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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 19 (1892) · p. Seite 73

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
19 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 73 (sequence 3)
Language
German
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voll Kostbarkeiten, Sammet- und Eeidegarnltnren, im Renaissancestil, silberne Wonduhon, die jede neue Stunde mit klirrendem Spiele ankändigten. Kronleuchter, Arystallhüngelampen — wohin nur da« Ange fthnut, Pracht und Comfort. Aber noch erinnere ich muh der Zeit — ungefähr dreißig Jahr« sind dahin — daß es hier ganz ander« aussoh. Die Wände waren kahl und «neben, die Zimmerdecke bestand au« kreuz und quer gelegten Balken und die Einrichtung — ein plumper Eichentisch von roh- - gezimmerten Bänken umringt, dazu ein« kleine Oellampe, «in grünangestrichener Wäscheschranks eine buntbemalte Kiste, «nd einige Zinkgesäße, da« war Alle«. Da brach just im Jahre 1867 mitten m der -lacht ein verheerende« Feuer an« und äscherte fast alle Häuser der Stadt ein, meisten« kleine, ärmliche Lehmhütten und auch diese«, damals hier grvßte, war ein Raub der Flammen geworden. Dazumal aber begann ein neuer Seist sich zu regen. Man sprach allgemein von großen, gewaltigen Wagen, die ohne Pferde die Welt durchtrrisen, von einem elektnschrn Droht, mittelst welchem man von einer Weltecke zur anderen spricht, und siehe, bevor ein halbes Jahr um war. erhoben sich nach und nach, wie ein Phänix ans der Asche, neue Prachtbauten, die dicht und immer dichter sich an einander reihten, »nd auch hier entstand aus dem Schutte ein neuer Prachtbau mit Fopaden, Dachchürmchen und schönen, herrlichen 'Gemächern, in welche Pracht und Herrlichkeit einzog. »Was Gott thut, da« ist wohlgethan,' pflegte immer mein strenggläubiger Großvater zu sagen. „Auch dieser Brand, den Gott über dir Stadt geschickt, ist ein Segen und kein Fluch!* Das war die zweite Epoche, die ich in duser meinen Geburtsstadt mitangcsehen habe. Dreißig Jahre sind seither vorüber! Jetzt sitze ich wieder zu Gast in meinem Elternhause, umgeben von Jugendgenossen, im trauten Gespräche und in beseligender Stimmung. In allen anderen Häusern, auch in den ärmsten, herrscht wohl heute dieselbe Gemüthlichkeit, denn der liebe Frühling, das schöne Peßachfest, soll ja in zwei Tagen einziehen. All die Häuschen sind zu Ehren diese« Gastes spiegelblank aufgepntzt, aefchüuert, gesäubert und weißübertüncht. Durch alle Fenster sieht man da« sättige, sprießende Grün des jungen Lenges und wie hier, tanzt wohl überall der schäkernde Sonne-fttUhl und glitzert und hüpst und lacht, daß einem ta« a.,ne Herz wohl nnrd, als hätte ein Stück Sonne sich hinein verirrt.. . Doch horch, mitten in unsere beseeligende Stimmung tönt in diesem Augenblick vom Stadttburmr ein unheimlicher Kling-Klang hinein — was bedeutet da«? Eia« aus der Gesellschaft verläßt da« Zimmer, um nachzusehen.? »Am äußersten Ende der Stadt', rappartirtr er,! bald wieder ins Zimmer tretend, „brennt irgend wo ein Bauernschuppen, — für die weite Umgebung ist keine Gefahr vorhanden, nur ist eauf einmal sehr windig geworden!" Aber der dumpfe Klang läßt nicht nach, ja, er wird von Minute zu Minute immer lauter und unheimlicher. Länger duldete es unS nicht im Zimmer, wir drängen hinaus. In der Gasie ist es inzwischen rege geworden, der Wagplatz füllt sich immer mehr mit Menschen. Im weiten Umkreis jedoch ist keine Spur von Feuer zu sehen; aber der Aind pfeift «nd heult über btt Straßen und treibt wilde Staubwolken auf, daß sich einem ein« Blende.vor die Augen legt. Siehe, da plötzlich schießt es wir ein« Jeüermket« durch die Luft, und bevor mau es