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Jüdisches Familienblatt · 1891-01-01 · 15-16 (1891) · p. Seite 58

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
15-16 (1891)
Date
1891-01-01
Page
Seite 58 (sequence 2)
Language
German
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Weid streng hielt, hotte sehr gefühlvolle Stellen, doch »ert säfloß seine eherne Brust diese Gefühle tief im Innern. | Wie bekannt, befindet sich die Prager Josefstadt, da» ehemalige GhettoiinUeoerschwemmungsuebietr, und wurde dieser Sladttheil seit der älteste» Zeit säst alljährlich von der Moldau überschwemmt, zu mancher Zeit drohte hier die gr ößte «Kesahr. In, Winter des Jahres 17«4 nahm die Ueberschwemmung daselbst die höchste Stufe ei». Nach einem strengen, anhaltende» Winter, trat plötzlich im Februar Thauwetter ein, die Schneemassen schmolzen rajch, das Eis brach und cs stauten die Eismassen, die wild heranstürzende Flut durchbrach plötzlich die Dämme und drang alle» vernichtend in die tiefer gelegenen Näume, die zumeist von ärmeren Familien brwobnt wurden. Alle» eilte zu retten, auch Bcrl arbeite» mit übermenschlichen Kräften, um Menschen und Einrichtungsstücke aus den überschwemmten Wohnungen zu retten. Die ganze Nacht stand er bis zu den Hüften im Wasftr und rettete, was inöglich war. Den Morgen darauf mußte er sich zu Bette legen, er hatte sich > eire Lähmung der Füße in Folge der Erkältung zugrzogen. | Drei Wochen >var er bettlägerig. Im.Hause ging cs immer! schlechter. Taube mußte fast alle Einrichtungsstücke verkaufen; Bettst llc» und Betten, die Kommode, die Uhr, welche die Geburtsslundc seiner Kinder und von zweie» die Sterbe^ stunde geschlagen hatte, waren schon dahin. Taube kaufte für das erlöste Geld Fische, buck selbe und g ng damit hausiren, für den Gewinn schaffte sie dann Nahrungsmittel und Medikamente. zumeist reichte der Gewinn aber nicht aus und sie mußte das Kapital Hirz» vciwenden. Eines Abends fehlten alle Hilfsmittel, die Wohnung war bereits leer, »ichrs war mehr-zu verkaufe» dort. Die anne Taube und ihre Kinder kauerten an der Asche eines spärlichen Feuers und sahen mit hungrigen Blicken in die! matte Glut, denn den barschen Vater wagten sie nicht auf-; zujchauen. Eines der Kinder bat um Brod, es habe Hunger.! Tcube wand sich ab und weinte. Urplötzlich sprang mit einem Male Berl, seinen krummen, schmerzenden Füße trotzend, von dem Strohsack, auf dem er lagerte, auf, verriegelte die Thüre und holte die in einem A nkel hängende, staubbedeckte löeige. Niemals hat wohl ein Musiker die Töne seines Instrumentes mit dürstenderer! 'Hier in sich gesogen, als Br rl, da er den staubigen Bogen; über die noch vorhandenen drei Saiten seiner lieben Geige führte. »Still, still," flüsterte die Mutter ihrem ältesten Knaben zu, .still" wiederholte sie urd nach aus» Neue in Thränen aus. Ter Kleinste, ihr Liebst tg, sagte mit bläulich zitternden Llspen: »Mamma, soll ich tanzen, der Barer hat nicht gespielt seit die Kinder gestorben sind." Berl schien kein Won zu hören, er spielte fort, bis sein He:z sich an Tönen gesättiget hatte, dann blies er den Staub" lorzsältig von Geig« und Bogen, band ein Tuch darüber und nahm sie unter den Arin. »Berl!" rief Taube erschrocken, »Du wirst sie doch nicht verkaufen? Berl thu's nicht. Du hast ja selbst oft gesagt, daß Tu lieber sterben würdest, bevor Du die Fiedel hergirbft. Dreißig Jahre schier hast Du sie schon, Berl lieber, thu» nicht," setzte sie bittend fort, als er, ohne ihrer Worten zu achten, das Zimmer verlasseri wollte. »Berl laß sie da, ich biv' Dich hoch und theuer, .aß sie da, war sie es doch, die uns zwei zusammcusührte, und Du warst nur dann mit uns freundlich, wenn du gespielt hast, sie hat dein Herz erweicht and war unsere einzige Freude auf der Welt. Berl es wird wieder der Tag kommen, wo unser Herrgott auf uns