Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 17 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 65 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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' heimgesuchten Menfchenkinde, da» sein tiefe» Leid in seinem Inner« barg und e» «immer der Mitwelt mitzutheilen vermochte. Niemand ahnte wohl, war da« Herz ta) nun zur ewigen Ruhe Einkehrrnden während langer, langer Jahre gequält hat. Denn der Außenwelt gegenüber trug Onkel Feiß eine sorglose Heiterkeit, einen ungebrochener! Frohsinn zur Schau, um dazu verhüllen, was seine Seele in ihrer Tiefe belastete. Jetzt hat auch diesegequälte .Herz Ruhe und wir. wir dürfen nun der Mitwelt erzählen, was e« seit einem Menschenaltrr fast in Aufruhr versetzt, wa« aber Jeglichem verborgen blieb. Manchem war ebereithg Oefterrn ausgefallen, daß er, wenn er ehemals zur Abendzeit an dem niedrig gelegenen Fenster der Wohnung de- Onkel Feiß vorüberschritt, diesen am Tische sitzend bemerkte, a>ie er das stirngefurchte Haupt auf die auf dem Tische ruhenden Arme stützte und mit den düster dreinschauenden Augen starr und undew«lich in's Leere blickte. Uns kann die» nitht auffällig sein. Wir wiffen e». daß daun nicht sein körperliches Auge bestimmte Gegenstände gefaßt, sondern daß sein geistige- Auge Bilder längst entschwundener Bergungen hmt an sich vorüberziehen läßt, die in ihm schwere, ernste Gedanken wachriefen. Wie glücklich war er ehedem gewesen! Wie hatte die Vorsehung ihn mit allem Begehrenswerthen reich bedacht. Ein treue«, biedere« Weib und hnzige Kinder hotte er einst sein eigen nennen dürfen. Bon seinen Mitmenschen geliebt und wohl geachtet, konnte er die reichen Früchte seiner Thätigkeit genießen. Da aber brach das Verhängnis. über chn Herrin. Was die Vorsehung ihm verliehen, entriß sie chm auch wieder; der reiche Mann war über Nacht ei» Bettler geworden. Die Früchte langjähriger Arbeit, ffc: waren in kürzester Frist dahin, verloren aus immer. Da- .Herz wollte ihm schier brechen, da» seine« Weibe« brach vollend-. Sie. die ihm in allem Jammer »nd Elend hätte Stab und Stütze sein können, ward ihm entrisien, alsie ihm den jüngsten Sohn schenkt«; »nd zwei hoffnungsvolle Knaben zuvor durch! den unerbittlichen Tod von ihrem Mutierherzen geriffen j worbe» waren Und auch dieser jüngste Sohn, das Eben»! bild feiner Mutter, da- Licht seiner Augen, auf den er alle ' seine Liebe, der« sein schmerzdurchwühltes Baterherz nur > fähig war, vereinigt hatte, sollte ihm nicht verbleiben, sollte! ihm eutrissrn werde» und sein Herz vereinsamen. Doch nicht durch den Tod. Ach, wenn e« nur dagewesen wäre! Er hätte fürder in Liebe sein gedenken können. Aber o Grau«! er war für ihn lebendig tobt, und er mußte seinen Andenken fluchen, mußte de«, der Fleisch von seinim Fleische, in deffen Adern sein eigene« Blut pulstrte, al« seinen nächsten Angehörigen verleugnen. Denn «in Abtrünniger »vor er geworden. in sündiger Liebe hatte er da« prei-gegeben, wa« er ihn al« da« höchste Gut hiernieden von fttihestrr Jugend ans hatte schätzen geleint. Dieser harte Schlag von Schicksal» Hand brach denn endlich seinen Lebeu-muth. L« war ihm nicht mehr möglich, in seinem bi-hwigen Wirkungskreise thätig zu sein, wo er täglich, stündlich an fein verlorene« LebenSglück gemahnt »onrde. Er zog in die Ljelt hinaus, um für fei» wunde« Herz einen Balsam sich zu verschaffen, der .vergessen" heißt. Auf feiner erdelosen Wanderung kam er auch nach A., wo er zu bleidrn beschloß, und wo er fast drei Ja höhnte in dem im Eingan,« unsere: Erzählung geschilderte» WirkmmSkreise thätig war. Niemand:m aber gewährte er je einen Bnblick in sem innere« Leben und Weben, sein Lebensschicksal war keinem bekannt geworden. Man starte auch nicht »ach seiner Bergangeaheit. Tr hatte sich beliebt gemacht bei allen, die in nähere Bezieht»» gen zu ihm getreten waren. Und iselcher Liebe «nd Verehrung er seitens der jüdischen Bevölkerung sich zu