Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 20 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 78 —!wttc ei' durch feinen ,5(01(5 und seine Umsicht die volle ZuiriedenlKit feiner Herrin sich envorden. Und ein gor schmucker Buriclie ivar er auch, dcni wohl so manch anderes Mädchenlierz eutgegeugeschlagcn. W»ir es da ein Wunder, daß unter diesen Umständen Saras Her-, erglühte und von Gefühlen ersaht ward, die ihrem iin'chuldigen. r>incn Herzen bislicr fremd waren, und dieses in Aufruhr versetzten? Tocki niemand, niemand durfte erfahren, was ne so mächtig deivegte: niemandem durste sie anvertrauen, was ne litt. ob auch unsäglich schweres ihr.Herz belastete. .Hermann 4i>erner war nicht ihres Glaubens — und diese unüberbrückbare Kluft lies-, sie nie an das Ziel ihrer bnfjcii Sehnsucht gelangen! Tiefe Ttiatfache legte ihr ein unverbrüchlickies Schweigen auf gegenüber der Welt, gegenüber der Muttei, ja, selbst dem Welicl'tett gegeniil>er. Nur im stillen Kämmerlein durste! fie im Zwiegespräch mit sich selbst ihren Gefühlen Ausdruck geben. Das (berede der Welt wurde sie vielleicht gleichgültig gelassen ltal>cn. hätte man sie auch noch so sehr verdammt, verketzert. Tie bittersten Tchmähworte und die verletzendsten Ttachelreden wurden ne ihrem vermeintlichen Liebesglücke nicht entrissen htibcu. selbst der Mutter liartes Wort, die nie ihrem Ver» langeu willfahren würde, deren Gram und Lummer ob ihres Abweges würde fie keineswegs gehindert haben, dem Zuge ilires.Herzens zu folgen. Tie würde dieserhalb ihr.Herzens» gelieimniß nicht so äugst! ch gehütet haben, sie hätte alleni Trotz geboten. -H>ittc doch ihre ganze Denkweise. seitdem sic sich ihrer vcrbvtcuen Licl« bemüht geworden war, eine viel, freiere Nicbtung angenommen, infolge dessen sic sich über so manche Tcrupel hinwegsetzte. Nimmer aber mockilc ne zu dem reden, der sie täglich, stündlich mit unwiderstch , lidKin ^ukrlnimc vielleicht unbewußt gesessellt hielt. - Ja, gerade er durfte nicht ahnen, was sie, die Tochter seiner | Herrin, dir Jüdin, für ihn, den Nichtjnden. hegte. Ein Gefühl des Zagens und des Bangens aber beschlich sie, wenn sie erwog, was »er cÄeliebtc für sie fühlen möge, ivie er ihr, so er ihre tieft Neigung zu ihr erkannt, l>egegiien würde. Würde er sie vielleicht nicht höhnen'?. Würde er sic, j das Juvenmäkchcn. nicht mitleidig, spöttisch von sich weisen?! Tie Höne schon das schneidende Hohngclächter, in daS , er ausbrechen würde, so er merkte, welches Mädchen ihm seine Liebe zugewaudt. und chon bei dem <sie danken Hiera" überlici es sie eisig kalt. — Muhte sic daher nicht schweigen; mußte fie nicht alle ihr zu Gebote stehende Kraft aufbietc», das Ungestüm ihres ivild lxwegten .Herzens zu bemeistern? Und es gelang ihr dieses auch eine Zeit laug, (Hanz verwischen aber tonnte sie die Spuren ihres schweren .Herzenskainp'es mcht; sic zeigte» sich allmälich immer erkennbarer und deutlicher in ihrem Acußeren. in allen ihren Hiintiriingeu. — Monde schon waren dahngeslossen. seit dieser.Herzenskämpf tonte, da ward dieser plötzlich »och verdoppelt. Tenn die Mutter trat mit dem Verlangen au die Tochter heran, einem jungen Manne, dem einzigen Sohne ihres Viehliefcninten, dem fie lxsonders dazu verpflichtet ivar. die .Hcind -,um Ehebunde zu reiche». Moses pjalk ivar ein wohlhabender Bichlländler und er wünschte für seinen Sohn Joseph die Hand Tara's. letzterer sollte die Leitung oes .Hendclschcn Geschäftes überuehmeii. Für dieses koninc die Ausführung eines solchen Projektes von grosici» Bortheile sein, denn Aiilt ituii ein wohllKibeudei Manu und durch neue Geld mittel würde das Geschäft wieder au> die frühere .Höhe gclwacht werden können. Tie Mutter sah der Ausführung Vieles Pro>ekies mit frohen Hvfsnungen entgegen, ward sic, dadurch dockt von so vielen schweren Totgen, die sic in letitcr Zeit infolge des Nückgangcs