schauen, wo wieder uns die Sonne scheinen wird und Du wirst wieder spielen. Berl gab keine Antwort und verließ die Stube. Er schiitt hastig, den Schmerz sein«: Füße nicht achtend, den Weg dahin. Seinen Schrillen, stwem gebeugte» Haupte, dem ganzen Ausdruck seine» Gesichte», konnte man anschen^ daß er sich zu dem Unangenehmsten entschlossen, und daß' er es um jeden Preis durchführen werde. So kam er in die »golden« Gaffe" und trat itt den' ersten Laden des ersten Trüd'er» «in. „Boraoh rofe oholim,') Berl. bist wieder gesund?" willkommte ihn dieser. »Jas war dir kurze Antwort, kauft mir dir Geige da ab." Eine Weile betrachtete drr Trödler dieselbe, danis. sagt: , er: .Wa» kann das alte Grümpel wcrth sein?" ' »Einen Thaler", erwidert Berl. - . ' »Gott soll hüten!" schrie -da» rasch hinzugetomlnene Weib des Trödlers, »es ist beinah« gar nichts werth." „Nicht einmal da» soll'» werth sein?" ries Verl trrchig »so hätt' ich'» nicht zum Verkauf gebracht, aber unser Herrgott weiß" — da» Geständniß seiner Noch kminte er nicht über seine Lippe» bringen, er schwieg still und ging weiter. Bon Laden zu Laden, von Kramstelle zu Kramstelle, nirgends bot man ihm auch nur I v Groschen fürstine Geige und er hätte sich doch so gerne mit diesem Betrag begnügt. So kam er zur steinernen Brücke, die über die Moldau auf die Kleinstite führt. Es war bereits Nacht und »ur ivie einen schmalen Silberfaden warf die kaum sichtbare Mondsichel ihr Licht auf den Wasserspiegel. Da blieb Berl einige Minuten stehen» um sich zu erholen- Sein ganzes Elend zog an ihm vorüber und nun, da kein Auge nahe war, da» ihn sehen konnte, rannen die heißen Thränen über seine braunen, tiefgefurchten Wangen herab. Da» sanft dahingehende Gewässer winkte chm zu, wie ein trauliches Bett für den Müden, den die Welt mit seinen Kummer von sich gestoßen.- Er legte die mit dem Tuche umbundenc (Veigr auf die Brustwehr, stützte den Kopf mit de» Händen und starrte wie geistesabwesend in den Fluß. »Wäre ich aus dem Weg", brummte er halbtaut wt sich hin, »die Leute würden sich Taube und der Kinder an« nehmen, so lange ich leb' dürft» sie nicht» nehmen, ich hab's dem Rebbe versprochen. — Es giebl ihnen auch Keiner was, ' so lang ich leb', denn mich kann Keiner leiden, es hat mich auch nie Jemand leiden können, außer mein brave- Weib. Ich bin da» einzige Hindernis, für Taub« auf drr Welt;^ jo lang ich leb' hat sie nur Roth und Kummer. Ich bin t ein Unmensch, jetzt kann ich nicht einmal mehr was verdienen, > drum fort mit mir, ich mach' Platz — doch hier nicht, mich darf Niemand finden, Keiner soll wisst», wo ich hingekommen 1 bin, diese Busche') thu' ich meinen Kindern nicht an." Er nahm wieder seine Geige und schritt reff im Entschluß, ans der Insel Kampa zwischen den Mühlen, durch ■ einen Sprung in» Wasser, seinem Leben ein jähe» Ende zu; bereiten. Er dachst, daß dort di« Mühlräder seinen Leichin bi» zur Unkenntlichkeit zermalmen würden. Al» er über die Brücke kam, blieb er plühlüh vor «iner^ Auslage, in welcher zwischen verschiedenen Anttquttälen ,uch; einig« Geigen hingen, stehen. „Ick probir' es da noch einmal und wenn er mir meines Fiedel abkauft, so schick' ich da« Geld meiner Taub«, damitj sie morgen den Kindern etwas zum Essen lausen kann". —j Grsam, gethau, er ging in den Laden und bot de« Händlers sein Instrument an. Dieser besah dir Geige und dann Berl genau, fr! dachte Berl hatte sie gestohlen, well er zu so später Nachtstunde in seinen Laden, der zugleich de» Trödler» Wohnrmer war, eintrrtr und mit beinahe zitternder Gtsimn«,^ zum Berkaost anbot; nachdem er Berl genügend slxirt hatte, fragte er, wa» er dafür verlange? — Bert getraute sich keinen Pvei» zu neuneu und antwortete, daß er ftetj seinem Berständniß überlasse. l) Design«», der M« Kremten heil«. *) Eqa nse. ■ :

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