Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 20 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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m r». Aüdischee 1892. \ ® \ßlQ ff 3kt Puttthalüms m»d Krietnils l»r die isnelitisiht familir. 0 Di« jchwarze Sara. Erzählung von I. Herzberg. in Bromberg. (Formung) — (Suftav Freilag über Bciihold Auerbach und Ckttfinft' Jacob Jtaufmtnn. — Ein Famillrnwappen. — Amon RubinsteinS neu«>»«S ürmorium „MoseS". — Zeilgemähe Frage. Bon , 3.(iotneliu«. — AucheinTroft. — RSthsel-A»sgaben. —Räthsei-Lvsunge». <N»b«sNglerAichbrncke»S ttelr»Blnttrist»»tersitgt.) Pie schwarz Sara. Bo» ,v H« rzberg, Bromverg. Aachoruck oerbotcu i tFonsepung | Wo 2ara .'öcnM ivciltc, herrschte Frohsinn unk Heiter, feit; durch ihre Nähe ward jeglicher Trübsinn gebannt. Sie war ein« von jenen auserwählten Menschenkindern, an deren LebcnShimmel immersort die glänzendsten 2lerne strahlen, deren Licht auch Andern leuchtet. Aber auch theilnehmend für das bittere Leid des Nächsten war sec, und wie Balsam war dem verwundeten Herzen des Unglücklichen das tröstende Wort aus ihrem lieblichen Munde. Lara war darum auch der starke Magnet, der Alle, Alle heranzog. und so ward der Hendel'schc Fleischladrn fast nimmer leer von Kauflustrgen, die nur aus den Händen der schwarzen Sara ihren Fleischdedars entgegennchmen mochtrn. Bon früh bis spätwar sie unausgesetzt im Laden thätig, und nicht das beharrlichste Feilschen. oder gar die herabsetzendste Kritik über die Qualität der empfangenen Waare vermochte sic aus ihrer Fassung z» bringen, oder etwa ein unfreundliches Wort des Unwillens ihr zu entlocken. Ein köstliches Kleinod, einen unersätzlichcn Schatz, den ihr das Gluck hatte erwachsen lassen, besaß Frau Zipporah Hcndcl in ihrer Tochter Tara, dir ihre einzige, aber feste Stütze im Leben geworden war. Sie wußte dieses Kleinod wohl zu schätzen. Stolz schaute sic aus ihre Tochter, die sie wie ihren Augapfel hütete, und die die Sonne ihres Ledens ausmachte, i» das der vor drei Jahren erfolgte Tod ihres Mannes dunkle Schatte» gelvorfcn hatte, die durch den heiteren Sinn der lebensfrohen Sara verscheucht wurden. Wohl hatte sie damals allen Grund, doppelt tief traurig zu sein. War schon bei Lebzeiten des Mannes das Gefchöft kein jo cinlrägliches gewesen, so mußte nach dem 7.o'x d'S Leiter« des Ganzen das Einkommen noch ein ge. .grres werde», und sie hatte sich jchon ein Leben der Sorge und Entbehrung ausgemalt. Es sollte aber wider Erwarten anders kommen! Nach dem Tode des Mannes ttat die eben erst sechzehn Jahre alte Tochter Sara in das Geschäft ein, die trotz ihrer zarten Jugend in ül>crraschend kurzer Zeit dasselbe so sehr in Schwung brachte, daß es alle anderen Fleischgeschäfte in H. überflügelte. Drei Jahre schon war Sara der Mutter eine Stütze, die Seele des Geschäftes, der Liebling der Fleisch kaufenden Bewohner H.'s. Da ward es aber anders! Immer wortkarger wurde die sonst so gesprächige Sara, i mmer weniger wurden ihre freundlichen Zureden. Der Eifer erkaltete, die Behendigkeit und Lebhaftigkeit nahm zusehend» ad nnd es griff eine bei ihr nie gesehene Nachlässigkeit Platz, die ihrer ganzen äußere» Erscheinung ein ganz anderes Geprägt verlieh. Ihre Wangen hatten eine fahle Blässe an» « ’ genommen und selbst die Röthe ihrer lieblichen, krischen Rosenlippen ivar geschwunden. Kaum wagte sie cS. den sie Anredende» ins Angesicht zu schauen. Die Folge ivar. daß die Zahl der Kunden im Ab nehmen begriffen war, — der Magnet hatte bedeutend an Zugkraft eingebüßt. Der Mutter war diese seltsame Veränderung in dem Benehmen, wie in der ganzen äußeren Erscheinung der Tochter längst aasgesallen. Den eindringlichsten Fragen der immer besorgter gewordenen Mul.cr hatte Sara jedoch immer nur ein beharrlick>es Stillschweigen, und sie bemühte sich, l während des Tages der Außenwelt gegenüber ihr bisheriges I Wesen zur Schau zu kragen. Sobald aber am späten Abend der Laden geschlossen war, und die Mutter sich zur Ruhe begehn hatte dann saß i wohl Tara lange, lange noch in ihrem Kämmerlein am! Fenster, das einen Ausblick ins Freie vor dem Thorc gestattete. - Wie war sic denn gar so umgewandelt! 1 Der letzte Rest des Frohsinns, den sie eben noch zur Schau getragen, war dann plötzlich geschwnndeii, und eine Leidenschaftlichkeit trat in die Erscheinung, die ans einen tiefen Seelenschmerz schließen ließ. DaS Antlitz, aus dem sonst Helle Lebenslust strahlte, »mdüstelte sich; die Auge», die sonst glühende Strahlen entsandten, umflonen sich. Ein seltsam strenger, ja stechender Zug legte sich aus ihr Gesicht, und st irr blickte sie auf die in schauriger Stille „ud Einsamkeit dalicgende Landschaft! da draußen. 1 Und wen» der Mond schien und ihr Blick zu dem nahegelegenen Sec hinüberschweifte, in »velchem sich das 1 Nachtgestirn mehrfach wiederspiegelte, dann war es ihr ivohl, I als winkte» ferne Geister ihr zu und lockten sic an sich, und eine ungestillte, verzehrende Sehnsucht sprach aus dem um. | störten Auge, dein wohl dann eine Thränenpcrle entfiel. Verlangend streckte sie ihre schneeiveißen Alabasterarme aus, , als suche sie ein Gebild liebkosend zu umfassen, das ihrer , immer lebhafter iverdeiiden Phantasie vorschwebte und süße Liebesschauer durchzitterten ihre hochwogende Brust, die dann jäh eine flammende Rothe auf die bisher geisterhaft blasse» Wangen zauberten. Sara liebte, lieble im Geheime», aber-hoffnungslos!! — Nimmer konnte und durfte ihre heiße Sehnsucht gestillt iverden, nie der Gegenstand ihrer tiefen Neigung ihr zu eigen werden, denn eine tieft Kluft trennte sie grausam von demjenigen, der ihr ach, so nah und doch so fern, so unerreichbar war!! Nur wenige Male erst hatte sie ihn geschaut, und der! erste zündende Funke war schon zu stammender Gluth an. , gefacht. Hermann Werner, der erste Geselle im Geschäfte ihrer Mutter, war es, den sie so ganz in ihr Herz geschlossen. Nur kurze Zeit erst war er im Geschäfte thätig und schon