Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 20 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/6492351-8722847-5962145--1891-5375364- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
fic wird mir gewiß Deine Hand nickt verweigern. Morgen schon werde ich a» 'die Ausführung meines Entschlusses herantreten. Niemand soll es erfahren. Ich werde einen cntsernten Ort aussuchen, um niich würdig vorzube reiten, und als Jude kehre ich heim.' »So bald schon willst Du Dich von mir trenicn?“ begann jetzt Sara in tiestraurigcm Tone, .eben erst begann mein süßes Glück, und morgen schon soll c« ein Ende nehmen?" »Beruhige Dich!" antworlclc Werner, »bemeisterr daS Ungestüm Deines Herzens. Es must ja einmal sein, darum je srüher, desto besser. Und nun Mclicbtc will ich siheide», nicht lange wird cs n>ährcn,-tHinn komme ich nieder!" Bei diesen Worten neigte Lara dem Geliebten das .Haupt zu; dieser crsast'e rö mit seinen .Händen und drückte seine Lippen auf die der (.beliebten. Durch einen langen Muß besiegelten Beide ihren Herzensbund. Werner entjernte sich eiligst. Sara, die noch in de» Gedanken an das eben gekostete, reine Liebesglück sckwelgte, schlost da» Koster und l>egab sich zu Ruhe. Am andern Morgen hatte sich Werner, der seiner Herrin mitgethcilt. d>ist besondere Familicnverhältnisse ihn notbigte», in seine Heimath z» reisen, aus den Weg gemacht. Sara sand an einem verborgene» Orte ein Schreiten des Eleliebren vor, in welchem dieser ihr mittheiltc, nach ivelchem Orte er sich legrbrn wolle. (Schlust svlgt.) chust«v Krettag üöer Aertyotd Z»erö,«h «nd Kac-ö jtaafnut««. In feinen .Erinnerungen ans meinem Leben" schreibt Gustav Freitag: „Eines Tages, es war im Jahre l844, fFrchlag stand im 2h. Lebensjahre, und hielt sich in Breslau auf|, trat Berthvld Auerbach bei mir rin, damals in voller Jugend kraft und aus der Höhe seines literarischen Ruhms. Denn wie man auch den :k)crth von Allem, was er später geschrielen, beurthcilr» möge, die beiden ersten Bände der „Schwarzivülder Dorfgeschichten" ivarcn bei weitem dnsWirksamstr, was er geschasfen hat, für Deutschland ein literarisches Ereignist. Sie erickienen als eine Erlösung von der öden Salonliteratur, welche französische» Borbildern ungeschickt nacharbeitete, sie brachten Schilderungen aus dem deutschen Bvlkothnm zu Ehre», Charaktere »nd Sitten, die auf unserem Bode» geivachsen waren. Das wurde überall dankbar empfunden nnd der frische treuherzige (fiese U, welcher den Norddeutsche» selbst wie eine Gestalt aus seinen Dorfgeschickten entgcgentrat, ivard, wohin er kam. mit Begeisterung empfangen und als Verkünder einer neuen Gattnng von Poesie gefeiert. Es ist seht leicht, die Grenzen seiner Begabung abzumessen und in seiner Weise zu schildern die Manier zu erkennen, iver aber mit ihm jung genesen ist, wird die große und wohlthätige Einwirkung seiner Geschichte» dankbar in der Seele bewahren. Er war in jenen Jahre» leleussroh, hoffnungsvoll und nicht ganz so beisall-b-idürftig, als er wohl später wurde, ein lieber Kamerad. ^ich habe niemals einen ziveite» kenne» gelernt, der mit so k ndlichcr Hingabe sein Inneres ausschlost und seine Freunde so völlig zu Vertrauten seiner geistigen Arbeit machte, wie er; gute Einsalle und poetische Bilder, kleine charakteristische Züge, die ihm aurgegangcn waren, theilte er immer wieder mit und schliff sich durch die Mittheilung selbst die bunten Steine, ivelche er später in seine Dichtungen hineinsetzte. Niemand ging so sorglos wie er, mit einem Bekannten Arm , in Arm, und immer war er cs, der sich einhing, und der 1 Andere führte. So wurde es auch mit uns beiden. 