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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 14 (1892) · p. Seite 54

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
14 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 54 (sequence 2)
Language
German
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54 durch Arbeit, oder Dienstleistung verdiente, wie» er entschieden zurtick und hungerte lieber tagelang, al» daß er die geringste Gabe angenommen hätte. Trotz seiner Jugend und Kraft war Bert ein nicht» weniger als hübscher Bursche und wurde seine Häßlichkeit durch sein abstehendes Benehmen noch vergrößert. Nie grüßte er Jemanden, noch hotte er je gedankt; ohne eia übriges Won zu «Nieren, «nichtetr er seine, oft harte Arbeit, die zumeist in Holzfällen und Lastentragen bestand. So wurde Brrl 25 Jahre alt und fand als Lastträger an der Judeugasse seine bescheidene Existenz. Trotzdem Jedermann diesem groben, rigeusinuig« Menschen aus dem Wege ging, gab mau ihm gerne Beschäftigung, denn Jeder wußte, daß er mit außerordentlichem Flrißc und mit Ausdauer seine Arbeit «rrichte und daß er ehrlich und wahr sei bis aufs Mark der Knochen. Berl hatte keinen einzigen Freund, ausgenommen seiu junge», freundliches und geduldiges Weib. Ich höre dich, geehrte Leserin, erstaunt fragen, wieso dieses Monstrum zu einem jungen, ja sogar schönem Weibe gelangt war? Das kam so: Die in der Nähe des alten Prager jüdischen Friedhofes Wohnenden hörten oft Abends, wenn die meisten sich bereits zur Ruh« begeben hatten, leite, wehmüthige Geigentöne. Niemand kannte den Urheber dieser Musik viele glaubten an Geisterspuck, und allerhand Bermulhungen wurden deshalb laut. Eine Person allein kannte das Geheimniß, dies war Taube, die Waise de» kurz vorher gestorbenen Todtcngräbere Moscheh Juda Prokurator. Sie bewohnst mit ihrer halbblinden Großmutter ein kleine» Stübchen im . Heldisch"*) welches in oen Friedhof mündete. Da» arme 5kind. als Todicngräbersrochtrr von den Kindern gleichen Alters gemieden, «rbrachte den großen Theil ihres Leben» unter den wildwachsenden, schattigen Hollunderbäume», die hier zur seltenen Höhe und Urppigknt gedeihen, sie liebte die auen moosbewachsenen Grabsteine wie ihre Freunde, fle allein wußte wer diese wunderbaren Töne, wie sie sie noch nie gefcfirt, dem Instrumente zu entlocken verstand Anfangs ging sie den Tönen nach, schlich hinter einen der hohen Grabsteine und beobachtete aus ihrem Verstecke den Spieler, der wie verllärt, die thränenden Augen gen Himmel gerichtet, den Bogen führte, doch scheu wie ihre Freundinnen, die Grille» und Heimchen, verschwand sie, sobald der Spieler da» Spiel beendet hotte und Miene machte aufzustehen. Lange Zeit währte btt«; Taube beobachtete Berl, ohne von ihm gesehen zu werden. Später nahet sie sich ergriffen, immemehr und mehr dem Spieler, die Halbjungfrau ahnte, daß er ebenso verlassen, ebenso gemieden wie sie, denTrost eine» fühlenden Herzens bedürfe. Leise setzte sie sich ohne je «st chm ein Wort gewechselt zu haben, neben Berl und lauschte entzückt der Musik. Spät in der Nacht stand dann Berl auf, drückte dem Mädchen schweigend die Hand, als wollte er für ihre Theilnahme danken, und verschwand. (Forts, folgt.) -ie Norsta>ß»wLyLe». StthoueU« mu Natha» sa■ u119. (Schluß.) Inzwischen rückte der Wahltag immer näher heran In den Gassen wird es immer lebendiger; in immer größerer Menge tummeln sich die Agitatoren auf den Straßen. Bon den Mauern schreien sich die Plakate beinahe heiser mit chren grellen Lettern: »Wähler! Wähler!' Die buntesten Bilder tmfaUen sich überall: hier bewegt sich «in in zwei Riesentaseln eingepacktrr