Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1892-01-01 · 11 (1892) · p. Seite 43

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1892
Issue
11 (1892)
Date
1892-01-01
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/6492351-8722847-5962135--1846-5375328
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Mr kin blos^S Gericht lonfcrtt eine niederschmetternde Wahrheit. Al» ich in Begleitung t<« Bastwirthr« in jenes Zimmer eintrat, da traf «eiinAuae ein Bild, da« eine vcrkürpertr Umstellung von jenem Gespräche war, daich früher dem Leser mitgetheilt habe. An die Wand gelehnt stand ein Spiegel, der, wie wo« merk n konnte, gemach und vorsichtig hingestellt wurde, und an dem Haken desselben war eine Schlinge angebracht, au der mein armer Freund hängend z» sehen war, wübeend in einer kleinen Entfernung von dort ein umgestürzter Sessel am Boden lag, auf den, wie zu er rathen war. er sich hinaufgestellt und den er dann mit den Füßen zurückgeschleudert halte, lieber da« Nähere von mir befragt, erzählte mir der Gustwirth, daß der Unglückliche gestern Nacht» mit der Bahn angelangt und bei ihm eingekehrt sei, daß er mit lebhaftem Appetit das Abendmahl verzehrte und im Bespräche keine Spur von Trübsinn gezeigt halte, ja, dcß er, bevou er sich auf sein Zimmer zurückzog. dem Kellner eiageschürf:, chn je früh morgens aufzuwecken, weil er mit dem Fräbzug abreisen müsse. Al« der Kellner jedoch, wie ihm befohlen ward, früh morgens bei ihm anllopfte. antwortet« ihm Niemand, so daß er nach wiederholt vergeblichem Klopfen und Rufen gezwungen war, die Thüre einzubnchen, und da habe er zu snnem Entsetzen seinen Bast in dem Zustande gefunden, in dem er noch jetzt z» sehen sei. Der Selbstmord meine-) Freunde« beschäftigte damals di« ganze Umgegend, denn r« lag gar kein Bruno vor. der diese schreckliche Thot rechtfertigen konnte, ja, alle Welt stand vor de» unerklärlichen Räthsä» wa» wohl uur die Ursache diese« Selbstmorde« gewesen sein mochte. Mßliche Familienverhältnisse? Wer hrng nock> mit so vieler Liebe und Zärtlichkeit an seine Familie wie'er? Geschäftliche Kalamitäten? — Er ließ ein bedeutende« Vermögen zurück, so daß seioe Frau und seine beiden Kiridcr nach seinem Tode reichlich versorgt waren. — Irgend welche Krankheit? Er erfreute sich bi» zum letzten Tag«, nie kaum Jemand, einer strotzenden Gesundheit. Vielleicht eine momentane Verwirrung? Dagegen protestirte der Zettl l, den er ans dem Tische zurückvließ, der mit sicherer, sestrr Hand geschrieben und mit trockener Geschäft-Mäßigkeit genau dir Zahl der Handerter. Fünfziger und Zchner-Bankvoien angab, die sich fn seiner Brusttasche befinden. Weshalb also iwch dieser gewaltsame Tod? Darauf gab jener Zettel die kuqe Antwort mit den Worten: .Adieu! Adieu! Ich muß sterben!" Er muß sterben. Ich war vielleicht der Einzige, der diese geheimnißvollen Worte zu deuten gewußt hat. Ich rief «ir alle jene extravagante» Jugendstreiche in Erinnerung zurück und seine «ehr al« «ft wiederholten Worte: .Glaube mir, ich bin nicht schuld^, aber wenn mich einmal die ®e* gierde Packt, zu wissen, wo: da« oder jene« unter gewissen Umständen ou-scben würde, daun giebt eS mir keine Ruhe, bi» ich «2 ««»führe und koste e« mein Leben!" Dann trat mir wieder lebendig der schwärmerische Ton in Erinnerung, mit welchem er mir damals da« Erhängen geschildert, da« «not, wie er wissen wollte, mit sützqr Harmonien bis an die äußerste Schwell« de« Taseia« hmübcrgeleitct. Wer mag e« wissen, vi.'llcicht trat bei ihm damals ur plötzlich jene Geistesstauung rin; vielleicht bohrte es sich schon seit Jahren früher ihm immer tiefer i» da« Behirn hinein; vielleicht gesellte sich diesem, wa« bereit« schon seit Jahren in ihm vorbereitet war, irgend eine kleme Verdrießlichkeit, die oft wie eine kleine Scholl« eine