Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 18 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 68 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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»Wunderbar, heute ist der Jahrestag, an wckchem'vvr achtzehn Jahren mein vermeintliches Glück begonnen!-* »Wie war sie so schön, meine Anna! Wie entzückend war ihr liebliches Engelsangesicht. Und »ie gut war sie! — — Weißt du rS, lieber Vater, was eS heißt, dem Zauber der ersten, reinen Liebe verfallen zu sein? — O nein! Du kannst eS nicht fühlen, daher auch nicht ermessen Das jugendliche Herz jubelte ans in seliger Lust und Freude!- Ja, in Anna sah ich mein Glück, mein AüeSl Du hast sie gekannt; sie war doch deS Nachbars, deS GastwirthS, jüngstes ÄÄchtcrlein. Wir waren Gespielen gewesen von früher Jugend auf, waren von jeher unzertrennlich, lebten stets mit einander und für einander. Aus der harmlosen Zuneigung deS Knaben und de« Mägdleins aber entwickelte sich die feurige Liede der reiferen Jugend, und Jüngling und Jungfrau erkannten gar bald, daß sie für einander bestimmt fürs j ganz« Leben. An unserer kindlichen Zuneigung zu einander fandest du, fand der Nachbar nichts Verfängliches. Ihr ' sähet mit Freude und innigem Vergnügen unseren Tändeleien i und unschuldigen, kindlichen Hantirungen zu und begünstigtet sie noch. Der ernsten Liebe deS Jünglings zur Jungfrau aber, stemmtet ihr euch mit aller Macht entgegen, denn eine j unüberbrückbare Kluft ließ eine Verbindung fürs Leben in euren Augen als unmöglich erscheinen. Du, der strengfromme Jude, und der Nachbar, der gläubige Christ, ihr erkanntet die Scheidewand, die uns trennte. Wohl versuchtet ihr dem llrbel zu steuern, warntet, ermahntet, belehrtet ihr uns ob unseres thvrichten Beginnens. Doch vergebens! Die heißen LiebeSgluthen hatten ganz unsere Herzen erfaßt, und keine Warnung, keine Drohung vermochte ste zu erkrlten. Rein, gerade die unausgesetzt uns bereiteten Hinderniff« fachten die immer höher auflodernden Herzensflommcn noch mehr an. Jo, der letzte Rest der Liebe zu den Eltern, zum Glauben, ward durch sie verdrängt. Wir einigten uns, zu fliehen, um im AuSlande den Bund fürs Leben zu schließen. Zuvor aber richtete ich an dich, lieber Vater, ein Schreiben, — du erinnerst dich dessen gewiß noch, — in welchem ich dich mit meinem Vorhaben bekannt machte. Ich thrilte dir mit, daß ich von meiner Anna nicht lassen könne, daß ich, da sie mein Weib werden wolle, auch ihren Glauben ännehmen werde, um so die Verbindung zu erleichtern? Mir ward es schwer, dir dies Herzeleid zu bereiten, aber die Umstände erforderten diesen Schntt von mir. Ich wußte, daß du mir diesen Schritt nimmer verzeihen würdest, daß hierdurch eine Trennung für ewig herbeigeführt werden würde, daß du mir Puchen und mich als todt beweinen würdest. Diese Ueberzeugung vermochte aber meinen Willen nicht zu brechen.- Wir flohen, eilten im Rausche, im Taumel blinder Liebe einem vermeintlichen Glücke entgegen! — Wohl werdet ihr Nachforschungen angestellt haben, doch sind dieselben jedenfalls erfolglos geblieben, da wir seit unserer Flucht nie wieder etwas von euch erfahren haben. Doch nur von kurzer Dauer war das Glück. Nach kaum einem Jahre ward mir mein Weib entrissen Jetzt aber, nachdem der Gegenstand meiner Lieb« meinen Blicken enlrückt ivar, begannen sich Gewissensbisse bemerkbar zu machen. Bittere Reue über den verhängnißvollcn Schritt, durch welchen ich mft Gott und denjenigen, die meinem Herzen am nächsten standen, zerfallen, zermarterte meine Seele. Das Schicksal begann mich zu verfolgen und nun irrte ich ruhelos einher, nirgend Rast findend. Alle Unternehmungen schlugen fehl und ich sank tiefer, immer tiefer.' - — Ein kranlpfhafter Husten unterbrach hier den mit sichtbarer Anstrengung und mit Aufgebot des letzten Restes der chm noch zu Gebote stehenden Kräfte Sprechenden. Nachdem er sich etwas erholt, fuhr er fort: »Nun begann ein Entschluß in mir sich