verzweifelt dir Hände, 'vergebens hatte sie im Hause nach der Braut gesucht, die sie heute mit eigenen Händen schmücken wollte. Und als sie nach dem Falschen Hause gesandt, um hier Aufklärung zu erhalten, da stellte cs sich heraus, daß auch hier dieselbe 7? och herrscht« — — Joseph hatte mau seit Stundeu ver- ..dens gesucht. In dieser rasenden Verzweiflung suchte man jeden Winkel des Hendel'schen Hauses durch. Da bemerkte ...au das osienftehendc Fenster. Man schaute hinaus; da nahm man draußen einige Blutspuren wahr und endsich entdeckte man kaum bemerkbare Fußstapftn, di« nach dem nahen ~jtt führten. — Sofort eilte man dahin und o Graus! .oas bemerkte man? Am Ufer des Gewässers saß in sich aekauert eine Frauengestalt, die ein Bündel ftst an ihre Brust drückte und unausgesetzt Worte murmelte, die dem Hörer jedoch unverständlich blieben. In der Fraueogestalt erkannte man die vermißte Sara Hendel. Aber wie sah sie aus! Wirr hing ihr rabenschwarzes Haar über die Ssirne vtob, das Festgewand war besudelt, hier und da mit Blut >fl«kL Man fragte, man forschte,-vergebens -- aj alle Fragen hatte Sara nur ein blödes Auflachen, unter welchem >t«, auf den See zeigend, nur sprach: .Dorthin ging er; kommt aber wieder. Seht, morgen ist doch meine Hochzeft und da bringe ich ihm Dalli« und Tefillin."- Niemand vermochte diese rüthsrlhaftcn Worte zu deute«. — Seiner konnte Ausschluß über den Berbleib Joieph's geben, aber auch Hrinann blieb für immer verschollen. — Des Sees Diesen geben ja einmal ihre Opfer nicht mehr heraus; »>as sie bergen, entzieht sich den Blicken des Sterblichen für alle Zeit! .Er kommt aber wieder!" — — So hatte Sara gesprochen, und so sprach sie fortan Tag für Tag. DaS Rad der Zeit war für sie zum Stillstände gelaugt, die ferne Vergangenheit blieb für sie immer nur die Gegenwart. Der schwarze Schleier, der ihren sonst so klaren und Hellen Geist tief verhüllte und in dunkle Aacht gesenkt hat«, ließ die strahlen der an ihr vorüberfliegenden Zeit nicht durchdringen und auf denselben einwirken. ■ Täglich prlgerle sie nach jener Schauxrstätte, des enteilten Teliebteu harrend. So vergingen die Jahre; rin Jahrzehnt reihte sich an das andere. Jenem See, an dessen Rande täglich Sam weilte, hat« die Menge den Namen .Fleischersee" beigrlegt. sar seltsam« Mähr« aber kündete man über die tragischen Ereignisse, die sich in seiner Nähe abgespielt.-§- , .Er kommt aber wieder!"-Bier Jahrzehn« waren so dahiugeflogen. Wieder war es Sommer geworden, rru einem schwülen Tage war es gewesen, gewitterschwanger >ar di« Luft ringsumher. Alle diejenigen, welche^die nach - ,5 Hßführende Landstriche «änderten, sahen ahftßs «ine Frauen-^W gestalt am Ufer de« Fleischersee'« sitzend. Es war noch' - ja immer dieselbe: .Die schwarze Sara!" 2 Ja, schnsüchtig schaute sie auch heute noch, die närrische- 1 Alte, i» die schaunge Tiefe des Sees hinab. „Er muß ja unederkommen!"-Gestern noch hotte Ä er es ihr gesagt. Sind es Tage. Wochen, Jahre, Jahrzehnt« ‘ H — wähftnv welcher sie feiner schon geharrt? — Sie vermochte es nicht zu ermessen. Für sie war es derftlbe Zeit-^ '-1 raum eines einzigen Tage« geblieben, aber er kam nochT £ immer nicht!- Haha! Was dir einfältigen Menschen von ihr wollten! . Sie hielten sie für närrisch! Mochten sie schwatzen, was sie « wollen. Rein, sie selbst wähnte, sie seien Thoren, daß sie sich zuraunten: er komme doch, nicht wieder, er ruh« längst ' j» hier unten in unermeßlicher Tiefe.- . Schaurig klang ihr schrille« Hohngelächter, und graue»- hast, daß selbst die Raben, ihre ständigen Gesellschafter, er-. ■ schleckt jäh aufflogen. " ... | Wie hatten sie nur so reden können, die thörichteu - i; Menschen; sie sollte den einen hingemordet und seinen Leich».'-' < natn hier in den See versenkt, und den anderen schmählich, verrathen und in den Tod getrieben haben!'?? Was konnten sie auch davon wiffen! Sie allein wußte . es, ob sie wahr redeten, wußte cS, daß er kommen werde, - und kein Hohnwort der Welt riß ihr diesen Glauben aus ■ der Brust. Länger als sonst hotte die schwarze Sara heute am Fleischers« geweilt. Der Abend war schon tief herabgesunkcu. Ein schweres Ungewitter war mit ihm herriugedrochen. Aber nicht Sturm uud Regen, nicht rollender Donner und zuckende Blitze vermochten sie zu vertreibe«. Des Donners Getöse erschien ihr als eine verständliche Sprache. In jedem Donnergrollen glaubte sie die Stimme dessen zu vernehmen, dem ihre Sehnsucht galt. n- ,O, heute wird er kommen", rief sie plötzlich, nahe an * den Uferrand tretend; welch heiße Sehnsucht mußte auch ihn °- erfaßt haben, dies fühlte sie am eigenen Hnzensscylagr. Horch! .Er kommt!" So rief es in diesem Augenblicke wieder. Beseeligende Freude zog in ihr Herz, immer weiter beugte sich ihr Oberkörper dem Gewässer zu. Sie blickte in des See's Tieft, der eben von mehreren schnell einander folgenden Blitzen grell beleucht« ward. Sie sah ein Mcnjchenantlitz — ihr eigenes Eonterfti! — .So nimm mich denn hin, Du mein Geliebter!" schrie sie plötzlich aus! Mit weit ausgestrrckte» Armen suchte sie das Bild da unten z» rrfaffen. Ein entsetzliches Donnergetvft erscholl — und mit eine« ' gellenden Jubelgeschrei sank sie in die Tieft hinab. ' Kleine Wellenkreift nur kündeten an, daß eben in der Gewässer Tiefe ein durch viel« Jahr« gequältes Fraurnherz' seinen ewigen Frieden gefunden, — dann «ar alles wftder T still wie zuvor, und glatt des See« Fläche. •i Am nächsten Morgen forschte inan vergebens nach .der schwarzen Sara". Und als man da» Ufer de« Fleischers«« avsuchte, fand man hier die bekannte Tasche, aus der aber die Tesillin und da« Tallis verschwunden waren. .Die schwarze Sara ist in den Fleischers« gegangen!" So nef man sich zu. Seitdem aber wagte es nur selten Jemand, dieftr Schauersiätte sich zu nähern, die im Laufe der Zeit schon Zeugin so unsäglich viele» Leides gewesen ist, und heute noch leben dft entsetzlichen Einzelheiten in Form von Sagen fort, denen man, «tat «eil sie schier unbegreiflich ftheinen, unter Kopfschütteln und Grauen zugleich lauscht. Den wahren Zusammenhang der traurigen Ereignisse kennen aber nur Wenige. .vtz