Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 13 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Mutter drückte liebevoll ihr Äinb an ihr Herz. „Mutter' fuhr er nach einer kleinen Weile fort „darf ich denn gar keinen Namen mehr haben?' „Warum denn, mein Kind?' „Weil kein Namen den Leuten recht ist. Renne ich mich Jakob, dann schreien sie mir in den Baffen nach und verspotten mich, und nenne ich mich wieder Jaque», dann fallen sie wir die reißenden Thiere über mich her und schlagen mich blutig. — Wir soll ich mich denn eigentlich nennen?' .Nenne dich nur Jakob, mein Kind, wie dein großer Ahne, and die Leute werde« schon zur Einsicht kommen, daß dieser Name keineswegs zu verhöhnen sei, aber du. mein Kind, mußt durch dein Leben und Streben, durch dein Handeln und Wandeln diesen Namen wieder zu Ehren bringen.' Der kleine Jakob lag eine Weile in Bedanke» versunken, worauf er sich wieder an seine Mutter wandte: „Mutter' begann er „wird es einmal wieder schön in der Welt »erden und di« Sonne wieder leuchten, wie in einstigen schönen Tagen, von denen du mir so oft schon erzählt hast?' „Ganz gewiß, mein Jakobcheni' „Du hast mir ja gesagt. Mutier, daß, wenn es wieder schön und sonnig in der Welt wird, dann kehrt der Vater zu un» zurück „Ja Kindchen' erwiederte sie .bleib' du mir uur ein braver, rechtschaffener Jakob, der, wie der Vater sich von dir immer versprochen hat, allen Menschen als edles Beispiel diene« soll, ein Jakob, der seinen Namen nicht verleugnet und der sich nicht verstellt, dann kehrt der Vater zu unS zurück und schön wird eS in der Welt werden, alle dst j tzt zu uns so kalt und lieblo» sind, werden wie Brüder und Schwestern mit uns umgehen, und wie das Meer von Waff rkluthen wird die Erd« voll werdeu von Licht und Glauz, von Einsicht, Gvtteserkenntniß und allverklärender Nächstenliebe!' _ Ziie P»rst«ch<rva-tm. Lilhourtlr von Nathan Samuel y. Die ganze Gemeinde gährt und überschäumt wie ei« Kessel voll siedende« Wassers, und die Kochlöffel der Stadt rühre« und wühle« die Sud auf. E« klappern die Presse», zu Lausende« stiegen die Wahllisten nach alle» Richtungen aus, ein Heer von Agitatoren tummelt sich i» de« Straße», und von den Stadtmauern schreien Riestichlakast de» Vorübergehenden ein „Halt?' zu. „ES geht an di« Vorsteherwählen!' Dieser Trubel, könnte man eigentlich behaupten; wiederholt sich jedes dritte Jahr i» der Gemeinde, da» heißt, bei irder Neuwahl. Da si»d dieselben Agitatoren rührig, schreien dieselbe« Plakate von de« Wänden einem entgegen und tauchen immer und immer dieselbe« bemoosten Häupter wieder auf, die ewigen Kandidattn, die wie besessen von einem Wähler Sander« rennen, um sich Stimmen zu erbetteln. Dies«/ r jedoch geht «S «och viel stürmischer in den Gaffen zu, der.» die Zustände haben sich gründlich geändert. Mehr schon als 10 Jahre nämlich behaupten sich die alten Gemeindevorsteher auf dem rurulische« Stuhle, denn alle einundzwanzig Gemeinderäthe, aus welchen der Vorstand besteht, hielten immer einmüthig zusammen und bildeten eine Phalanx gegen jeden Eindringling. Sie waren eS, die vor jeder Neuwahl das Wahlkomitee zusammensetzten, natürlich a»S lauter Patteimännern, und so fehlte eS wohl nicht an Leben und Bewegung, an Ag't itvren und Wahllisten, anschreienden Plakaten und an Vcrsammlunoen in den Synagogen, aber alle diese Versammlungen, Agitat.ren und Plakate hatten nur die einzige Bestimmung, „ck» Oaxol' in die Welt hinauSzufchceien, und da erschienen auch richtig nach jeder Neuwahl dieselben Borsteher als Helden auf der Schaubühne. Diesmal jedoch kam «s zu einem Zwiespalt unter den Gemeinde-- , Vorstehern selber, so daß sie sich in zwei Lager theilter. Ein | jede» dieser beiden Lager suchte da» zweite