zu beftstigen. Ich wollte sühnen, büßen. Bor Allem aber mußte ich zu dir zurück, deine Verzeihung zu erflehen. Aber der Mangel au Mitteln hinderte onch lauge Zeft au der Ausführung 7 JJ o dieses Entschlusses. Ich begann zu arbeiten und zu daMn, um mir zunächst die erforderlichen Mittel zur Rücllchr in die Heimath zu erschwingen. Lang« Jahre habe ich gearbeitet. — Ich war endlnh im HeimathSorte angelangt. — Doch ach, welche Veränderung hatten die Jahre mit sich geführt. Vergebens ftagtr ich nach den Lieben allen. Herzzerreißend waren dir Mittheil ungea über die Schicksale der Meinigen. Man erzählte mir, ohne daß man mich kannte, was sich ereignet. O, Vater, ich habe schwer gesündigt, ich, ich allein bin schuld an deinem, an all der Unsngen entsetzliche« Geschick!-Man erzählte mir, du habest dich vor Jahren auS dem Orte entfernt, ohne jemals zurückzulehren oder auch nur irgend einen Anhalt über deinen Verbleib hinterlaffen zu haben. Man hielt dich für verschollen. Nun begann ich, nach dir zu forschen. Ich durchstreifte da» Reich nach alle» Richtungen und ich durchforschteS, um irgend eine Spur von dir aufzufinden, aber vergebens! Da führte mich das Beschick heute nach dieser Stadt und ein seltsamer Zufall geleitete m ich unter gar sittsamen Umständen zu dir! — — — -»o, Vater erkenne den Fingerzeig der Vorsehung; ich sehe mein Ende nahen, laß mich nicht unversöhnt «tt dir von dannen scheiden!-Bergieb! — Ber— giebl! — Und das von schmerzlichen Gefühlen überwältigte Vater- Herz verinochte der flehenden B'tte nicht zu widerstehen. Der Vater, der stumm den Watten de» Sohnes gelauscht, durch welche die alte .Herzenswunde wieder aufgeriffen ward, verzieh dem um Vergebung Flehmden und drückte nach langer, langer Frist einen Kuß aus die Stirne desselben. — Ein sonniges Lächeln verklärte jetzt die Züge de« Sterbenden. Hatte er doch die Verzeihung dessen erlangt, den er so schwer gekränkt Nun aber wollte er auch mit seinem Gotte sich aussöhnen. Er sprach daher im Flüsterton«, kaum vernehmlich und mit abgebrochenen Wonen, den Kopf mühsam emporrichtend: »Vater, jetzt geleite mich zu meinem Gotte zurück und sage mir daS GlaubenSbekrnntniß vor". Der Vater beeilte sich, dem Verlangen deS Sohne» zu willfahren. Er hatte aber kaum das erste Wort über die Lippen gebracht, als plötzlich der Kopf ins Kiffen zurückfaak. Dana ergoß sich jäh eia dunster Blutstrom au» Mund und Nase des Daliegeaden, und unter dem herzzerreißeadeu Ausruf des VaterS: .Echod!" »Mein Sohn!!" — hauchte dieser seine Seele au». Dieser Auffchrei des Vaters war sidoch nicht ungehürt verhallt. Leise batte sich die Thüre de» Sterbezimmer» geöffnet, an welcher der Krankenwärter aufmerksam lauschend bisher gestandrn, und die durch densilben zusammenberufene« Mitglieder der »Chewra - Kaddischa" waren ungehört eingetreten. Staunen erfaßte sie alle, als sie den schmerzliche» Ausruf des nunmehr über da» Sterbelager de» Fremden hingestreckt Liegenden vernahmen. Aber sittsam, sie schickte» sich nicht an, dem Tobten den letzten Liebesdienst zu erweise». Dies hatte wohl seine Ursache» denn eben war seitens der Behörde die Anordnung getroffen worden, der Sterbnche sei nicht nach jüdischem RituS zu behandeln. Ausweislich der in den nachträglich im Krantenhause untersuchten Kleidungsstücken desselben Vorgefundenen Schriftstücke sii derselbe christlicher Konfession und führe den Namen »Johau»es Hartwig". Ihr Befremden erreicht« aber den höchste« Grad, als sie den eben gehörten Ausruf des am Todtenoette sitzenden asten ManmS vernahmen. »Onkel Feiß Sohn! Ein Meschummed!* rief der Eine. .Unerhört!" rief ei« Anderer, und scheu drängte« sie sich dem Ausgang« zu. »Leute Ihr werdet stauneu, wen» Ihr erfahr«, was ich soeben gehött", flüsterte Engelhardt, der Krankenwärter beim HinauSgehen. — E-ner jedoch fühlte «in Mitleid für de« unglücklichen Vater. Tr trat a» ch» heran, um ihn von dannen zu ftUuc». wr «faßte sei»« Arm, schüttest ihn sanft, ihm i»s vhr flüsternd: