Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 9 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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zwei R esenspießen auslief. Ein andeler wieder, ein Milchbart vrn einem Lieutenant, der erst jüngst sein« Ernennung erhielt, erzählt seiner Dame ein Langes «ad Breites von dem RegimentSkommandu und dem letzthin stattgefundenen Herbstmanövcr, worauf er zu den Repetiergewehren überging und den Kruppschen Kanonen letzter Construction. Das scheint die Dame sehr lebhaft zu interesstren, denn sie reißt von Zeit zu Zeit Mund und Augen aus. Sie gähnt nämlich, wodurch sie ein feines Berstäodniß für seine Sack)« bekundet. Offizier jedoch fährt unbekümmert dessen in seiner Auseinandersetzung fort und geräth am Ende in einen solchen Eifer, daß er feine Dame im buchstäblichen Sinne wie einen Rekruten abzurichten anfing: .Man zieht das Gewehr fest an sich, richtet den Lauf, spannt den Hahn und dann — bumS! —" Wieder eilt Anderer, ein junger Don Juan, unterhält seine Dame mit selbsterlrbten Abenteuern, was sie sonderlich zu ergötzen schien, denn man hörte jedesmal ein belle» Lache» während die Backfische verständnisvoll leise in sich hinrinkicknrn. Manche älteren Damen wieder zischeln sich Ohr an Ohr BcrschicdeneS zn, wa§, wie ihre bösen Augen verrathrn, keineswegs eine Abhandlung von dem Gottesreichc auf Erden zu sein scheint. Die älteren Herren wieder überließen ihre Frauen und Töchter den Herren Offizieren und machten sich über die Spieltische her, was jedoch Herr Heinrich verhinderte, denn das Kartenspiel bildete laut Programm erst den zweiten Theil deS Abends. Der Herr Steuereinnehmer war darüber so ergrimmt, daß er in ein Tonnerwett:r ausbrach: .Kreuz, Himmel, Sakrament! Hast Du uns hergerufcn, um uns mit den Narreteien Deiner Tochter zu langweilen?" Aber der Herr Heinrich kannte das geheime Zaubermittelchen, durch welches dieser Wüthrich gebändigt werden konnte. Er ließ eine große Flasche Wein vor ihn hinstellcn und im Nu war der Zorn verrauscht. Madame Janette rauschte unterdessen mit ihrer langen Seid« »schleppe im Saale herum und gab sich eifrige Mühe, die Gäste zu unterhalten, indem sie jeden von ihnen verbindlich anlächelte» ohne nur ein Wort zu sprechen; denn mach der Blamage mit dem .tartarischen Abend" nahm sie -hre Tochter Olga aus eine Seite und crtheilte ihr folgende Zimchlweisung: .Um Gotteswillrn Mama, Sie blamiren mich ja, — müssen Sie denn reden? Sehen Sic wie der Papa nur das Allernothwendigstc svricht. Begnügen Sie sich damit hier zu lächeln, dort freundlich zu nicken und hier wieder eine freundliche Miene zu machen, das reicht vollkomvicn aus. Ihr Sprechen skandalisirt mir ja den ganzen Abend!" Madame Janette behiwzigte die Zurechtweisung ihrer Tochter und spielte von jenem Augenblick an nur .die Stumme von Portici". .Sic sind sehr hübsch eingerichtet", sagte ihr die Frau Bürgermeisterin. Madame Janette lächelte verbindlich, ganz wie Fräulein Tochter besohlen. „Wo haben Sic sich die Möbelstücke angeschafft?" fragte die Frau Bürgermeffterin. Da reichte ein Lächeln nicht mehr aus. Madame Janette sah sich vorsichtig um, ob das gestrenge Fräulein "Tochter nicht in der Näh« sei. .In Wien, allergnädigste Frau Bürgermeisterin", und da ne einmal ins Reden gekommen, drängt« sich ihr «in Kurzer Schwall aus dem Munde. Doch die .allergnädigste Fron Bürgermeisterin" fiel ihr mit einer weiteren Frage in« Wort: „Das ist wahrscheinlich Alles nach dem Geschmack Ihrer Tochter — nicht?" „Ihrer Tochter" — da gerieth Madame Janette au» alle, Banden und ftuthenweise strömte es aus ihr: „Was wissen Sie, allergnädigste Frau