Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1892
- Issue
- 9 (1892)
- Date
- 1892-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Nachdem die Gastgeber sie als alte Hausfreund«! begrübt hatten, hieb sic auch Fräulein Olga mit einem freundlichen Kopfnicken willkommen uud unterhielt sich mit ihnen über das Arrangement des Abend». Inzwischen lieb sich vor der Thüre eine Art Wiehern vernehmen, wodurch der Herr Steuereinnehmer regelmäßig seine Ankunft anmeldetr. Und wirklich stieh er bald darauf di« Thüre auf und erschien in Rahmen derselben, halb bc» trvnkni wie immer, mit einem.aufgedunsene» Gesichte und einer kcmnoisinrothen Rase, di« in Schtveißtropsen perlte. Madame Ja nette und ihr Mann begrüßten ihn ivie -einen alten, guten Bekannten. ,WaS ist denn heute »i Euch für ein Fest?" fragte er mit roher Stimme die sfrau Janrtte, die ihn in den Salon begleitete. .Heute ist tei unS eln .tartarifcher Abend" für Goethe", erwiderte sie mit stolzer ttelnrlegenheit... .Was?" fragte er, „wa,tmacht Ihr heute?" .Run, einen tar—" ,. .Einen litterarischen Abend", fiel ihr Fräulein Olga rasch mSWort, die blitzschnell herluigeeilt war, weil sie «Nefahr im Verzüge sah. ' »Einen litteranschen Ab:nd, das hört sich an", gab der Herr Steuereinnehmer zu; uid zu Herrn Heinrich gewendet sagte er: »Hast Du gehört. Dein Weib macht einm taetaristhen Abend. Versteht sie aber so einem fremden Worte den GarouS zu machen, dag die Drutfchmacl-er, die jedes Fremdwort in der deutschen Sprache zu vernichten suckxn, chre Freud« an ihr hätten! Weißt Tu, für meinen Erzfeind, den Kassirrr GrabowSki, hübe ich nur einen Wunsch —" »Und der wäre?" .Daß au» ihm ein Fremdwort würde und er käme Deinem Weibe in den Mun!>." .Und was wäre dann?" »Du fragst noch, Du Tölpel? Dann würde sie ihm zurichten, daß ich eS ihm gar nicht besser wünschen könnte!" »Ein verrückter Einfall!" lacht« Herr Heinrich. .Jetzt aber sage mir, Freundchen", nahm wieder der Herr Steuereinnehmer du» Wort, .und Du machst allen Ernstes einen (itttrarifdfat Abend?" .Run, was läßt sich dagegen thun? Meine Tochter har sich in_ben Äotof gesetzt, sie will einen littrrarischeu Abend!" Dem« T« ~ ' * .«ar? vnll Dich justement zum Litteraten machen? Armer Herschku, da kann ich Dir nur einen Rarh ertheilen." .Run?" .Du lägt einfach für mich einen Liter Wein eigschenke» und für Dich einen und dann lvcrden wir beide di« rechten Literaten für Deinen Abend sein— verstanden?" .Ja, daS bekommst Du bald. Du alter Säufer!" vertröstete ihn Herr Heinrich; .aber sag' mir nur. wo hast Du Dein Weib und Deine Töchter zurückgrlasscn?" »Weibervolk kriecht nach", gab er grobkörnig zur Antwort; .da kommt sic schon!" Wirklich öffnete sich in diesem Augenblick die Thüre und die Frau Steuereinnehmer trat ein: ein hageres, überwachsenes Weib, mit zwei üppigen, nntersetztrn Töchtern, die ihr rechts und links am Arme hingen, so daß sic wie ein Wajsereimrr mit zwei nachhängcndr» Kannen aussah. .4f< Es erfolgte eine laute Begrüßung, ein Auswusch von Küsse» und eine Versicherung deS höchsten Entzücken» über das gegenseitige AuSjehcn. Aber Fräulein Olga konnte fick) nur für wenige Augenblicke diesen Gäste» widmen, weil ein lustiges Säbclgcrasscl vor der Thüre ihr die Ankunft neuer Gäste ankündigte, von denen jeder Einzelne ihr viel lieber war, als sämmtliche Steuereinnehmerfrauen der Welt mH* sammt ihren Töchtern. Wirklich marschirte aus einmal eine ganze Gruppe junger Ofsiciere herein. Wie die Bienen uwschwärmten sie sofort das :öausfräuicin. das von diesen Heldcnsöhnen mit Eomplimentc» wie mit Feuerkugeln von allen Seiten beschossen w»irde, so daß die ohnedies etwa» | schon gerüttelte Festung Gefahr lies sich auf Gnade und Uuguadc zu ergeben. Rur höchst ungern entzog sich Fräulein Olga diesem ihr so wohlthuendcn Bombardement, denn ein Zug von neuen Gästen drängte jetzt ins Zimmer, darunter der Bürgermeister sanintt Frau und Töchtern, auch der Avothekcr und seine Frau mit e'nier ganzen Schaar von Töchtern diversen Alters, und endlich auch die- Säule der Stadt, der Herr Bczirk»ha»ptmann mit seinem kleinen zehnjährigen Töchterchen. Alles redete durchcüm»der, bujj man nur ein babylonisches Stimmengewirr zu hören glaubte. Fra» Jaoettc lachte alle so glückselig a», daß ihr volles, breites' Kinn auf einmal einen ganzen Anhang von mehreren Fortsetzungen erhielt. — Eine Kleinigkeit diese Ehre; wer nicht da Alles auf den .tortarischeu Abend" zu ihr ins Haus kommt, sogar di« höchsten Würdenträger. Müßte da nicht der Nachbarin vor Neid die Galle playen! Di« illustre Gesellschaft begab sich darauf, je eine Dame am Arme eine» Manne», in den Salon, wo sie in verschiedene Gruppen sich theiltcn. Die Herren Offiziere boten daS Möglichst« auf, die jungen Damen zu unterbauen. Qku$ mannigfaltig sind aber auch die Swffe, die hur behandelt werden. Hur erklärt ein Offizier mit eine« mächtige« Schnurrbart seiner Lame, daß die „freie Liebe" dem Menschen die hitchste Glückseligkeit bringen könnte; und um ihr dazu bttveisen, kräuselte er sich de« Schnurrbart, daß er in