zu Falle zu bringen und statt dessen neue Kandidaten in den Vorstand h nckäu- 3 wählen. Jede dieser beiden Parteien wieder bildete ei» b«. V sondere» Wahlcomitee, das mit dem Entwürfe einer Kandij datenliste sich beschäftigte. Da jede» Wablcomitee in der ' Regel aus zweihundert Personen besteht und jede vor: dies« T' durch die Aussicht, daß neue Vorsteher jetzt hinzuüommea müssen, in sich die Ueberzeugung trug, daß sie die einzige ■ auserlesene sei, so entstanden auf einmal viechundert Präten» f, deuten. Da» war aber noch nicht Alle». Durch da» Zerwürfniß in dem Gemeindevorstand war - aus einmal der Zauberbann gelöst, von dem di« Gemeinde ' bi» jetzt beherrscht war, und diese zerfiel in gar viel« Wahl» J> körper, von welchen jede» Mitglied, mochte eS zu den Genügt« % des Volke» zählen, gleichsam den Marschallflab im Tornffter führte. Da» war eine wild« Jagd in der Gemeinde! Wähler existierten nicht mehr, sondern nur Kandidaten und die. «uhtbesteuerten Agitatoren. Unter den vielen hoffnungsfreudigen Menschen irer Ge- - meinde gab e» «in« Keine Wählerschaar, die nur mit Frmht und Bangen dem Wahltage eutgegensah. Diese nm«« die Lehrer dn jüdischen Gemeindeschul« und die andere« Grmeindebeamten, denen wohl da» Recht -»stand, zu wählen, nicht aber gewählt zu werden. Durch die Zerwürsnksst in ter Gemeinde waren sie vor die Entscheidung gestellt, gegen die andere Partei Front zu machen, wa« von nicht unbedeutendem Rachheil für sie sein müßten well sie ja von der Gtlnst de» - GemeinderatheS ewig abhängig sind. Dazu noch geschah r», daß an einen» jener Tage der Direktor der Schule von de« Anführer der einen Partei zu sich nach Haust beflhieden wmrde. < „Sie wissen woh,' eröffnet« ihm differ, „daß die Ge» meinderachSwahlen i« Zuge sind!' „Ja, ich weiß e»,' seufzt« der arme Direktor. ^So werde» Sie wahrscheinlich auch wisst«.' fuhr Jener fort, „daß wir uu« von den ander« Gemeinderüthrn losgesagt ' hoben und eme besondere Partei bilden, dst eine eigen« Ana« didatenliste aasgestellt.' „Auch da» weiß ich," seufzte noch tiefer der ^Dtidtor. . „Run, wenn Sie da» alle» wiffen", fuhr der Parteisübver fort, „so brauche ich e» Ihnen nicht erst zv sag«, daß nicht allein Ihre Pflicht, sondern auch Ihr Interesse Ihnen gebietet,'mit alle» Lehrer» wie ein Mann fL: uustre Kandidatenliste zu stimmen» denn wir haben immer dst Sache der Schule mst Wärme und- Eifer beim Vorstände vertreten. Aller Voraussicht nach werden wir Sieger bleiben. Daß Sie sich uu» zu Ihren Feinden machen, ist keinesweg» rathsam — Sst verstehen?..." * , Ob er ihn verstand, der arm« Direktor; aber «och an demselben Tage forderte auch noch ein Zweiter d,n ihm, daß er ihn verstehe, und dieser war der «nfübrer der MM»;. Partei, der in gleicher Weist ihn in einer „dringenlen An- - aelegenheit" zu sich rufen ließ. Auch er versicherte iljm, daß 3 der Wahltag den Sieg für seine Partei entscheiden werde, 4 und auch er ließ dst Drohung leise anflingeu» daß^sall» dst q Lehrer nicht blind stinrr Parole folgen werden, sst mit ihm und seiner Partei antnnden, und auch er schloß < baffem» eine Unterredung mit dem vielsagenden: „Sie verlieh«?* Aber diesmal vermachst der arme Direktor egentlich - gar nicht» zu verstehen, so. koufu» .fühlst er sich 9x fand stin.n andern Ausweg, al» alle Lehrer zu einer gemeiusmnen Besprechung einzuladen» wie in dststr verzwnstlttn La« , vorzugehen sti. Da saßen sie um den grünen Tisch alle . die armen Schulmeister; lttuard Dornhrlm» der vormal» » ein Jahr beim Militär gedient, weshalb er stet» in Bereist 4 schaft war drrinzuhauen; ferner Moritz Hölzerl, ein kleine» * Männlein, mit blaffen, eingefallenen Wangen, da» l.ber j ewige Kopfschmerzen klagst, auch sthlst nicht Arnol!» Hasen. U