erfreu:« hotte, da« beweist hente dir allaemeiue herzliche Theiluahr«. die sich überall knudgiebt. Diese Theilnoüme wird noch erhöht durch die seltsamen Borgänge, Ine sich an da« fnoscheidei, de« Onkel Feiß knüpfen, und durch welche erst der Schleier gelüftet ward, der die Vergangenheit de« Dahingefchiedenen verhüllte. Hören wir, wa« sich ereignet. (Schluß folgt.! Kt» Beider-Hi der israelitische« B-l»»L»che i« Aerlin. Schon mehrere Tage vorher war die Anstalt für den allgemeinen Besuch geschloffen, um alles dasjenige darin vorzunehmen, was unsere Religion für Peßach vorfchreibt. Mit großer Freudigkeit hatten sich hierzu die Ehrrndamen mitdrrBorfttherin vereint, und als der Morgen des Erew P«Moh herangenaht war. da ivar alle« zum Empfange des schönen Festes gerüstet. Freudig schlugen die Herzen aller Betheiligten, aalt eS doch den Bedrängten und Schwerbeladenen, den Aermften der Armen zum Serder-Abeiid weit die Thürrn der Anstalt zu öffnen, sw einznladen, diese« poesievolle, schöne Fest gemeinsam zu feiern, damit sie für wenige Stunden die Bürde ihres Dasein« und das Schmerzliche ihrer Heimathlostgkeit vergeffen sollten. Es waren zunächst gegen 13ü Einladungskarten ausgraeden und als der Leiter der Anstalt hörte, daß sich im städtischen .Obdach" auch eine größere Anzahl jüdischer Familien befände, so war er dorthin geeilt, diese Unglücklichen zur Theilnahme einzuladen so daß die Zahl der Eingeladenen auf 160 Personen anaewachseo war. Der große Sp'.isesaal di Anstalt war aufs prächtigste mit Blumen ^c^iückt uno mit vielen Lichtern erhellt und bot so einen schönen, festlichen Anblick. An dem eigentlichen Seder-Tisch. welcher für die Ehrendamen der Anstalt, den Leiter derselben. welcher es übernommen hatte, den Seder selbst abzuhaltcn, dessen Gattin, sowie für sonstigeEingeladene reserviert war, reihten sich lange Tafeln durch den Saal, welche die Plätze für die Besucher boten. Für je zwei Gäste war «ine Flasche lVein, ferner waren für jeden Platz Mimo«, Ch»ro»*«i und 'Monor hinge!egt. Der Seder sollte gegen 8 Uhr beginnen. Vorhin erschienen, nachdem der Gottesdienst in der Synagoge (Heidereutergasse) beendet war. Freunde der Anstalt und labten sich an dem herrlichen Anblick der Sedertafel. Und nun strömten die Gäste herein. ES war die Einrichtung getroffen, daß die älteren Personen bevorzugte Plätze oben an erhielten. Gegen 8'/, Uhr. konnte der Bortragend« mit dem Kiddusch beamne». welches Gebet noch von einem als Gast amoesenden Rabbiner wiederholt wurde. In würdevoller Weise nach alchergrbrachter Sitte wurden die Vorschriften des Seder aosgesührt und alsdann da« schöne, reichlich«! ans mehreren Gängen bestehende Mahl verabreicht. Daß nunmehr Fröhlichkeit eintrat, ist selbstverständlich und wohl selten '.st mit so freudig bewegtem Herzen wie hier, von der ganzen Versammlung .gebenscht" worden. Ebenso wurden dw Lobgesänge und Lieder de« zweiten Theiles in gehobenster Stimmung zum Bortrag gebracht. Al» der Seder zu Enh: war, licßm trotz dringlichster Abmahnung e« sich einige tier Gäste, nicht nehmen, chrem dankbaren Gefühl Ausdruck zu geben. Mit zitternd bewegter Stimme, hob rin - älterer Mann hervor, wie schmerzlich es ihn berühre, nachdem er bis vor 2 Jahren in Wohlhabenheit gelebt, heute hier Gastfreundsüsast annehmen zu müssen, dennoch sei er herzlich dankbar dafür. Wa« hätte er einsam und allein in seiner Stube empfunden? — und Bekannte von früher aufzusuchim, hätte sein Stolz nicht zugelaffen. Ein Student au« Oesterreich sprach i« Namen der zahlreichen anwesenden Studierenven. Ec hob dl« Bedeutung der Anstalt hervor, daß nun doch kein armer Student in Berlin mehr zu darben brauche, versprach im Namen seiner Kollegen ewige Dankbarkeit diesem echt jüdischen Hause und bat um die Erlaubaiß, dem Leit« Anstalt und seiner Gattin den HerzeuSdank all« Anwesende« ausspreäsen zu dürfen. — Tief ergriffen und.beglückt ad de» Gelinge»» dieser schönen Feier, waovte sich nua.Hr. Abraham