Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 15-16 (1891)
- Date
- 1891-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Aüdifches 18*2. (ttrautgegctKn Dun Dr. M. Aal>«er ln Magdeburg. Z«r Wkrhrllnz »ad -elrtznmß fir die israelitische Familie. * * *a Der Findling. Ein Lharakterblld auS dem Äh«tto von Mathias Kisch (Schlus.» — Allerlei: Cardinal Äanning und lUtttöll I die Juden. — Eine alte Synagoge in Egypten. — Rabbi Salomo den Gabirol. Sine Erzählung in Versen von Roda.-- v " — Jüdische TafelgebrSuche. — Räthfel-Lufgaoen. — Räihsel-Lösungen. (llvdefugter Nachdruck a»S diesem Blatte ist uutersWEt.) Per M«dk«g. ltin (iharallrrblld auS dem Ghetto von Mathias M ifd). (Fortsetzung.) Dieses hvckist platonische Berhältniß dauerte mehr als zwei Jahre. Eines Abends faßte Berl »ach beendetem Spiele, wie gewöhnlich, Taube'S Hand, hielt sie aber länger als sonst in seiner derben, schwülstigen Kaust und sah ihr treuherzig in's Auge. Taubele*) erschrak zwar, doch ließ sie ihn ruhig gewähren, und zog die .Hand nicht zurück. „Taubele, willst du mein Weib werden?" fragte er plötzlich und rasch in einem Athem, als fürchtete er, das eine Silbe stecke» bliebe, und wieder als hätte er Gingst, daß er cs ausgesprochen. Diese sonderbare Werbung ivaren die ersten Worte, die das nun 17jährige Mädchen aus Berts Munde hörte. Erschrocken riß sie sich los und eilte davon. Den Abend daraus begann Bert wieder sein Spiel. Es war aber nicht wie sonst, den Tönen fehlte heute die Innigkeit, ja manche klangen schrill und unharmonisch. Bert war unruhig, er wandte den Kopf nach allen 'Seiten forschend nach Taub«, die heute nicht wir sonst neben ihm Platz genommen. Er setzte stets ab, begann aber, ivir um sie anzulockr», auf» Neue. Dann warf er unmuthig die Geige van sich und blickte starr vor sich hin. Endlich sprang er, früher alö gewöhnlich auf, um der Ort zu verlassen. Da stand plötzlich blaß und zitternd die Jungfrau vor ihm. Seit der Anfrage gestern erwachte in ihr das Be wußtsei», daß sie kein Kind mehr, daß sie eine Jungfrau sei. Wie einst Eva im Paradiese, als sie vom Baume der Erkenntniß genascht, sich plötzlich ihrer Nacktheit schämte, ebenso schämte sich Taube je« nach der Werbung, daß sic allabendlich in primitivster Kleidung neben ihm gesessen. Heute hatte sie ihr schönstes Jomtowgcwand anzethan, und konnte kaum den Abend erwarten, um Berl auf di« gestrige. Frage zu antworten Ja, sie wollte mit tausend Freuden ihm angehüren; war es nicht schon ein Wunder, daß überhaupt Jemand aus der Welt sie zur Frau begehrte? dacht» sie, und studirte den ganzen Tag darüber, wie sie ihm antworten sollte. Doch kaum war sie seiner ansichtig, da verließ sie aller Muth, sie wagte es nicht vor ihn hinzutreten, wie einst als sie noch ein Kind war, sie verbarg sich hinter einem Grabstein und beobachtete ihn. Als er sich aCer entfernen wollte, eilte sie auS ihrem Versteck. Lange standen-sie sich still gegenüber Endlich reichte Taube ihm zitternd ihre Hand entgegen und ein leise» .Ja" entschwebte ihren bleichen Lippen. Berl blickte wie beglückt zum Himmel, drückte deS Mädchen» Hand und lief davon. Sk fk io» Allgemeinen genannt nunb«. Tags darauf ging Berl zum Rabbiner Ezechiel Landau und bat, er möge ihn mit Tanbe, Moscheh Inda Gräbers Tochter, trauen. .Du willst heirate», Berl?" fragte verwundert der edle Rabbi, „hast du denn ein Heim, kannst du denn Weib und, wenn's Gottes Wille ist, auch Kinder ernähren? Unsre Weise» sagen: erst gründe dir ein .Heim, dann nimm ein Weib." „Rebbe, ich werde doppelt so viel arl'eiten, um sic zu ernähr«»." .Ich darf zu dieser Ehe inciiieii Segen nicht geben", erwiderte kopfschüttelnd der Rabbi, .ich kann uninöglich die Kehille, die genug Arme zu erhalten hat noch mehr belasten." „Rebbe, eher soll mir die .Hand abfallcn, bevor ich je von Jemandem ein Geschenk annchme," erwiderte Berl, und in seinen Worte» lag so viel Festigkeit, daß der Rabbi davon überzeugt war, er spreche die Wahrheit. Berl war nicht gewohnt eine Bitte zu wiederholen, wollte sich rasch entfernen, als der Rabbi ihn znrückhiclt und sagte: „Ich werde dir Kidduschin*) geben." Drei Wochen später war Taubele Berl Findlings angctrautes Weib, selbstverständlich ohne gerichtliche Bewilligung, denn die zu erlangen war so leicht für einen armen Teufel nicht möglich. So lebten sie viele Jahre recht und schlecht in zufriedener Ehe. Berl verdiente täglich seinen äußerst bescheidenen Hausbrauch und Taubele thcilte gerne seine Mühen Nur fürchtete sie ihn ebenso wie jeder Andere, nicht etwa daß er sie schlecht behandelt hätte, sondern iveil er so äußerst wortkarg war, und seine häuslichen Befehle klangen sv hart und unfreundlich, daß sie gewohnt war, dieselben ohne Widerspruch auf's pünktlichste zu vollziehen. Selbst seine Kinder sprangen aus dem Sonnenschein u»d versteckten sich rasch im Schatten, iveiiii sic ihn von ferne kommen sahen. Er hotte drei Kinder. Ein Jahr früher hatte er ihrer noch fünf, das Scharlachficbcr nahm ihm zwei in einer Woche. An einem schneeigen Dezemtwrinorgen wurden die zivei kleinen Leichen aus dem .Hause getragen, Zwei Todtengräber trugen die Bahre, woräuf die kleine» Leuhen lagen. Ihnen folgte Berl und eine kurze Strecke auch die lautweincnde Taube, Gar traurig sah dieser kleine Zug auf dem weißen Schnee auS, doch Berl vergoß keine Thräne. Sein Gesichtsausdruck war strenger, ja abstoßender als je. Und doch, ttotz diesem scheinbar steinernen Herzen, fühlte Berl, vielleicht mehr als die vielen -luderen, die ihre Gefühle offen zur Schau trugen. In seinem Innern waren zarte Saiten enthalten, die einer AeolSharfc gleich, nur bei Sturm und Wind ertönten. Er, der zwei Kinder mit trockenem Auge zu Grabe geleitet hatte, keinem Menschen je ein freundliches Wort entgegenbrachte, der selbst sein gutes *) De» Tmunngrsegen. (7