Dienstmann, der langsam dahinchrestet, während die beiten an ihm vorn und hinten hängenden Tafeln mst chren Inschriften laut in die West *> So wirb bet jüdische ,Hospital" genauat. hinausschreien: »Wähler! Wähler!" Dort wieder Einer hoch zu Roß der eine Fahne trägt, di« in dem weht und sich blähst mst der Inschrift, die wieder nicht ander» lautst, als: »Wähler! Wähler!" Jndeß produzirtu» sich dir früheren Borstelser in tot Synagoge,wo sie. wie die Gladiatoren in dem alle» Rom/ zur Belustigung de« großen Publikum» sich zerfleischten, und da lautete da» Feldgrschrei wieder nicht ander», als: »Wähler! Meine Herren Wähl«!" < Wähler und Wähler — gab e» denn überhaupt noch Wähler in der Stadt? E« gab nur Kandidaten, und zwar 2 in solcher Menge, daß r» einem schwindlig wurde Die ein» zigen Wähler waren nur noch die Lehrer und die ander» Gemeinde beamten, und auch sie, was hätten sie nicht darum '-,1 gegeben, wenn sie es nicht wären, wenn sie ihrem Stimm- >1 recht sich entziehen könnten — doch wa» half ihn« aUtf Sträuben? Die Parole lautete: »Wer nicht für uns ist. ist gegen uns!..." -j Al» der Wahltag endlich da war, da konnttn die arm» ‘ Lehrer mit Recht von sich sagen, sie sei»n krank. Eduard Trachteuberg, der in so grausamer Weise au» seiner still» Gedankenwelt Herausgenfs« wurde, veiin ochst an jene« Tage vor lauter Aufregung nicht au« dem Bette zu steig« ... 'j Aber die zukünftigen Vorsteher, von denen die Stadt j heute wimmelte, gönnten einem nicht einoial da» unschuldig^! Vergnügen, für eigenen Gebrauch ein bischen krank zu sei». " j Schon ftüh morgens klopfte es bei chm an der Thür — natürlich ein Kandidat, denn wer ist es heute nicht? I» der Thal stand bald vor ihm der in der Stadt bekannt» twige Kandidat, der seit fünfundzwanzig Jahren unverdrossen forikandidatirt, trotzdem das, jede Neuwahl ihm einen not» Durchfall bring« Sein Gesicht «rristh einen schmachtende» Ehrgeiz, von dem breittn Munde angefaugen bi» zu der in Schweiß gebadrten Raft, die in seinem runden Zifferblattrgesicht sich wie ein großer Zeiger ausnahm, der auf halb vtüd' zeigte. Trachtenberg suchte bei seinem Anblick sich au» den Federn zu machen. .Aber bleibe» Sie nur, mein lieber Herr," schmachtete ~ der Kandidat. .Wenn e« nur auch die beiden Parteiführer erlaub» ivollten", dachte wehmuthSvoll der arme Trachtenberg. , Der Kandidat räuspert« sich unter dessen und begann : »Ich bin gekommen. Sie zu bitten — * Um meine Stimme", beeilte sich Trachtmberg zu tu gänzen. .:■! .Und woher wissen Sst es, mein lieber Herr?" fragte der Kandidat verwundest. .Well kein Opernsänger der West", erwiedestr Trachtenberg in einem Anfall von Galgenhumor, »noch je stne so vielumworbene Stimine gehabt hat, wie ich heute, die ma» von allen Seiten zu engaginn sucht." »Ja, um Ihre Stimme', gab der ehrbedürstige Man» S; .denn sehen Sie, e» giebt Menschen, die fcltene Leid»- asten haben, so zum Beispiel habe ich stne große, mächtige Leidenschaft, Wohllhastn zu üben." Trachteuberg hatte gute Lust, ihn sofost darum zu bitten, daß er ihm die Wohlthat erweise und mit sein» DuuaNheiten nicht zur Last falle, aber dieftr Herr Ehrendurst war west davon entfernt, ihm ein« solche Wohlthat zu erweis». »Ja,' fuhr er mit Extase fort, »die Wohlthätigkest ist mir zum Bedürfniß geworden; ich fühle in mir ein» Dran^ «in« Drang..." Er krümmst sich dabei so erbärmlich daß Trachstnberg mit ihm Mitteid empfand. »Und was kann ich dazu thun, um Ihrem Drange ab» zuhelfen?" fragst er thellnahm-voll. »Mir Ihn Stimme zu geben," flehte dieser «st de» ganzen Nachdruck einer unbefriedigt« Leidenschaft. »Als

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