Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 10 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
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Und nun stand die Goethetortr wie da« verschleierte Bild von Sols mitten ans de« Tische. Brn dem Ernst und der Wichtigkeit deS Momentdurchdrungen, trat jetzt Dichter Wersak mit einer Rolle in der Hand hart vor d!c verhallte Goethetortr hin. und nachdem er die Rolle auseinandergemacht, strich er sich den Schnurrbart r>.-cht« und link- und begann mit feierlicher Stimme sein Gedicht, dessen Anfang und Refrain in folgenden Berstn anSklang: „Sei unS gegrüßt in Jubelfeier, Dichter an OlympeSpforte! Wie ein Bermächtniß hoch und theuer Ist uns Deine LiedlingStorte — Wir kosten sic mit heiligem Feuer, Wie Deine großen Dichterworie, Und zollen ihr die Ruhmessteuer: Sei gegrüßt, Du Goethetortr! Nach dieser mit feurigem Pathos vom Herrn Wersak vorgetragenen Hymne trat Fräulein Olga heran, um durch die Enthüllung der Torte dem schönen Goethcknltu« den würdigen Abschluß zu geben; aber, o weh, kaum, daß sie den Deckel weg that und die Torte enthüllte, wich sie erblaßt mit dem Schrcckcnsrnfe zurück: „Herr Jesus und alle Heiligen!" Was sic nämlich enthüllte, war keine Gocthetorte, sondern eine rstsige „Eabbatkug'el", die in Schmalzthränen sich schier anflösen wollte. Auch der Herr Heinrich war von diesem nncnvarteten Anblick so betäubt, daß er, die ganze illustre Gcstllschaft vergeffrnd, sein Weib beim Arme packte: „Um GotteSwillen, Ester Jitte, waS ist denn geschehen?" Aber diese starrte wie geistesabwesend auf da» Monstrum auf oem Tische und brach endlich in den gewohnten Echmerzensrnf auS: „Ach, eine Kugel hat mich getroffen!" „Und eine Sabdaihkugel dazus" ergänzte der Steuereinnehmer, der sich zum Tische hindrängte und mit einem Messer, da« er vom Tische ergriff, sich ein großes Stück Kugel herunterschnitt, das er hastig sich in den Mund steckte. Die anderen Herren, die Offiziere nicht ausgeschlossen, folgten seinem Beispiele und fielen wie die Bienen über die Kugel her, so daß, bevor man sich'« versah, von ihr keine Spur zu sehe« war. Die Damen lachten, daß ihnen da» Wasser über die Wangen lief. Fräulein Olga hingegen wandte entsetzt die Augen weg, um nicht die Schmach mftanzusehen, während chrr Mutter, die Frau Janette, der vor Wuth schier die Galle platzte, wie besessen in die Küche stürzte, um sich auf die Köchin zu werstn, aber sie war nicht mehr dort zu treffen, da sie inzwischen ihren Dienst bei der Rachbarin angetreten hatte. 4 » « Ich setze von Dir voraus, lieber Leser, daß Du ein mitleidvolles Menschenherz in Deiner Brust trägst und unterlasse eS daher, Dir den weitereit" Verlauf de« Abend«, der überreich war an Hohn und Schmach, au«führlich zu schildern. In einem abgesonderten Eckzimmer zusammen» .treffend, geriethen Vater, Mutter und Tochter heftig aneinander. indem jeder die Schuld auf den andern wälzte, inKft die lieben Gäste in dem Salon wie in einer Nacht» schenke hausten. Mit wenigen Worten gesagt, Frau Janette kifltte recht, r« war ein „tartarischer Abend". Wa« ich Dir ater, lieber Äser, nicht verschweigen kann, ist. daß Fräulein Olga einen Tag später schon wieder mit de» Hülferufe: .Herr Jesu« nnd alle Heiligen!" balbohnmächtig auf da« Sofa zurücksank. Als sie nämlich da« Lokalblatt zur Hand nahm, fand sie darin eine Schilderung ihre« literarychen AlendS, mit dem bissigen Rachsatze, daß unter dem F«nhäudchen der schönen Zauberin, die