Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 19 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 2)
- Language
- German
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heimlich leuchteten ihre stieren Augen daraus hervor, di« nieder nach rechts noch nach link« schweiften. Ihre Um« gcbung schien für sie erstorben, nicht» vermochte ihr Juteresse zu erregen Scheu wichen ihr die ihr Begegnenden au», und aus den Ruf: »Die schwarze Sara kommt!" stob jedesmcl die spielende Kinderschaar auseinander. Faßte sich aber jemand einmal ein Herz und fragte die Dahinwandelnde, was sie denn eigentlich in der alten Tasche mit sich herumtrage, dann blieb sie stehen, nahm ihren Krückstock unter den Arm, faltete ihre dürren, zitternden Hände, riß ihre Augen a»s, aus denen plötzlich eine lodernde Gluth hervorbrach und warf einen Blick zum Himmel empor. Dann aber ül-erflog jäh ihr hageres Angesicht mit seinen sonst so kalten und strengen Zügen ein blödes Lächeln, und sie kicherte mit rmiher Sttmmr: .Weißt Du denn nicht, daß morgen meine Hochzeit ist? Siehe, diese» habe ich für meinen Bräutigam gearbeitet; ich muß es ihm bringen. Er muß doch Morgen die Tefillin an legen. Auch muß er dazu einen TalliS rragen, und beten muß er doch auch!" Diese Worte sprechend entnahin sie alsbald ihrer Tasche einen länglichen viereckigen Beutel, dem pian es wohl ansah, daß schon manches Jahr dahingeflossen, seitdem ein« liebende Hand ihn aus kostbaren Stoffen mit Goldstickereien gar kunstvoll gefertigt, und über den sie wie liebkosend ihre Hand gleiten ließ. Diesem Beutel entnahm sie einen im Lause der Jahre gelb gewordenen Tallis, der an vielen Stellen deutliche Spuren der zerstörenden Arbeit der Motten zeigte, und der nur noch an zwei Ecken Reste von Schausädrn aufwies. Nachdem sie Tallis nebst Beutel wieder in ihre Tasche hatte gleiten lassen, zog sie nunmehr einen anderen, kleineren Beutel hervor, dessen äußeres ebenfalls auf ein recht respektables Alter schließen ließ, und aus dem sie ein Paar mit Schimmel bedeckte Gebetriemen und ein abgegriffenes Gebetbuch hervorzog. Nachdem sie, ununterbrochen unverständliche Worte murmelnd, all diese Gegenstände wieder in ihre große Tasche gepackt, hängt« sie dies« an ihren Arm, nahm ihren jirückstock zur Hand, hüllte sich tiefer in ihr Tuch, und sclstich. ohne nviter ein Wort zu sprechen, von dannen, dem Fleischersee zu, dem ständigen Ziele ihrer täglichen Wanderung, um hier chr Wesen zu treiben. Nicht Sonnengluth, nicht E scskälte vermochte >ie an irgend einem Tage des JahreS von hier fernzuhalten. An des See's Uferrand ließ sie sich niedcr. Stundenlang pflegte sie daselbst auszuharren, mit starren Blicken da» Antlitz den Fluchen zugewandt, als suchte sie einen verlorenen Schatz, der in der Tiefe verborgt n und unerreichbar für Menschenhände ruht. Rings um si: herrschte ein unheimliche» Schweigen. Die Natur hatte alles Leben gebannt. Tie grausige Stille wurde zuweilen nur durch den Aufschrei eines gierig nach Beute lechzenden Haben, der mit müdem Flügelschlage die dunstgeschwängerten Lüste über dem Gewässer durchkreuzte, oder durch unartikulierte Klagetöne der wie leblos dasihenden Frauengestalt urterbrochen.