sich versiebt, steht an der Eckedes Ringplatze« ein Hain» in helllodernde» Kämmen. Di« Windsbraut bläst und . sacht u«d treihs die Mammen hin und her, daß an« berfellpM Mlli- ' «pPorflwgen, di« sich nach. verschMsW». Wch. Qualm, die Augen blendend, zum flammenden Himmel emporsteigt. Ich eile zurück dem Hause »u, da« ich erst vor einem Augenblicke verlassen, aber o weh au» den Fenstern speit ein Höllenfeuer heraus, und durch alle Ritzen und Thören ergießen sich, wie Lavaströme, wildentfrsielte Flammen. Das Geheul, das Gebrüll der verzweifelten Menge vermengt sich mit dem Gezisch und dem Gerasiel der gefräßigen Furie de« Element», die mit gieriger Zunge um sich leckt und ^»lle« verzehrt ... Seit einigen Minuten hört man kein Sturmgeläut mehr — der Stadtthurm ist von Feuer ergriffen ... Der dich« Thurm der Kirche flammt, eine wüste Fackel, zum Himmel hinauf. Durch alle Thüren und Fenster lohet es wild hervor ... Mit donnerndem Gekrach stürzt der vom Feuer durchfrefsene Stadtthurm zu Boden. Ein Holzstoß in der Nähe geräth in Flammen ... Inzwischen tanzt zerstörung-lustig das wilde Element über die Dächer der Ringhäuser und der Rebengasien bin und wächst und schwillt ein furchtbarer Riese zu den Wolken empor. „Rettung! Um de« allbarmh.rzigen Gottes willen, Rettung! Rettung" Umsonst, Ihr Unglücklichen, Euer Schreien — hier gibt es keine Löschmannschaft. Dort, gespannt an einen faulen Gaul, schleppt sich langsam die bereit» vermoderte Stadtspritze ... Endlich steht sie vor einem der brennenden Häuser, doch ehe sie einen Wassertropftn beroorbringt, erfaßt sie die Riescnflamme und im Nu ist sie selber ein verglimmender Aschenhausen ... „ErbarmenI Erbarmen, Rettung! Um des Himmel« willen, Rettung!" Sir stürzen, die Verzweifelten. jeder mit einer Kanne zum Brunnen, doch daS furchtbare Element war vorsichtiger als sie. — Es hat bereits früher daS Gehäuft eine» jeden Brunnens mit wüthender Gewalt erfaßt, auch ist von einem Wasscreimer nirgends mehr eine Spur zu sehen. „Erbarmen! Erbarmen! Rettung!' Dort stürzt ein junge» Mädchen mit einem weißen Federbett auf dem Köpft aus einem brennenden Hause. — Im Ru sieht man kein weißes Federbett mehr, sondern eine wirbelnde Flamme, die. heulend sich aus dem Boden herumwälzt und »«erglimmt. „Rettung! Um de» Himmel» willen, Rettung!" Eine Frau mit aufgelösten Haaren und fliegenden Kleidern, eine Rasende, stürzt sich heulend in das bereits brennende Hau«, ihre beiden Kinder sind dort zurückgeblieben. Die verwirrte Menge rennt durcheinander, jeder mit sfth etwas forttraaend. Manche retten unnütze Dinge, die sie in ihrem Wahn für Schätze halten. Der eine hält mit beiden Händen ein Stückchen Brett fest, ein zweiter einen zerrisieaen Pantoffel und ein dritter ein zerbrochenes Thongefäß, und rennen besessen die Straße herunter, schreiend und wehjammernd — wohin? Sie wissen es selber nicht. Die Kerkerthüren sind geöffnet — alle Strolche der Stadt gewinnen Freiheit. Es giebt Schlachthyänen — e» giebt auch Brandhyänen Dort rennt einer aus einem in Brand gerathenen Hiuse — plötzlich fährt ein wuchtiger, betäubender Schlag ihm vor die Augen, und in demselben Augenblick war Uhr und Geldbörse — sein einziges Hab und Gut — ihm aus den Taschen verschwunden. Eine Man trägt mit sich ein; Kiste mit Silber. Kaum hat sie mit derftlbeu ein Paar Schritte gethan, wirst sie eine unbekannte Hand zu Bode», und als sic sich ausrafft» war von der Kiste keine Spur mehr. „Wer war es? . . U« sie wogt und brandet es» - eine verzweifelte, dahinstürzende Menschenmenge. Der Wind rast, pfeift und heult eine wüste Musik und das ivild« Element tanzt toll über Dächer Thürme und ©tymij

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