Bürgermeisterin, toa;. sie ist, meine Llgaleb — ein Philisoph, ich sage Ihnen eia Philisoph. noch mehr als ein Philisoph. Nicht umsonst lieben sie die Herren Offizier« alle. Sie küssen ihr jede» J Fußtritt ab ... Und was für Blumen sie von ihnm jeden * Tag bekommt — ganze Haufen! Und diesen tar—. nein, wollte sagen, diesen ararischen Abend, meinen sie. wer hat ihn ausgedacht? Wieder unsere Olga. Da hat sie gelesen in der Zeitung von der Goethetortc. Sie ist tcrnarrt, sage ich Ihnen, in diesen Goethe. Ich möchte Ihnen nur wünschen, allergnädigste Frau Bürgermeisterin, sie sollen sie hören, wie sie reklannrt von ihm: „Festgemauett in der Erden." Ich sage Ihnen, man könnte da aufs Gesicht fallen und weine«, doch Sic werden Sie ja bald hören!" Madame Janette, hie in ihrem Eifer eS nicht einmal beachtete, wie die Frau Bürgermeisterin sich schier dir Lippeg abbiß, um nicht in ein laute» Gelächter loszuplatzen, kam jetzt erst recht in die Redewuth. Doch zu ihrem Berdrusse öffnete sich jetzt die Thüre deS Klavirrzimmer» und der Herr Wersak trat pathetisch hinein, mit einem ganzen Stoß Papier» streistn in der Hand, von welchen er einem jeden der Gäste mit einer zierlichen Verbeugung ein» hinlanate. E» war da« ' Programm des littrrarischen Abends in folgender Ordnung:! 1. „Der Erlkönig." Text von Goethe, Musik von Schubert. Borgetragen von Herrn Brummer, mit Klavier- , begleitung von Fräulein Olga. L. Ein Gesangsstück au» der Faustoper: .Meine Ruhe ist hin." Solo von Fräulein Olga, mit Klavierbegleitung von Herrn JaschinSki. 3» Auftischung der Goethetortc. 4. Eine Hymne, versaßt und vorgetragen von Herr» Theodor Wersak. 8. Enthüllung der Goethetoite durch Fräulein Olga. (Schluß folgt.) Sine zeitg,mät< A«mi»itce»j. In jetziger Zeit, in welcher der fatalistische „Blutader» glaube" wieder in den Köpfen aller Judenfeinde spukt, die' dieses Märchen der dummgläubigcn Menge auszuschwaNe« lemüht sind, berust man sich auch wieder auf die Blntonklage von Damaskus und stellt die Sache so dar, al< ob die jüdischen Angeklagten nicht deshalb freimlassen wurden weil ihre Unschuld erwiesen worden, sondern weil die Untersuchung mit einem „non liqnet“ endete, die Angelegenheit wäre überhaupt nicht aufgeklätt worden. Bekanntlich ist das Gegentheil wahr, wie Jeder in Graetz (Grsch. d: Juden Band 11, S. 511—541) Nachlese» kan«. Da« Hauptverdienst, die Sache aufgehellt zu haben, grbühtt be» knntlich de» unvrrgeßllchcu Srchwaltern de» Judenthuw«, Moses Montefior« und Adolf Eremieux. — Beider Andenken sei zum Segen! — Bon hohem aktuellem Interesse dürste ein bisher »ngedruckter Brief de» gelehrten Reffebegleitrr» Montcfiore'», de» sel. Dr. E. L oew« sein, ve« er damals an seine Geschwister in Oberschlesten schrieb, worin er die Audienz beim Sultan schildert. Der Brief lautet wie folgt: Konstantinopel, 1. November 1840 (5601). Geliebte Schwestern! Ich schreibe Euch heute einen besonderen Brief, weil ich vermuthlich m'cht wieder Gelegenheit haben werde. Euch über einen solch' interessanten Gegenstand zu schreiben. Ich habe Euch in «ehrereu Briefen schon geschrieoen, daß wir die JSraniteu in DamaskaS nicht nur in Freiheit gesetzt haben, sondern auch ihre Unschuld erklärt haben. Mit andere« Worte», wir haben von Mohamrd All selbst den Besthl empfangen, sie in Freiheit zu setzen und ihnen Freiheit und Ehre zu geben, all« Achtung ihnen widerfahren zu lassen, wie jedem Muselman. Obwohl in diesem Schreiben da» Wort .verzeihen" anfangs zu lesen war, zeigte ich, sobald ich in der türkische» Kopie diese» Wort gewahr ward, Sir MoseS Montefior« diesen ungerechten Ausdruck an, und «S wurde ein anderer Brief geschrieben, der