- Was aber war es, das die schwarze Sara mit solch unwiderstehlicher Gewalt nach dem Fleischers« zog? Eine gar grausige Mähr ist es, die uns Aufschluß über diese Frage giebt und in deren Folge auch der Fleischere diesen seinen Namen erhalten. Geheimnisvoll wurde sie e nst von einem Judenhause zum anderen getragen. Lauschen wir dieser Mähr und vernehmen wir di« Geschichte der „schwarzen Sara". Biele, viele Jahre sind dahingeschwunden seit den tragischen Ereignissen, die wir vernehmen werden und werden mir heute wohl vergebens nach einen lebenden Zeuge» derselben forschen. Nur die Erinnerung daran lebt und si« wird wohl bis in die spätesten Tage sonleben. Jenes verfallene Häuschen vor dem Thorr ist das einzige, aber stumme Zeogniß jener längst vergangener Tag;. I« ihm lebte einst Sara Hendel, da» schönste Jude« mädchen %% im weiten Umkreise. - Alle jüdischen Mütter in H. beneideten die Fleischer»- 3 wittw« Zipporah Hendel «egen ihrer unvergleichlich schöne« Tochter; Alle waren darin einig, daß es dieser, sobald sie da« heirathsfähiae Alter erreicht haben werde, wohl an Freiern nicht fehlen und sie gewiß sogar ohne Schadchen an de« .. Mann kommen werde. < Ob dies« Mütter Recht hatte»? Gewiß! Denn schön war Sara, wirklich schön, .das mußte ihr der Neid lassen. Und auch schon viel umworben if3 war sie, obwohl sie erst neunzehn Jahre alt war und der e Freier auf eine vennenswertbe Mitgift nicht zu rechnen hatte. 'Ä Rabenschwarzes Lockenhaar umwallte ihr feingeschnitte- nt» Gesicht mit seinen fast klassischen Zügen, aus dem ei« . _j Paar kohlschwarze Augen voll Feuer und Leben in die Welt VfiM* mit ktn»m Qiia» hm>i>i»tK A4«. ' '.fl hineinschanten. Aber mit keinem Zuge verriech dieses Gesicht ihre EtammeSangehürigkrit, bte sich sonst gar zu oft' ■'-a bei ihren jüdischen Mitschwesteru aus den ersten Bltck zu erkennen aiebt, namentlich wenn die Natur sie mit solcher Füll« tiefschwarzen Haares ansgestattrt hat, wie es Sara Hendel schmückte, die dieftrhalb von Jung und Alt mit Borlieb« .die schwarze Sara" genannt wurde. Zudem war ihr Körper von schlanker Gestalt und zeigte derselbe die edelsten Formen. Voll Wohlgefallens haftete daher der Blick des Beschauers auf ihrer so eigenartigen und darum so sesselnden Erscheinung, die gerade durch di« einfachen! Gewänder, deren sie sich bediente und die jeglicher prunkeni den Zier bar waren, in einem um so vortheilhaftrren Lichte j sich darstellte. (Fortsetzung folgt.) 0to|» Brand. Schilderungen von -iathan Ta»ue ly.*) Nun liegt es vor mir, ein Trümmerhaufen, mein herzlirbes Strvi, meine Geburtsftadt, mit der ich durch tausend Fäden verknüpft bin, in der ich die schönste« Jahre meiner Kindheit verlebt Hab«, wo die Gebeine aller derer ruhen, die mir so theuer waren, die Stätte, wo ich so vlel gelacht und geweint, wo ich die Eindrücke empfangen, die mich bi» zu meiner letzten Stunde begleiten werden und die wie Zauberflämmchen aus meiner verklärten Welt vor mir austauch««! Nun liegt dieses mir so theure Stryj mit seinen Thürmche«, seinen uralten Synagogen. Kirchen und-seinen niedlichen, im Schweizerstil gebauten Häuschen, die de- Sommers aus Rosenwäldchen und buschigem Laube hervorlauschen, — es liegt vor mir, eine große, rauchende Ruine. Und die Be» wlchnrr, die lieben, guten Leute, ehrlich, wacker, handelsbe» j flissen die durch ihr« redliche Arbeit Vermögen erworben, die vor erst einer Stunde von Glück geträumt, sie sind jetzt Bettler, beraubt ihrer letzten Habe, viele von ihnen beraubt chrer Frauen und Kinder, die unttr dem Schutte als verkohlte Leichen liegen. — " Es ist schrecklich zu denken, — diese ganze furchtbare Katastrophe ist das Werk einer einzigen Stunde.... Und ich mußte sie mft eigenen Augen mitanfehen, diese entsetzliche Verwüstung! ES war am Samstag. «886 April, in der ersten Nachmittagsstunde. Ich war in Stryj zu Gast, wo ich J so gern in der Erinnerung, die an jede Scholle gebannt ist» nochmals meine KindeSjahre durchlebte. Im Kreise von Berwandten und Bekannte» befand ich mich im Hanse meiner Großmutter, wo ich einst das Licht der Wett erblickte. Die Wohnung besteht aus einer Flucht weiter, herrlicher Ge» ' mächer, mit reich taprtirten Wändem .jede von einem großen,. goldumrahmten Spiegel zur Hälfte bedeckt. Alles, 8 Geschmack und Reichthupi bietet, fällt hier die Raun