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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 14 (1892) · p. Seite 55

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
14 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 55 (sequence 3)
Language
German
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^kactabetaty »erbt »h Mittel habe», Wohlthaten zu übe». Ich schwtzr'» Ihne» lei »»einer Seligkeit!' L" Ergriffen vo» bei großen Ehrbedürstigkeit diese» Manne», versicherte ihm Trachte,berg, sei» Möglichste» dazu leizutragen, »» ihm schleimige -bhilft zu verschaffen. Mit Hoffnung im Herzen uno einem süßliche« Lächeln auf de» Lippen verließ ber ewige Kandidat bas Hau», am seine Wanderung sottzustyen Kaum, daß er baS Zimmer verlassen, brauste eine breite Stimme hinein: .Guten Morgen, Bruder!' und ein pechschwarzer Bart mit der rundlichen Füllung eine» wohlgenährten Bauche» zeigte sich in dem Rahmen der Thür .Mit Dir, Bruder, brauche ich nicht viel zu sprechen', herrschte er ihn anj .denn Du weißt, das-, ich mmnem Freunde erkenntlich bui. und daß ich — ' Er ergänzte nicht, ober Barr und Augen sagten da» Uebrige „Also, Freund, bi» ich Deiner Stimme sicher?" schloß er. „Natürlich!" „Run. wir wollen sehen!" Und mit diesem Ruse, in dem eine versteckte Drohung nicht zu verkennen war. verließ er da» Zimmer Jetzt brachte der Briefträger ganze Stöße von Lokalbnefen, auSgesendet von den verschiedenen Comite's. Trachten berg übel nahm von ihin die verschiedenen Briefe. Aber auch der Briefträger hatte eine Angelegenheit, er ver- »«eilte zögernd an der Thür. „Ich hätte eine Bitte an Sie", brachte er zögernd hervor. .Was?" fuhr Trachtenberg auf, „Sie kandidireu auch?" „Was fällt Ihnen ein?' wehrte dieser den Verdacht ab. „Ich zahle ia keine Steuer.' „So ist es ja natürlich, daß, wenn Sie nicht Kandidat sein könne«, so sind Sie Agitato-.' „Auch da» nicht, ich bin ja k. k. Postbriefträaer — aber ich möchte Sie nur bitten, daß Sie den Herrn N. wählen, er ist mein Berwandter, und wird auch ein sehr guter Kultus- Vorsteher werden." ,Hm!" machte Trachtenberg, „jetzt verstehe ich schon." „Run. werden Sie ihn wählen?" Trachtenberg hatte schon so viele Versprechungen heute gemacht, aus ei« mehr kam e» ihm nicht an; er versprach daher »ach dies, und der k. L Nichtagitator verlieh befriedigt leine Wohnung. Und nun kam da» Allerärgste, ei» Eilbote von dem Anführer der einen Partei mit dem dringenden Aufträge, so schnell al» möglich zur Wahlurne zu kommen, und unmittelbar darauf ein Eilbote vom Anführer ver zweiten Partei »nt demselben stürmischen Verlangen. Keine Rettung mehr, der Arme überließ sich seinem Schicksal und machte sich auf den Weg Schließlich vettröstete er sich, sind doch die Abstimmungen geheim, und »er wird dahinter kommen, ffir wen ich gestimmt habe? Aber e» ist auch nicht ««möglich, überlegte er wieder bald daraus, daß eurer oder der andere Anführer dieser beiden Parteien von ihm verlonaen würde, daß er ihnen vorher die Kandidatenliste zeige, für die er stimmen werde, und wie hilft man sich in diesem Falle? Aber die Noch macht erfinderisch. Er steifte die Liste der einen Partei in die eine Tasche, und die der «adern ia die zweite; jetzt sollte» sie nur kommen und chn fragen, er werde ihnen schon etwa» vormachen. In solchen Röchen muß man zu den verschiedenen Listen auch eine eigene List mithaben. So gefeit gegen alle dösen Geister nahm er seinen Weg m da» Gemeindehau». Die ganze Gaffe war mit lauter Kandidaten gefüllt, die von allen Seiten chn bestürmten, nur ja für sie die Stimme abzugeben, so daß der Arme da» Gefühl hatte, als laufe er Spießruthen. Doch diese machten chm weniger Sorgen, weil e» beinahe sicher war, daß keiner von ihnen gewählt wert«, indem jeder einzelne wohl seinen Name« auf die Liste schrieb, doch in Bezug aus die andern Kandidaten sich jeder