ihres tÄcschäftes bedrückreu, befreit, und ivinkte ihr schon eine sorgenlose Zukunst. I I Tara war der Verzweiflung nahe. Konnte sic dem s Verlangen der Mutter, die es gewiß gut mit ihr meinte, Folge geben? Nein! Tir würde Berralb üben an dem, der sich ihr vertrauensvoll nähern wollte? Tie weigerte sich, dem Wunsche der Mutter zu willfahren. Nus die Fragen derselben nach dem Grunde ih'er Weigerung hatte sie nur ein beharrliches Schweigen. Die Mutter drang daher vorläufig nicht weiter in sie, sic wollte es der Zeit überlassen, das herbeizuführen, was durch ihr eindringlichstes Zureden nicht konnte erreick,t werden. In diesen Tagen höchster Tcelengual fanden aber auch I endlich die lxnigen Fragen der unglücklichen Sara ihre Beaiitwortung. Ein milder Frühlingsabcnd war es. die Natur draußen war im Begriff, ihr neues Prunkgewand anzulegen. Auf Baum und Strauch prangten Blüthen in bunten Farben und verbreiteten einen schier berauschenden Dust. Sara fass wiederum in ihrem Kämmerlein am geöffneten Fenster, uin die süßen Düste, die aus ihrem Gärtchen hrreinströmtcn, gierig einzusaugen. Einige verspätete, buntgefiederte Tanger ließen nocli ihr Abcndlied ertönen, das ab und zu durch das unheimliche Gekrächze eines Naben unterbrochen wurde, der den nahen Tee umkreiste. Ter Helle Schein des lieblich blinkenden Mondes traf ihr Auge, das von Thränen genetzt war. In ihr.Herz vermochte aber der Jubel da draußen nicht zu dringen, und der Ijellc Mondcnschcin ihren trüben Blick nicht zu klären. Lange schon hatte sie. in sich gekehrt und weltvergessen, so dagescsien. der Vogelfang war verstummt, tiefes Schweigen herrschte uud auch der Mond war. einen letzten mitleidigen Blick ihr zuwersend. geschieden Da regte es sich plötzlich am Fenster und leise trafen die Worte Saras Ohr: „Sara, erschrick nicht! Ich bin es!" Da fuhr Sara aus ihrem Träumen empor. War es Wirklichkeit, oder trieb ihre aufgeregte Phantasie ein schnödes Gaukelspiel mit ihr?' Ihr Blick siel auf den, dessen Bild eben noch ihrem Geiste vorgeschwcbt. .Hermann!" ffüstcrten ihre bellenden Lippen und ihre Hand fuhr unwillkürlich nach der Brust, in der das .Herz mächtig pochte. .Sara, nimm es mir nicht übel, wenn ich Dich jetzt hier an diesem Orte und zu dieser Stuitde ciitssnchc. Ich kann dem Drange nieineS Herzens nicht widerstehen. Wie oft habe ich Dich hier belauscht, habe Tein träumenl-eS Auge geschaut. Doch wagte ich eS nicht, mich Tir zu nähern. Wie konnte, wie dürfte ich es auch. Durfte der Ehrist zur Jüdin von Liebe reden. Ich hätte auch heute noch geschwiegen. hätte Dir — 0 vrrgieb, wenn ich Dich, die Tochter meiner Herrin, so anrede — nicht offenlxnt, was mein Herz erfüllt, wenn nicht ein Anderer jetzt zwischen uns getreten wäre. Sara, ich liebe Dich innig und aufrichtig. Doch was kann es nützen? An das Ziel meiner Wünsche kann ich ohne Weiteres doch nicht gelangen, obwohl ich weiß, daß auch Du mich ein wenig lieb hast. Nur ein einziger Weg bleibt mir offen, auf welchem ick auf ehrbare Weife i» Deinen Besitz gelangen kann und diesen werde ich betreten." Hier hielt der Sprechende innc, der wie lieliestrunken auf die vor ihm am Fenster stehende Tara blickte, die van dem in diesem Augenblicke niedersallenden Mondsclieinc begossen, wie verklärt aus den Geliebten schaute, dessen süße Worte sic in einen Lirbcstanmel versetzte. Ihre .Hände bewegte» sich uud alsbald hatte Werner sic ergriffen und sic geküßt. .Hermann", stieß sic liebend liervor, .Du wolltest es wirklich, wolltest mich glücklich mackien?" .Ja, Geliebte, antwortete er, .ich will cs; ich will die Kluft, die zwischen uns besteht, Überdrücken, — ich will Jude werden! Dein Glaulx soll auch fortan der meinige sein. Es wird mir dieser Entschluß um so leichter, als ich von meiner srüdestcn Jugend an in südischen Häusern gelebt habe. Dann werde ich vor Deine Mutter tretet^ und