'iLährend ' seines Aufenthaltes in Breslau ivar er in lxsonders g:hol>ener ' Stimmung. Er hatte sich dort eine Braut geworben, die seine erste Frau wurde, ein liebenswrrthes zartes Mädchen, ' das ich wohl früher bei Agnes Franz gesehen hatte. Als er mit ihr vermählt werden sollte, lud er mich ei», weil Niemand von seiner Bcrwandtschast zugegen mar, bei der Trauung al» sein Zeuge zu erscheinen. „Gut. wie habe ich mich zu verhalten?" .Komm nur zu der und der Stunde in das Gotteshaus". Ich ging, erhielt beim Eintritt von zwei Thürstehern die unwillige Ermahnung: „So setze» Sie doch auf", und ward Zeuge, wie er würdig unter dem Braut- Himmel stand und durch Geiger nach einer sehr guten Rede getraut wurde. Jck> konnte ihm mit vollem -Herze» meine Freude über ein Glück auSsprechcn, dem leider keine lange Erdendancr beschieden war. Bo» da an hat er mir durch sei» ganzes Leben eine wahrest herzlnhe Zuncigu»g lvivahri, obgleich ich ihm zuweilen wider Willen bitter weh thun musttc. Er hatte de» Roma» »Reues Lclen" versastt und forderte eine Besprechung durch mich in den „Grcnzboten". ich liest ihn ersuchen davon abznsehen, aber er brharrte darauf. Die Besprechung bereitete nickt nur ihm, auch seinem Verleger Mathy Herzeleid. Dann Ifattc er sein Trauerspiel „AndreaSHofer" geschrieben, ich hatte wieder vorher gewarnt, weil es leicht war, den Mißerfolg vorauszuscacn. Als er es doch nach Leipzig brachte, eine unförmliche Masse von kleinen Seencn, in die er sich den ganzen Tiroler Aufstand zerpflückt hatte, hielt er vier Tage lang einer Kritik Stand, die fast Nichts bestehen lassen konnte. Mit inniger Theilnahmc iah ich seinen Schmerz, ivcnn ihm eine liebe Erfindung nach der andern, die kleinen Blüthen seines milden Strauches, abgerissen wurden. Er war zuletzt bleich nnd vergrämt, aber er blieb beharrlich. Kein Anderer hatte das ausgchalten, nnd am Ende mußte er hören, Vast das llebriggcblielene dock noch nichts Rechtes sei. Auch in anderen Dingen hatten >oir nicht immer dieselbe Auffassung, aber seine Frcundcstreue ülvrstand alle Kränkungen seines Selbstgefühls. lieber Jacob Kaufmann l>cistt es in demsell-en Buche (Band IS. 223): .Julian Schmidt hatte damals sein Lehr amt in Berlin aufgegclen und war von dem Lejtrrreicker Ignaz Kuranda als Mitarbeiter für die „Grcnzboten" gewvnnen worden, ba diesen selbst der politische Umschwung in Oesterreich nach der Heimath trieb. Den dcutsckfen politische» Thcil der Wockienschrist besorgte Schmidt, die osterreickischcn Eorrespondenzcn und die Revision Jacob Kaufmann. Dieser war ein Judei.kind aus Böhme», den sei» Schicksal nach Deutschland und unter die Hcrrschtift seines Landsmanns Kuranda geführt hatte, einer d:r harmloseste» und licbenswerthesten Menschen, welche je mit dem Rorhstift schlechte Aufsätze lesbar gemacht haben. Er befaß e>» ungewühnlickes Sprachtalent, ein merkwürdig gesundes Urtheil auch in politische» Timzc», gebrauchte die Feder nicht reich lich. aber sauber, fein und mit (Heist, war dabei eine sinnige, heitere Statur mit einer Ader von sckialkhastcm Humor. Seine Bescheidenheit und Selbstlosigkeit waren so groß, daß sic fast zum Fehler wurden, er hatte die denklxrr geringsten Bedürfnisse, arbeitete und sorgte immcr für den R»(,eu Anderer, und dachte nicht an den jeine». Ratürlich wurde er überall, wo er thätig ivur, Liebling und guter Knabe, dem man aufpacktc, und dem inan auch für das Behagen seines eigenen Lebens sorgen musttc bis auf seine Eigarreu, die er, wen» man ihm freie Hand ließ, mit unleidlicher Anspruchslosigkeit rauchte. Treiundzmanzig Jahre später ivar mir beschieden, seine» Verlust zu betrauern und den Deut sch,'» von ihm zu erzählen. Als ich ihn kennen lernte, war er bereits i» guter Kameradschaft mit Julian Schmidt, lind die beiden (Kesellen saßen bei der Arbeit und Al>ends am Schenktisch >n der aufgeregten Sachfenftadl »eben einander wie ztvci kluge Käuzlein unter dem schwirrenden und schreienden Bogelvolk. Als ich einige Monate später mit Schmidt zu sammentraf, machte er mir den Vorschlag, ich möge den Eigenthumsantheil, ivelche» Knranda an dcu Gccnzboleu hatte, übernehmen. Der dies ganz zu dem stimmte, was ich in dieser Zeit für mich wünschte, so erklärte ich mich sogleich