alle Welt behext, sich auch die Goethetortr verwandelt hatte, nnd zwar in ein« «^^cttotorte, da» heißt in eine Sabbathkngel. Znm Schlüsse folgte noch eine treffliche Parodie a uf die vom. Dichter Wevak verfaßte Goethehymne, Dan welcher wir hier den Schlußoer« folge« lassen: „Sei rn» gegrüßt in Jubelfeier Du Maanakost der Hnnmettpforte! Wie rin Bermächtniß hoch und cheuer. Tragen wir Dich von Ort zu Ort«. Du bist gespickt mit Schmalz und Eier Und mit Rosinen bester Sorte — Heilige Kugel, ungeheuer Sei un« gegrüßt. Du Ghettotorte! „Me ivürße er «msseSe»!- Jüdstch« Silhouette von Ratha» Lamuely. Beinah« die Hälfte der Menschen, behauptet eiu Gelehrter unserer Zeit, gehört in einer gewissen Richtung dem Irrens hause. In nnrfern jener pessimistische Philosoph recht ist hier nicht meine Sache zu ergründen, aber da« liehe jelnnfallS mit Recht behaupten, daß e» selten einen Mensck gibt, bei dem e« nicht etwas happert, in dessen Geistesleben nicht ein Punkt, eine Stelle vorhanden sein soll, die von tiefer Nacht bedeckt ist, so daß kein Lichtstrahl der Vernunft einzudringen vermag. Manche Menschen gar wären grade« z» mit jener Uhr zu vergleichen, deren Zeiger sich regelmäßig ut Kreisläufe bewegen, jedoch an einem bestimmten Punkte sich immer stauen und stehen bleiben, sei e«, daß genau an d'eser Stelle da« innere Getriebe etwa« defekt sei, oder daß hier durch irgend ein Hemmniß die Zeiger auf «inanderstoßen und sich gegenseitig in der Fortbewegung hindern. Mein Freund Selig, von dem ick hier erzählen will, hatte, wie es schien, in seinem geistigen Uhrwerke solch' eine« wunden Punkh über den er sich nicht hinweghelstn konnte nnd bei dem der Zeiger seiner Vernunft immer eine Stan» ung erlitt, so daß er anhalten mußte . . . Woher dgs kam? das weiß nur jener große Uhrmacher, der das.innere Räderroerk der geistigen Maschine kennt... Jenes Hinderniß fixirte sich bei ihm in der Frage: „Wie würde es auSsehen?" Er warin jeder Beziehung «in Heller, klar denkender Kopf» gelangter jedoch an jenen wunden Punkt» erfaßte ihn nämlich die Manie, zu wisse«, wie diese« oder jenes unter gewissen Umstände« anSseben würde, da stochte in ihm aus einmal dageistige Uhrwerk, "da verlor seine Bernunft alle Herrschaft und kein noch so schlechter Streich hielt > ihn davon ab, sein« Neugierde zu befriedigen. Ich hatte Oe-- legenheit ihn seit seiner Kindhett zu beobachten und in verschieden«« Zeitabschnitten e« mit anznsehen, wie jener Dän»- von Neugierde in ihm zum Ausbruche kam, stet« znneha und iu Begleitung von immer findigeren Mitteln. Da« erste Mal, da ich jene seltsam« Manie in ihm ge» wahrte, war schon in seiner Kindheit. /. Eine« Tage« nämlich brachte chm sa* Vater zu«' Präsente «in fthr schöne« Buch mit Sammetcinband u*», Goldschnitt, rin Präsait» da« ihn schier närrisch vor Freuds» «acht«. Al» ich jedoch tag» drauf .zu Hm nach Hanse kan^^ fand ich ihn mit verweinten Lügen. . »Wa» ist Dir denn?" staeck, ich ihn. .Ach bekam vom «ater Schläge," enoiederte er mit s klagender Stimme. . „Und warum Bevor er jedoch Zeit hatte, fiel mein Blick ans de»i Tisch, wo ich jene» Buch gewahrte, aber wie unkenntlich! nnd gräßlich entstell«! Der blaue Sammtüberzna war demsaben hernntergeschnuden, so daß «» »ft dem funk»! Goldschnitt und den primitiven Pappendeckeln ein gar: komisckst» An»fth«n hatte. „Was ist denn da»?" floate ich befremdet. „Da» ist e» ja, warum ich Schläge bekam," gestand er-j „Und wer hat Dir denn Dein schöne« Bach so zcr-j schunden?"