einzelne einer der beiden Hauptstrümuogen anschloß. Da sah Trachtenberg von der Fenie den Anführer der einen Partei entgegenkomme», wa» ihn plötzlich erblaffen machte. E» fiel ihm nämlich erst jetzt ein, daß er bei aller Vorsicht gerade da» Wichtigste vergeffen habe, sich nämlich genau zu merke», in welcher Tasche jeder der beide« Zettel firv befinde. Dem Armen war e» auf einmal heiß und kalt. Wa« jetzt beginnen? Mechanisch fuhr er mit beide» Händen sich in die Laschen; aber schon nahte wie da» Berhängniß t«r Führer der einen Pattei heran, und schon fühlte er die Hand desselben ans seiner Schulter. „Also, Sie gehen jetzt wählen?" ftagte er. , Ja. wählen ..." tremulitte der Arme und immersott ruderte die Hand in der Tasche herum. „Doch sicher mei«n Kandidaten?" „Sicher... sicher", zitterte der Arme, wähnend er fort und sott in der Tasche herumwühlte. . Da sollten Sie mir aber auch Ihren Wahlzettel zeigen. Freundchen", lächelte der Anführer „Den Zettel... den Zettel .. ja bald, bald"; und auf gut Glück machte er einen energischen Griff in eine seiner Taschen; aber in dieser befanden sich nicht blo» jene Zettel, denn sie l'ildete vielmehr die Gräber verschiedener Alter» thümer, die seit alten Zeiten in stiller Vergessenheit dahinwandetten Und so kamen bei den verschiedenen Ausgrabungen, die er da ooruahm, die verschollensten Dinge aus die Oberwelt. Vorerst erschien die Hand mit dem Knochenstück einer gottseligen Novelle, die seit vielen Jahren dort begraben war und sich bereit» i» einzelne Atome auslvste; dann kamen Ueberreste eine» einst gewesenen ZeitungSblaite», dann stötte er au» der heiligen Ruhe ei» Gedicht auf, da» in dem ersten Stadium der Verwesung sich befand, dann verschiede« Notizen und noch viele andere vorsündfluthliche Dinge. Jede»- mal, so oft die Hand mit einem neuen Au-gi abungSstÜck auf die ^Oberfläche tauchte, machte sich da» Zittern um so mehr bemerkbar, von welchem dieselbe ergttffen war. Da ließ Gott ihm zur rechten Zeit Hilft und Rettung erstehen. Bon der Ferne nchMch bemerkte der Führer der zweiten Partei wft ihn der der ersten für sich zu gewinnen suchte, und um da» rechtzeitig zu verhindern, elfte er auf ihn zu. Bei jenem Erscheinen fühlte sich Trachtenberg wie von einem Alpdruck befreit und trug den Kadaver irgend eine» Schriftstücke», den er noch in der Hand hieft, wieder in die selige Ruhe zurück. Da ferner der Anführer das Feld dem zweiten überlasftn wollte, so fühlten >>e Beide, wie unter Eskorte > de» armen Trachtenberg dis an die Thür de» Wahllokal». Hier mußfe er sich noch zum Absthftde von einem Jeden eine» tüchtigen Puff gefallen lassen, der ihn daran mahnen sollte, ja fernen anderen Kandidaten zu wählen und sein Versprechen zu halten. Damit aber nahmen auch sei« L^den ein Ende, denn nach dieser letzten Ermahnung überließen sie chn stimm Schicksal. Enthoben der scharftn Kontrole beider Parteigänger, gewann Trachtenberg nun Zeit, beide Wahllisten herauszufuchen, wid damit er weder gegen dst eine noch gegen die andere Partei verstoße, wattirte er dst eine Wahlliste mit der zweiten und warf sie so in dst TZahlur« hinein. vi» m die späte Nacht hinein ging e» heiß und stürmisch beim Wahlkampf zu. Die Agitatoren liefen wie besessen in den Gaffen umher. Dst Dienstmänner verschwanden beinahe ganz unter einem Berg von Kandidatenlisten, den sft mit sich herumtrugen. Alle paar Minuten brachte ein Wagen eine Ladung Wähler, die man in den entlegensten Winkeln der Stadt um gute» Geld ausgelesen hatte. Gegen Mitternacht erst ließ sich aus dem Gemeindehauft ein Helle» Jauchzen vernehmen. Da» Skrutincum entschied den Sieg für die eine Partei. Ach, wie viel gebrochene Herzen! Wie viel getäuschte Hoffnungen: Herr Ehrdurst krümmte sich zu Hause unter rasenden Schmerzen, die ihm sein unbefrftdigter Drang ver-

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