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Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 12 (1892) · p. Seite 46

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
12 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
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46 oacob steckte hastig die Münze ein: er war froh, daß ein Anfang gemacht war, aber er hatte dabei doch ein Ge- 'ühl der Beklommenheit. — Die Leute heißen ihn gar ab rahren — sie werfen ihm die Münze wie einem Hund einen Knochen hin und wollen, daß er abfahre; warum ergeht eS ihm ärger als allen anderen Verstellten? Soll an alledem nur sene alte Mutter die Schuld tragen'? Vom Himmel ging jetzt rin rieselnder Regen danieder, der vrn seinen aus Papier aufgeNebten Lampassen einzelne Stücke -herunterschwemmte, auch der Dreimaster, vom Regen aufgeweicht, knickte zusammen, daß er die Form einer Frauen« kapp« bekam, während seine zerrissenen Stieseln mit den offenen Mäulern bei jedem Schritte da» widerliche Gequak eine- Frosches vernehmen ließen, aber er achtete nicht darauf und wallte weiter die Straße hinunter, in jedes Hauü «inrretend um fein Purimfpiel zu mach:» und die Münzen einzustreichrn. Was mußte er aber nicht alles dafür anhöre», der arme Jacob. .Du bekommst garnichtS!" schrie ihn einer derb an, kaum daß er die Thüre öffnete. .Und warum?" fragte der Arme zaghaft. .Weil ich es für ein Verbrechen halte, daß man bei uns solche Schmarotzer, wie Du, fortwuchern läßt!" ,WaS ist denn mein Vergehen?" .Du fragst noch, Du Mißrathener; ich kenne ja Deine alte M utter, die sittenreiue, rechtschaffene Frau, die sich bestrebt Ifat, Dich in Frömmigkeit und Gottesfurcht zu erziehen, aber Du bist ein und widerspenstiger Junge, Du bist da» Herzlei) Deiner Mutter!" Ter kleine Jacob stand ganz verblüfft da — was für krause Dinge er heute zu hören bekommt! Da behaupte! gar dieser, seine Mutier sei die edelste und rechtschaffenste der Frauen und die ganze Schuld liege an ihm, während vor erst einigen Minuten jene .Verstellten" ihm gesagt haben, seine Mutter sei ihnen ein Dorn im Auge, er solle sich nur von ibr lossagen und sie nehmen ihn mit Freuden n ihrer Teilte auf. — Wer von beiden hat Recht? . . . .lind worin besteht meine Schuld?" ftagte er immer neugiciiger. »Du hörst ja." eiferte jener fort, .daß Du Deiner Mutte: entrathen bist, Dich als Ungebund in den Gassen umherl reibst, faul und arbeitsscheu bist und nur nach leichtnn Brode haschest'. ..." 4)oi armen Jacob durchzuckte ein tiefes Weh: — dieser Manu, der in Wohlstand und Bchaglichkeit lebt, spricht zu ihm von Lässigkeit und Müßiggang. Mitten durch di« Nässe mit nackten Gliedern durch den Koth waten, um Kreuzer ans zu häufen, damit die zu Hauke nicht verhungern, da« heißt faullenzen, das heißt nicht arbeiten? Oder führt vielleicht dieser Mann mit den dicken, rothen Wangen selber ihm nur so eine Art Purimspiel auf? Halb mechanisch mehr der Gewohnheit nachgebend, fing der kleine Jacob an - ihm auch sein Spiel herzuleiern: horcht nur ans, weil« lieben Leut', Luftiger Purim ist bei un« hem'! Henris» Pari«, morgeu ist'« au» web» mir Geld und werft mich hinaus!' Allein der gestrenge Herr Moralist erfüllte nur die Hälfte seiner Bitte, indem er chn beim Kragen faßte und ihn mit einer solchen Kraft zur Thüre hinanSwarf, daß der Arme wie ein Ipielball dahinkollerte. .Und bei den Juden war« Licht und Freude und Wonne" erscholl es in diesem Augenblicke aus einem Nachbar- Hause, wo einer vor einer Versammlung die .Megilla" vorla« und diesen Satz mit jauchzender Stimme betonte. «Und bei den Juden war's Luht und Frende und -2onne!" wiederholten alle Anwesenden auf einmal, so daß 'S gar lustig in die Gaffe