Riesenlawine in'« Rollen bringt, genug, der Zeiger seine« Denken» verrammelte sich an jenem Haken, der sich in ihm m den Worte» fixirte: .Wie würde es auSsthen?" und da sagte er sich: Wie wäre <*/ tarün ich mir jetzt den Senuß einer solchen Musik verschaffen sollte? Und er mußte sterben . . . -Banz gewiß! Hätte e>: in jenem Augenblick an eine mH«-Wk»sik gedacht, aämliSj an jene traurige, herzzerreißend« Musik, di« seine verzweiselt« Frau und sein« beiden minderjährigen Kinder bei seiner Leiche vernehmen ließen, dann Hütte er diesen entsetzlichen Schritt nie grthan, denn er wüede sich in dem entscheidende» Augenblicke noch zugeriifcn haben: .Wie würde e« aussehen?" lltzte Wille ^teömaun Aßker'«. des. jüngst tu Lhicazv verstorben«» Rubdtuers. Ich wünsche, daß man sich mit meiner Beerdigung j nickt beeile. Wenn sich nicht schon früher Leichenflecken einstellen, die Beerdigung nicht vor 48 Stunden nach meinem Verscheiden vornehmen zu lassen. Sollte der niich zu behandelnde Arzt im Interesse der Wilsenschaft eine Obduktion für wünschenSwerth halten, so möchte ich, daß man ihm die Boniahme einer solchen gestatte. Mein Sarg soll nicht ül>rr 7 Toilars,kosten. Keine Blumen. Mein Leichenzug unmittelbar von dem Sterbehause nach den: Begröbnißplotz. Keine Leichenrede. Liebe Hannah! In Rücksicht aus Deine delikate Natur, erwünscht ich, daß Du zu Hause bleibst und nicht dem Leicheuzuge folgst bei einigermaßen stürmischem Weiter. Nicht über drei Tage Trauer in häuslicher Zurückgezogenheit. Ich schätze daS Kaddisch meiner Söhne wie Töchter nach Gebühr; aber nur, wenn Ihr auch nach Ablauf de« Trauerjahres nicht ohne Nothwendigkcit den Synagogendienst versäumt. Wenn die Bermögensverhältnisse cS erlaube«, sollt« jede« meiner verheiratheten Kinder einer beliebigen iStaelittjchen Gemeind« suh anschließcn. Dir nicht zu entfernt wohnend?» Kinder sollte« sich bei günstigem Wetter und wenn e» ohne Störung der eigne« häuslichen Berhältnisie geschehen kann, jeden Freitag Abend um die Mutter sammeln. Meirie Kinder! Haltet als Geschwister zusammen; Lastet Euch dabei kein Opfer za schwer sein, Euch einander deizustrhcn und geschwisterliche Gefühle zu pflegen. Jede Liebesthat, die Ihr Euch einander erzeiget, würde meiner Seele wolüthun. Da« Beispiel von U in Liebe und Treue »n einander stehenden Kinden» eines BaterS würde dem Brave destelben ein schönerer Schmuck sein, al« der prächtigste. Blumenflor, auf den ich gern verzichte, doch Eurem Belize« überlaste. Da« Bischen erspartes Vermögen, da» ich hinterlaffe, wird Euch erst nach dem Tode der Mutter za Gat« komme«. Ich kenne Euch; ich darf vertrauen, baß Ihr Kuch nicht über Besitz und Verwendung unkindlich begegnen werdet. Di« Erbschaft, die Ihr aber schon besitzet; .ist ein -guter Rawe und eine Erziehung so gut uh sie geven konnte. E» scheint nicht, al« wenn einer von Euch zum Reichwerden angelegt sei Laßt Euch da» nicht anfrchten. Bleibt nur streng eh» lich, wahr, fleißig und sparsam. Spekulirt nicht! E» ist kein Seg:n dabei, selbst wenn e« gelingt. Legt Eure ganze Energie in die Führung Eures gewählten Berufs. Dienet Bott und habt ihn immer vor Augen; gegen Menschen seid liebreich, zuvorkommend und b.scheio n, und cS wird Euch wolflgehei, auch ohne Reichthu«. Mein letzte« Wart an Euch ist: Ehret Eure Mutter! Erleichtert ihr den trauriaeu Wittwenstand. Lastet ihr den Genuß d.« kleinen Nachlasse» nngcftOtt und helfet nach, wo e« seh.en sollte. Lebe wohl, Frau und Linder! Noch ein«, Kinder. Ich weiß wohl, Ihr könnt nicht; wenn Ihr auch wolltet. Euer Judeinhum üben nach meiner Austastung und wie ich «6 geübt. Bleibt aber Jusen und, - lebt al« Juden in der besten Weist Eurer Zeit. Nicht &»»> ■ für Euch, saudera,auch roß cS gilt,, tzü.« Ganze zu . ' __ ■. '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.