hinausettönte . . . ..Licht und Freude und Wonne," wiedrrholte für sich auch der arme Jacob, der sich mühsam vom Staube aufrichtete. — »Ja, so steht'« geschrieben, aber dies« Verheißung hastet nur an dem Papiere. Jetzt weiß ich e«, waS auf GeschriebemS zu geben ist. Da habe auch ich geglaubt, daß heute ein Tag der Freude sei, denn es stcht ja deutlich vorgeschrieben; abo: d« Mutter hat Recht, noch ist der Purim für unS nicht gekommen l" Ja dem Nachbarhause entstand auf einmal ein heilloser Lärm, ein Stainpfen, Schreien und wirres Durcheinanderklappern. .Aha", lächelte traurig vor sich der arme Jacob, »er den Staub von sich abschüttelte, .da betäuben sie jetzt mit ihren Lläppern de» Haman in der .Megilla", und wahrhaftig, mit dem tobten Haman haben sie ein leichte- Sp«, wenn sie nur auch mit bot lebenden Haman», von denen ich. heute schau so viel zu sehen bekommen habe, so leicht kotig werden könnten! Dies sagend lenkte er seine Schritte einem weiteren Hause zu, dessen Thür er öffnete und alsbald sein Purimspiel zu fingen anfing; aber bevor er noch den ersten Satz endtte. fiel ihm der Hausherr in'« Wort: .So sag' mir nur vorerst, Du kleiner Sausewind, ob Du die Glieder auS Kautschuk hast? Da habe ich ja erst gesehen, wie man Dich zu Boden geschleudert, daß ich gemliut Hab: alle Glieder gehen Dir auseinander, und daß Du nimmermehr Dich aufrtchten wirst; am Ende stehst Du wieder frisch und munter da, als ob gar nichts geschehen wäre!" Der kleine Jacob batte darüber noch gar nicht nachgcdacht, weshalb er den Blick schweigend zu Boden senkte, während jener weiter fortfuhr . . . .Dann möchte ich auch wissen, ob Du Flügel an de» Sohlen hast, denn in einem und donselben Augenblick sieht maitn Dich überall und bevor die anderen.Verstellten" mtt einem Hause fertig werden, hast Du bereit» zehne hinter Dir, unb tote kommt nur zu so einem winzigen Jungen wie Du sovel Zähigkeit und Arbeitskraft — das sollte man ja knu« glauben! — Wenn man Dich weiter so wachsen läßh wirft Du ja di« Welt au« den Angeln heben!" Der kleine Jacob sah ihn erstaunt an — da habe rtan chm. ja erst vor einigen Augenblicken den Borwurf gemncht, er so faul und arbeitsscheu! Wie als Antwort auf alle dies« Fragen begann er sei« Purimliedchen: Go bdn nnr au» meine lieben Lern' Lustlacr Purim ist bei un» heut —" .Run," fiel ihm jener inS Wort .so gehe Du in 52ei« gim und mache Dir dort Purim. WaS hast Du zu *»•? ir wollen uns von Dir nicht auSbeuten lasten, wir hrbeu genug au unfern eigenen Verstellten!" .Aber auch ich bin ja hier geboren!" rechtfertigte er sich. ,DaS hat wenig zu sagen, Du bist un« doch fremd. Geh' in das Land zurück, das Deiner Mutter Vaterland war." „Bon dort sind wir ja verbannt!" sagte der arm« J>cob. .Wir haben keinen Platz hier für alle Verbannte« die unS hier über den Kopf wachsen!" .So kommt einmal mit Eueren Hamankläppern, Ihr muchigen Leute, und betäubt mir auch diesen Haman hier, wenn ihr?« könnt!" dachte sich Jacob, während er gesenkte« Hauptes das Haus verlieh. — dieser gar will behorchten, ich sei hier fremd, trotzdem daß ich hier geboren bin; und t»tun e« auch so wäre, Hab« ich kein Recht, hier den Himmel, die Sonne und die Stern« zu sehen? Habe ich kein Recht, hier zu leben und zu achmeu? Haben denn hier oi« Leute Hit«»rl, Erde, Lust und Wasser nur für sich in Pacht genommt»? Sagen denn auch die Vögel zu einander: »Zieht von diesem Bemme fort, denn dieser gehört nur un« uttb Riemaich «nßtr un» darf sich hier ein Nest bauen!" Ist «S möglich; daß die Menschen hier so hartherzig und lieblos wären? das soll ein Purim sein, der soma Lust und Bonne «rsffwht? Ja solchen Bebauten vertiefe Mte 'Mf

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